Es ist kein Gutachten wie jedes andere, das da an diesem Donnerstag veröffentlicht wird: Die fünf großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute stellen ihren 150. Bericht vor. Und gleichzeitig dürfte die Prognose selten zuvor mit so viel Unsicherheit behaftet gewesen sein wie dieses Mal. Zum einen wankt die Weltwirtschaft gerade sehr heftig. Niemand weiß, ob die erratische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump auch nach seiner jüngsten Wende zu einer weltweiten Rezession oder gar einer Finanzkrise führen wird, die auch Deutschland heftig treffen könnte. Gleichzeitig hat sich zwar gerade eine neue Bundesregierung gebildet. Wer künftig das Bundeswirtschaftsministerium führt, was genau die neue Koalition wirtschaftlich anpackt und welche angekündigten Maßnahmen wirklich finanziert werden können: Alles unklar.
Mit einem überraschenden wirtschaftlichen Rückenwind kann die neue schwarz-rote Regierung jedenfalls nicht rechnen. Die Experten erwarten in ihrem Frühjahrsgutachten für dieses Jahr nur ein Mini-Wachstum für Deutschland in Höhe von 0,1 Prozent, wobei die möglichen negativen Zolleffekte der jüngsten Maßnahmen noch gar nicht berücksichtigt sind. Im September wurde noch mit einem Plus von 0,8 Prozent gerechnet. Immerhin: Nach zwei Jahren ohne Wachstum könnte es so ein ganz kleines Plus geben. 2023 war Europas größte Volkswirtschaft um 0,3 Prozent geschrumpft, 2024 dann noch mal um 0,2 Prozent. Für 2026 gehen die Institute nach wie vor von einem kräftigen Plus von dann 1,3 Prozent aus.
Aber sicher ist auch das nicht. „Erhebliche Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland gehen von der Handelspolitik der USA aus“, steht in dem Gutachten. Die Zollpolitik der USA deute nach wie vor auf eine Eskalation. „Die negativen Wirkungen auf beide Wirtschaftsräume dürften dann deutlich stärker sein als in dieser Prognose unterstellt“, heißt es. Allerdings könnten Verhandlungen zwischen der EU und den USA den transatlantischen Konflikt auch wieder entschärfen, „bis hin zu einem vollständigen Verzicht auf bilaterale Zölle“. In der Nacht zum Donnerstag hatte US-Präsident Trump viele Zölle wieder ausgesetzt, zunächst für 90 Tage.
Die Frühjahrsprognose dient der Bundesregierung als Basis für ihre neuen Projektionen, die wiederum die Grundlage für die Steuerschätzung bilden, also für die Frage, wie viel Geld überhaupt zur Verfügung steht. Erstellt wird sie vom RWI in Essen, vom Ifo-Institut in München, vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, vom IWH in Halle und vom Berliner Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Die Regierungspläne von Union und SPD würden die Probleme der deutschen Wirtschaft kaum lösen können, sagte Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft: „Das bloße Abarbeiten des Koalitionsvertrags allein wird kaum ausreichen.“Es gebe zwar Lichtblicke, die zeigten, dass die Parteien die Kernprobleme erkannt hätten. Genannt werden etwa die geplanten Superabschreibungen. Problematisch seien aber die fehlenden Lösungsansätze bei den sozialen Sicherheitssystemen und für Arbeitsanreize. Insgesamt hätten sich Union und SPD eher Maßnahmen zur Bekämpfung von Symptomen vorgenommen als ein wirkliches Umsteuern, so die Kritik.
Die Institute erwarten auch, dass in diesem Jahr kaum zusätzliche Mittel für Verteidigung und Investitionen abgerufen werden. Gleichzeitig könnten voraussichtlich Konsolidierungsschritte unterbleiben, die ohne die Änderung der Finanzverfassung erforderlich gewesen wären. „Die Mittel aus den zusätzlichen Verschuldungsspielräumen dürften nach und nach expansiv wirken, drohen aber den privaten Konsum und private Investitionen zu verdrängen“, warnen die Ökonomen.
Deutsche Unternehmen haben schwer zu kämpfen
Für 2026 rechnen die Ökonomen dann mit Mehrausgaben für Investitionen in Höhe von rund 24 Milliarden Euro, damit könnte, so die Berechnung, das Bruttoinlandsprodukt um zusätzlich etwa 0,5 Prozentpunkte steigen. Aber die Experten sagen auch: Von Mehrausgaben für Verteidigung und Infrastruktur profitierten eher kleine Wirtschaftsbereiche, die aber bereits gut ausgelastet sind, so könnten die Preise dort weiter steigen und Engpässe entstehen.
„Zusätzlich sehen sich deutsche Unternehmen einem verstärkten internationalen Wettbewerb ausgesetzt – vor allem aus China“, sagt Torsten Schmidt, RWI-Konjunkturchef. Nicht zuletzt würden strukturelle Schwächen wie der Fachkräftemangel und hohe bürokratische Hürden die Wachstumskräfte belasten. Dazu kämen Energiekrise, eine schwindende Erwerbsbevölkerung und hoher bürokratischer Aufwand.
Erwartet wird vor diesem Hintergrund auch eine weiter steigende Arbeitslosigkeit. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt habe sich ohnehin schon spürbar verschlechtert, steht in dem Gutachten. Seit Mitte 2022 sei die Zahl der Arbeitslosen um 20 Prozent gestiegen, die Arbeitslosenquote nahm von fünf Prozent auf 6,3 Prozent zu. Für die kommenden Monate gehen die Institute davon aus, dass die Arbeitslosigkeit weiter zunehmen wird. Erst wenn sich die wirtschaftliche Situation im Verlauf des Jahres 2026 verbessert, ist wieder von einer sinkenden Arbeitslosigkeit auszugehen. Gleichzeitig wird nur mit einer leichten Abschwächung der Inflation gerechnet. Die Phase der Leitzinssenkungen dürfte demnächst zu Ende gehen, heißt es weiter.
Aber wie gesagt: Es kann auch alles ganz anders kommen.


