Krypto-Börse FTX:150 000 Euro - einfach weg

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Krypto-Börse FTX: Die Illustration zeigt einen fiktiven Bitcoin-Anleger: Bei der Pleite der Krypto-Börse FTX verschwanden bis zu zehn Milliarden Dollar.

Die Illustration zeigt einen fiktiven Bitcoin-Anleger: Bei der Pleite der Krypto-Börse FTX verschwanden bis zu zehn Milliarden Dollar.

(Foto: Illustration: Jessy Asmus)

Julius H. wollte auf der Börse FTX das große Geschäft machen. Mit ihrer Pleite ist sein Traum geplatzt. Eine Geschichte über den Krypto-Wahnsinn.

Von Jannis Brühl und Benjamin Emonts

Am Nachmittag des 11. November sieht Julius H. auf Twitter die verheerende Nachricht. FTX, die große Börse für Kryptowährungen, hat Insolvenz angemeldet. Chaos bricht aus. H. kann sein Konto auf der Website von FTX nicht mehr öffnen. 150 000 Euro sind erst einmal weg. Im Minutentakt klingelt sein Telefon, die Anrufer sind wütend. Einer hält ihm vor, ihn bestohlen zu haben. Ein anderer will sofort sein Geld. Binnen Minuten bricht alles über dem jungen Mann zusammen. "Ich stand plötzlich da wie der absolute Buhmann", sagt er. "Ich konnte drei Nächte lang nicht mehr schlafen."

Seine Geschichte erzählt Julius H. in einem Kellerbüro in München-Großhadern. Er bittet, seinen Nachnamen in der Zeitung nicht auszuschreiben, er fürchte um sein Ansehen als Unternehmer. Bis zum 11. November sah sich der 27-Jährige am Beginn einer erfolgreichen Krypto-Karriere. Gleich nach Bekanntwerden der Pleite war er von seinem neuen Wohnsitz in Malta nach München geflogen, um bei seiner Familie Abstand zu gewinnen. Doch auch dort lässt ihn die Geschichte nicht los.

Kryptowährungen sind ohne Zentralbanken geschaffene, nur digital existierende Geldanlagen, die in den vergangenen Jahren einen Spekulationsboom erlebten, am bekanntesten sind Bitcoin und Ether. Seit dem Frühjahr sind die Kurse der meisten Kryptowährungen eingebrochen. Viele Unternehmen, die "Krypto" zum Zentrum ihres Geschäftsmodells machten, sind pleite.

Mutmaßlich wurden weltweit eine Million Menschen um ihr Geld geprellt

Die Plattform FTX war einer der größten Handelsplätze in dieser Blase. Mutmaßlich hat sie weltweit rund eine Million Menschen um ihre Einlagen geprellt. Berichten zufolge geht es um bis zu zehn Milliarden Dollar, bei einem Teil des Geldes ist völlig unklar, wo es ist. Einen großen Teil hat FTX-Gründer Sam Bankman-Fried offenbar abgezweigt, um seinen Krypto-Hedgefonds Alameda Research vor dem Konkurs zu bewahren. Alameda investierte, kaufte im Abschwung der Kryptowährungen andere Firmen in der Branche auf und verhob sich dabei. Vieles deutet darauf hin, dass Bankman-Fried das Geld von Kunden wie Julius H. verzockt hat - eine Todsünde in der Finanzwelt. Denn sie macht eine Finanzfirma zwangsläufig zum Schneeballsystem: Kunden, die Geld abziehen, bekommen die Einlagen anderer Kunden, von denen irgendwann zu wenige da sind. Crash, Boom, Bang.

Alameda ist ebenfalls untergegangen. US-Medien berichten über ausschweifende Partys, Drogen und millionenschwere Immobiliendeals im Umfeld der Firmen von Bankman-Fried. Die junge FTX-Führungsclique ließ es am Firmensitz auf den Bahamas wohl ordentlich krachen, während Bankman-Fried das Geld der Kunden verspielte. Allein auf der Karibikinsel soll die Clique Immobilien für 120 Millionen Dollar gekauft haben.

Es ist ein Crash, der die Zweifel am Krypto-System nährt, das Geschäftsleute, Influencer und Medien über Jahre gepriesen haben: Bereichert sich hier in Wahrheit eine Horde Betrüger, indem sie jungen Menschen eine neue Finanzwelt voller revolutionärer Technologien verspricht?

Bankman-Frieds Imperium ist nun praktisch wertlos. Dass es zum Symbol einer Branche geworden ist, die auf Sand gebaut ist, birgt eine gewisse Ironie. Bis vor wenigen Wochen bewunderten Krypto-Fans den erst 30-Jährigen und seine Clique für ihre Erfolge und ihren Lifestyle. Ihre Geschichte zahlte auf den Traum ihrer Jünger ein: mit Krypto schnell reich werden, kein 08/15-Job mehr, ein Leben im Luxus. "Have fun staying poor", rufen Krypto-Jünger Skeptikern gern zu: "Viel Spaß beim Armbleiben."

Dicke Autos, teure Uhren, Hubschrauber und Yacht

Auch Julius H. träumt. Er ist einer jener jungen, meist männlichen Menschen, die im weltweiten Krypto-Zirkus schnelles Geld machten. Eloquent, sportlich, schwarze Kleidung, Dreitagebart. Er bemüht sich, wie jemand zu wirken, der sich nicht nur Ziele setzt, sondern sie auch umsetzt. Mit 27 hat er in München schon drei Einzelhandelsgeschäfte mit aufgebaut. 2015 hatte er seine ersten Bitcoin gekauft. Die erste Hochphase der Münzen im Jahr 2017 - "Bull Run" im Jargon - brachte ihm einen sechsstelligen Gewinn ein. Auf seinem Smartphone zeigt H. ungefragt mehrere Videos, die ihn mit dicken Autos und teuren Uhren zeigen. In einem Clip fliegt er mit Kumpels Hubschrauber und lenkt eine Yacht.

Auf der Plattform FTX wollte H. das Handeln mit Kryptowährungen zu seinem Beruf machen. Für sein Start-up hatte er alles in die Wege geleitet. Im Mai war er von München nach Malta gezogen, in der Szene als "Blockchain-Island" bekannt. Malta lockt Gründer wie H. an. Die dortige Finanzaufsicht verkauft gegen sechsstellige Gebühren und überschaubare Auflagen europaweit gültige Lizenzen, die das Handeln und Verwalten von Kryptowährungen ermöglichen. H. steckte mitten im Genehmigungsprozess, als FTX unterging.

Auch die ersten potenziellen Kunden hatte er schon gewonnen. Etwa 20 Bekannte und Freunde hätten ihm in Aussicht gestellt, ihr Geld bei ihm anzulegen, sagt er. Einige hatten auf seine Empfehlung hin schon eigene Konten bei FTX eröffnet, die H. gegen Provision im Erfolgsfall verwalten sollte. Seine Mutter zahlte seinen Angaben zufolge 200 000 Euro auf der Plattform ein, die Mutter seiner Freundin 10 000. Ein Bekannter aus Dubai soll gar einen Millionenbetrag transferiert haben. Nachweisen kann H. das nicht. Er zeigt nur einen Chat, in dem er augenscheinlich mit dem Partner den Deal anbahnt. An die FTX-Konten kommt niemand mehr ran, um Zahlungen nachzuvollziehen.

Spricht man mit den Verlierern der FTX-Pleite, passt H.s Geschichte ins Bild. FTX galt als Kryptobörse für Fortgeschrittene. Neben Kleinanlegern, die auf der Plattform mit "Spielgeld" zockten, lockte sie Großinvestoren, vermeintliche Profi-Trader und gehobene Amateure an. Das Angebot auf der Börse ging weit über das Kaufen und Verkaufen von Kryptowährungen hinaus. Die Macher boten zahlreiche Derivate an - spezialisierte Wetten auf die wilden Kurse der Kryptowährungen. Die Nutzer konnten damit etwa auf fallende Kurse einzelner Münzen setzen, auch mit "Hebel", also als besonders riskante Wette auf Kredit.

Vertrauen hatte FTX durch seine Außendarstellung gewonnen. Berühmtheiten wie die Tennisspielerin Naomi Osaka und Footballspieler Tom Brady warben für das Unternehmen, FTX sponserte ein Formel-1-Team und zahlte 135 Millionen Dollar, damit sein Name auf der Basketball-Halle der Miami Heat prangte. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock investierte in FTX. Auch Pensionskassen und erfahrene Geldgeber aus dem Silicon Valley kauften Bankman-Fried seine Geschichte ab. Der erst 30-Jährige inszenierte sich als Wunderkind. Trotz seines kolportierten Vermögens von 26 Milliarden Dollar fuhr er Toyota Corolla und schlief im Büro. Politikern präsentierte er sich als der einzig Vernünftige in der wilden Branche. Auch Julius H. glaubte an ihn. "Für mich war er eine Art Steve Jobs."

"Der Handel mit Kryptowährungen zieht im großen Stil Betrüger an"

Fragt man einen Sprecher der deutschen Finanzaufsicht Bafin, klingt wenig Mitleid mit FTX-Kunden durch: "Die Regeln zur Einlagensicherung und Anlegerentschädigung greifen für Anleger von Kryptowerten regelmäßig nicht. Die Bafin hat daher bereits mehrfach vor Anlagen in Kryptowerte gewarnt." Für FTX zuständig ist die Bafin ohnehin nicht. Sie verweist auf die Aufsichtsbehörde von Zypern, dort war das EU-Geschäft von FTX lizensiert. Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg warnt, dass Geschäfte mit ausländischen Finanzinstituten, die nicht von deutschen Aufsichtsbehörden überwacht werden, ein besonders hohes Risiko darstellten. "Nach allem, was wir täglich aus unserer Beratung erfahren, zieht gerade der Handel mit Kryptowerten im großen Stil auch Betrüger an."

Der Fall zeigt, dass viele Anleger Kryptowährungen offenbar nicht richtig verstanden haben. Die Währungen bringen - wenn überhaupt - nur dann einen Vorteil, wenn ihre Besitzer sie auch geschützt auf einem isolierten Wertspeicher verwalten, damit sie vor Börsen- und Bankenpleiten geschützt sind. Dass viele Anleger ihre Münzen dennoch auf zentralen Börsen halten, ist geradezu paradox. Schließlich ist die Idee hinter Kryptowährungen, zentrale Finanzinstitutionen zu umgehen. Die Szene wird auch vom Glauben zusammengehalten, dass traditionelle Banken, Notenbanken und Aufsichtsbehörden die Menschen in Ketten halten.

Dass Kunden große Summen zurückbekommen, ist unwahrscheinlich. FTX fehlen Milliarden, der Insolvenzverwalter klagt über undurchschaubare interne Dokumente. Auf Zypern könnte eine staatliche Ausfallversicherung Kunden bis zu 20 000 Euro ersetzen. Julius H. will abwarten. Wenn eine Sammelklage erhoben wird, würden er und seine Bekannten mitmachen. Die Aussichten sind aber schlecht. Nach einer anderen großen Krypto-Pleite - der Börse Mt. Gox im Jahr 2014 - haben Kunden bis heute ihre Bitcoin nicht wiederbekommen.

Aber Krypto, das heißt auch: blinder Glaube. Bei einem zweiten Treffen in einem Restaurant wirkt H. nicht mehr niedergeschlagen, sind seine Selbstvorwürfe wie verflogen. Seine größte Enttäuschung, sagt er, sei nicht das verlorene Geld, sondern dass die Menschen ihm nun nicht mehr vertrauten. Er sehe den FTX-Crash vor allem als vertane Chance, sein geplantes Business zu starten. Durch das eingesammelte Startkapital hatte er sich hohe Provisionen versprochen.

Nun teilten ihm seine Anwälte mit, dass sein Lizenzantrag wegen der Turbulenzen am Krypto-Markt vorerst ausgesetzt worden sei. Seine Geschäftsidee ist gescheitert. Julius H. sagt, er wolle sich nun wie in seinen Anfangsjahren mit Kryptowährungen einen neuen Kapitalstock aufbauen. Einige seiner Luxusuhren, das zeigt er am Bildschirm, bietet er schon zum Verkauf an. Er braucht Geld, um in Krypto zu investieren. Denn in einem ist er sich sicher: "Der nächste Bull Run wird kommen."

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