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Touristik:Schnell, günstig, ungewiss

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Werden die Menschen in diesem und im kommenden Jahr wie vor der Pandemie verreisen? Viele Experten halten das für unwahrscheinlich.

(Foto: imago)

Der Reiseanbieter FTI ist bekannt für Billigangebote. Probleme hatte er schon vor der Pandemie, doch nun steht er vor der Frage, ob das eigene Konzept überhaupt noch eine Zukunft hat.

Von Lea Hampel

Groß, aber nicht allzu bekannt zu sein, kann gelegentlich Vorteile haben - besonders, wenn auch die Kritik proportional zur Bekanntheit wächst. Das dürfte man sich derzeit auch in der Landsberger Straße in München denken, wo FTI seinen Hauptsitz hat. Während Tui und die Lufthansa teils hässliche Kommentare ernteten für Milliardenhilfen vom deutschen Staat, war FTI selten Ziel von Häme. Dabei hat auch der hinter Tui und Dertour drittgrößte Reiseanbieter Europas seit Beginn der Corona-Pandemie bereits zwei Mal Staatsgeld erhalten.

Prominent hin oder her, interessant ist der Fall vor allem deshalb, weil FTI bislang auf billige Pauschalreisen setzte. Offen ist jedoch, ob das Prinzip "Schnell billig weg" nach der Pandemie noch funktionieren wird - oder sich das Reisen nachhaltig wandelt.

Dabei war eine Woche Sonne, Pool und Buffet für wenige Hundert Euro gar nicht die ursprüngliche Idee, als der Österreicher Dietmar Gunz Anfang der 1980er-Jahre das Unternehmen gründete. Der einstige Reiseleiter setzte zunächst auf Sprachreisen. Erst im Laufe der 1990er-Jahre wurde, unter zahlreichen Zu- und Verkäufen, aus FTI das, was manche Branchenkenner mit einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung den "billigen Jakob aus München" nennen. Unter dessen Dach vereinten sich bis kurz vor der Pandemie die Reiselinien von Lidl und Aldi, aber auch 5vorFlug und fly.de.

Eine Firma im Dauerkrisenmodus

In Schwierigkeiten war FTI schon vor den Zeiten weltweiter Reisewarnungen. Einerseits war das Unternehmen der am schnellsten wachsende Pauschalreiseanbieter des Landes, mit Jahreszuwächsen von zehn Prozent. Andererseits generierten die hohen Umsätze - 2019 etwa mehr als vier Milliarden Euro - nur geringe Gewinne, und vor allem das Eigenkapital war teils sehr gering. Bereits 2014 hatte deshalb der ägyptische Milliardär und Touristikinvestor Samih Sawiris ein Drittel von FTI übernommen.

Seit Beginn der Pandemie befindet sich die Firma nun, wie viele in der Branche, im Dauerkrisenmodus. Dabei lag die Hauptaufgabe anfangs vor allem in Rückabwicklungen. Doch obwohl man sich redlich bemühte, scheint die Krise auch diese Firma in mehrfacher Hinsicht überrollt zu haben. Aus Reisebüros ist zu hören, dass die Rückzahlung der Kundengelder teils Monate gedauert hat. Online reihen sich Kundenbewertungen in wütenden Großbuchstaben aneinander. Geschäftsführer Ralph Schiller sagt, man habe zwar nach bestem Wissen und Gewissen agiert, "vielleicht aber nicht immer sofort die perfekte Lösung parat gehabt". Es sei ein riesiger logistischer Aufwand bei dieser Unternehmensgröße, "für ein derartiges Ausmaß kann man keinen Notfallplan in der Tasche haben". Warum, verdeutlicht er am "Gesetz der großen Zahl": Wenn nur vier Prozent der Rückbuchungen einer Reise schiefliefen, seien das im Zweifelsfall Hunderte Betroffene. Das Krisenmanagement hänge zudem an vielen Faktoren: Viele Kreditkartendienstleister seien beispielsweise nicht auf Rückzahlungen in diesem Ausmaß vorbereitet.

Nachdem alle Gäste zurücktransportiert und die Rückabwicklungen erledigt waren, ist das Unternehmen zwar weitere Schritte gegangen, um durch die Krise zu kommen. Recht schnell fiel etwa die Entscheidung, Kataloge nur noch digital zu veröffentlichen. "Das Thema war schon lange auf der Tagesordnung", sagt Schiller. Gleichzeitig wurde auf der Angebotsseite gekürzt: Die Website fly.de wurde eingestellt, ein veraltetes Kreuzfahrtschiff abgestoßen, das Sprachprogramm LAL, einst Keimzelle des Unternehmens, abgestoßen. Zudem wurden Außendienstler entlassen und das Berliner Servicecenter geschlossen, Mitarbeiter und Manager haben auf Teile ihrer Gehälter verzichtet.

Doch da es absehbar war, dass die Maßnahmen nicht ausreichen würden, sprang recht früh Samih Sawiris wieder ein, im April 2020. Drei Viertel des Unternehmens gehören seitdem dem Ägypter. Sein Engagement war Voraussetzung für ein mehrere Hundert Millionen Euro umfassendes Finanzpaket mit Bund, Land Bayern und der Unicredit. Weitere Hilfen wurden im November nötig, FTI erhielt vom Wirtschaftsstabilisierungsfonds erneut 250 Millionen Euro.

Mit einem neuen Inhaber kommt eine neue Strategie

Die Änderungen in den Finanzstrukturen dürften auch im Unternehmen ihre Folgen haben: Der ägyptische Geldgeber will künftig seine Rolle ausbauen. Ein erster Schritt ist bereits erfolgt: Gründer und Langzeitgeschäftsführer Gunz ist seit 2021 nur noch Aufsichtsratschef. Zwar bleibt seine Frau Roula Jouny im Unternehmen, aber der neue Chef der Hotelsparte, Karim Hassan, kommt aus Sawiris' Schweizer Unternehmen. Insgesamt stehe der Management- und Eigentümerwechsel aber nur bedingt für einen Strategiewechsel, sagt Geschäftsführer Schiller. Man sei weiter ein privat geführtes Touristikunternehmen. "Das hat uns in der Vergangenheit stark gemacht, wir konnten beispielsweise auch mal antizyklisch agieren", sagt er. Beispielsweise setzte FTI direkt nach den Terroranschlägen trotzdem auf Ägypten und wirbt jetzt, trotz politischer Differenzen, erfolgreich für die Türkei.

Bleibt die Frage, wie es in den kommenden Monaten und Jahren weitergeht. Erst kürzlich hatte Tui-Chef Fritz Joussen betont, angesichts der vergangenen Monate müsse 2021 ein Jahr der "großen Margen" werden. In der Branche glauben das viele - doch wie soll das gehen, wenn man als Markenkern den günstigen Urlaub hat? Auf höhere Margen hofft zwar auch Schiller. Dass sie eintreten, zweifelt er aber zumindest an. Zwar wird Reisehunger herrschen, in Umfragen geben die Menschen regelmäßig an, diese Tätigkeit am meisten zu vermissen. Doch die Transparenz durch Onlineportale, die zuletzt die Margen gedrückt hat, werde bleiben, glaubt Schiller. Auch der Markt für Pauschalreisen werde sich nicht wesentlich konsolidieren. 2021 sieht er ohnehin, wie viele in der Branche, als "Übergangsjahr".

Hinzu kommt, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass die Menschen genau wie vor der Pandemie verreisen. Volle Flieger, Drängeln vor dem Buffet und dicht besetzte Transferbusse sind derzeit jedenfalls schwer vorstellbar. Ralph Schiller freilich ist überzeugt: "Wir alle werden das wieder ein bisschen mehr genießen." Dass die Menschen dabei auf die Variante schnell und günstig verzichten, hält er höchstens für einen kurzfristigen Effekt. "Die Welt ist und bleibt schnelllebig." Wann es so weit ist? "Mal sehen." Prognosen wagt er schon lange keine mehr.

© SZ/vit
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