Süddeutsche Zeitung

Führungsstreit bei Volkswagen:Was treibt Piëch?

  • Die Situation an der Spitze von Volkswagen ist unübersichtlich. Für Außenstehende ist der Konflikt kaum noch zu nachzuvollziehen.
  • Am Donnerstag sagte Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, dass er die Ablösung von Konzernchef Martin Winterkorn nicht betreibe.
  • In gut zwei Wochen trifft sich der Aufsichtsrat, einen Tag später ist in Hannover Aktionärsversammlung. Dort droht ein Eklat.

Analyse von Thomas Fromm

Die vergangenen zwei Wochen bei VW sind noch ein Wirtschaftskrimi mit klassischer Drehbuch-Dramaturgie: Ein 78 Jahre alter Aufsichtsratschef, Ferdinand Piëch, versucht seinen Vorstandsvorsitzenden, Martin Winterkorn, mit einem Satz ("Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.") aus dem Weg zu fegen. Distanz, das bedeutet bei Piëch: Es ist aus.

In kürzester Zeit bildet sich eine Allianz im Aufsichtsrat. Männer wie VW-Miteigentümer Wolfgang Porsche, VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und Niedersachsens Landeschef Stephan Weil (SPD) gaben nach einer Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums vor einer Woche eine siebenzeilige Erklärung ab und stellen sich hinter den 67-jährigen Winterkorn.

So weit, so einfach - dachte man sich.

Es ging um einen ganz besonderen Krimi. Einen Krimi aber auch, bei dem jeder ahnte, dass die Sache noch nicht ausgestanden ist, eben weil niemand erwartete, dass Ferdinand Piëch Ruhe geben würde. Der Patriarch und VW-Miteigner zieht sich nicht zurück, nur weil andere Menschen die Dinge anders sehen.

An diesem Donnerstag nun kippte die Dramaturgie. Um dies zu verstehen, muss man die Geschichte dieses Donnerstags und seiner Vorgeschichte der Reihe nach erzählen.

Am Mittwoch soll es, so berichten Konzernkreise, zunächst zu einem Treffen der VW-Großaktionäre Porsche und Piëch gekommen sein. Ziel, offenbar: VW-Aufsichtsratschef Piëch habe in Gesprächen mit den Familienmitgliedern ausloten wollen, ob Winterkorn nicht doch noch vor der Hauptversammlung des Konzerns am 5. Mai zu kippen ist. Auf der Ersatzbank, einsatzbereit: Porsche-Chef Matthias Müller und Škoda-Chef Winfried Vahland. Beide Marken sind VW-Töchter, beide Manager gelten zurzeit als potenzielle Nachfolger für Winterkorn.

Vorausgesetzt, er geht. "Piëch versucht Winterkorn abzulösen", titelte die Nachrichtenagentur dpa dann am Donnerstag. Es klang wie schon vor zwei Wochen. Auch hier wieder: So weit, so klar. Über das Ergebnis der Gespräche der Piëchs und der Porsches wurde offiziell nichts bekannt gegeben; es heißt jedoch, die Porsches blieben bei ihrem Nein zur Ablösung Winterkorns.

Was heißt Zukunft für einen Konzern, wenn stündlich um das Schicksal des Chefs gerungen wird?

Eine verfahrene Situation: Der eine will ablösen, die anderen wollen nicht mitmachen, und derjenige, um den es geht, will erst recht nicht abgelöst werden. Denn Winterkorn hat seit der Präsidiumssitzung am vergangenem Donnerstag eine Art Ehrenerklärung der Piëch-Gegner in der Tasche. Darin wird Wiko, wie er in Wolfsburg genannt wird, zum "bestmöglichen" Konzernlenker erklärt; sogar eine Vertragsverlängerung über das Jahr 2016 hinaus wird ihm in Aussicht gestellt.

Business as usual: Als die neusten Spekulationen über den Ticker laufen, ist Winterkorn gerade mit Ingenieuren zusammen und lässt sich die neuesten IT-Trends im Auto zeigen. Ein Zukunftsthema in der Automobilindustrie. Aber was heißt schon Zukunft in einem Konzern, wo stündlich um die Zukunft seines Topmanagements gerungen wird? Wo Zukunft in diesen Tagen etwas sehr Relatives sein kann?

Dann, kurz nach Donnerstagmittag, meldet sich Piëch zu Wort, zum ersten Mal seit zwei Wochen. Was er der Bild-Zeitung sagt, ist ein Dementi: "Ich betreibe die Ablösung von Martin Winterkorn nicht." Ein starker Satz, der eigentlich einen Schlusspunkt setzen könnte. Wäre die Sache nur nicht so verworren.

Denn inzwischen ist der Krimi wie folgt aufgebaut:

1. Kapitel: Piëch geht auf Distanz. 2. Kapitel: Die anderen gehen auf Winterkorn zu. 3. Kapitel: Aufbau einer Schutzmacht; nun sind die anderen auf Distanz zum Patriarchen. 4. Kapitel: Die längst erwartete zweite Attacke. Dann Kapitel 5: Alles wird gut. Man habe sich schon "letzte Woche ausgesprochen" und "auf eine Zusammenarbeit geeinigt", sagt Piëch.

Spätestens jetzt ist aus dem Wirtschaftskrimi eine Farce geworden. Eine Art absurdes Theater, das nicht mehr nach den Regeln des Wirtschaftskrimis funktioniert: Konflikt, Spannung, Auflösung. Der Konflikt - kaum noch zu verstehen. Die Auflösung? Ein einziges Rätsel. Die Akteure - mindestens genauso rätselhaft.

Ratlosigkeit am Donnerstagnachmittag bei allen Beteiligten. Und zwei Interpretationen des neuen Schauspiels. Eine geht so: Piëch habe am Mittwoch erkannt, dass er nicht weiterkommt - und einen wohlformulierten Rückzieher gemacht. Die andere Interpretation geht etwas anders: Nebelkerzen und Konfusion als stilistische Einlagen, um das Stück weiter in Richtung Ende zu treiben. Denn der Machtkampf geht - trotz aller Erklärungen von allen Seiten - offenbar mit Härte weiter.

Piëch muss inzwischen selbst auf der Hut sein. Sein einsames Vorpreschen bei Winterkorn hat viele verärgert. Noch am vergangenen Wochenende hieß es, der Patriarch selbst sei nach seiner Niederlage im Kampf um Winterkorn nun angezählt. Andererseits: Schon der Vorstandschef ist wegen der Führungskrise im Konzern schwer angeschlagen. Eine weitere Baustelle am Aufsichtsratsvorsitz kann sich - zumindest in diesen Wochen - niemand leisten.

Das Drama strebt so oder so in Richtung Höhepunkt: Am 5. Mai treffen sich die VW-Aktionäre zur Hauptversammlung in Hannover, am Tag davor kommt der Aufsichtsrat zusammen. Ebenfalls am 4. Mai werden sich die sechs Mitglieder des Präsidiums erneut treffen, um die Hauptversammlung vorzubereiten. So ist es jedes Mal, bevor alle 20 Kontrolleure zusammenkommen.

"Hier muss dann dafür gesorgt werden, dass die Hauptversammlung anständig ablaufen kann", heißt es aus Kreisen des Aufsichtsrates. Nichts wäre für den Konzern fataler als ein Eklat während der jährlichen Aktionärsversammlung. Längst aber wissen alle Beteiligten, dass ein Eklat inzwischen so gut wie unvermeidbar geworden ist. Offen ist nur, wie genau er aussehen - und wer dann überhaupt noch an Bord sein wird. Zwei Wochen, nachdem die Sache mit Piëchs kurzer Distanz-Ansage ins Rollen kam, ist alles offen. Es gibt Erklärungen von allen Beteiligten, von denen keiner weiß, was sie im Ernstfall wert sind.

Im Konzern arbeiten 600 000 Menschen. Mitarbeiter, die in diesen Tagen nicht so genau verstehen, was an der Unternehmensspitze gerade vor sich geht.

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SZ vom 24.04.2015/jasch
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