Friedrich Merz Gehört ein Millionär zur Mitte?

Will CDU-Chef werden: Friedrich Merz.

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Er sei Millionär, sagt Friedrich Merz in einem Interview, und zählt sich zur "gehobenen Mittelschicht". Das war womöglich ein Fehler.

Von Alexander Hagelüken

Ist Friedrich Merz Millionär? Das kann, wenn ein gut verdienender Wirtschaftsanwalt die Volkspartei CDU übernehmen will, durchaus eine heikle Frage sein. Merz, der nach Medienberichten ein Haus am Tegernsee und zwei Flugzeuge besitzt, wand sich im Gespräch mit Bild-Lesern ("Ich lebe in geordneten Verhältnissen"). Bis er doch einräumte, Millionär zu sein. Merz wollte diesen wuchtigen Begriff jedoch sofort relativieren: Er zähle sich zur "gehobenen Mittelschicht", sagte er. Das war womöglich ein Fehler.

"Herr Merz gehört nach jeder Definition zur oberen Oberschicht", sagt der Soziologe Gerhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen. Ein Mittelschicht-Single verdient 1300 bis 2700 Euro netto im Monat, rechnet Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung vor. Bei einer vierköpfigen Familie zählt er Verdienste zwischen 2700 und 5700 Euro zur Mittelschicht. Selbst wer die Gruppe wie andere Forscher großzügiger definiert, dürfte kaum zu Merz vorstoßen, der seit 2005 Partner bei der Anwaltskanzlei Mayer Brown ist und heute auch deutscher Aufsichtsratschef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock.

Ein mittlerer deutscher Haushalt besitzt nach Befragungen der Europäischen Zentralbank 60 000 Euro. Da sticht der Millionär Merz heraus. "Er gehört zu den obersten ein Prozent in Deutschland", sagt Markus Grabka, der gut versteht, warum sich der CDU-Kandidat anders einordnet: "In Deutschland wirkt es auf durchschnittliche Wähler eher abschreckend, wenn sich jemand zur Oberschicht zählt." In den USA kann Donald Trump punkten, wenn er mit seinem Reichtum protzt. In Deutschland zählen sich die meisten Bürger am liebsten zur Mitte, selbst wenn sie mehr verdienen - oder weniger.

Oberschicht klingt zu sehr nach Protz, Unterschicht nach Hartz. So war das Sehnsuchtsziel von Millionen stets die Mitte. Seit dem Zweiten Weltkrieg stand sie für Aufstieg, der auch dem Arbeiter möglich war - von der Mietskaserne mit Klo auf dem Gang zum Häuschen im Grünen. Der Soziologe Helmut Schelsky rief in den 1950er-Jahren die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" aus: Sie ersetze den Gegensatz von Arbeitern und Kapitalisten. In der Bundesrepublik war die Mitte stets breiter als in Nachbarländern.

Seit allerdings Globalisierung und moderne Technologien die Wirtschaft durcheinanderwirbeln, schrumpft die Mittelschicht, so mehrere Studien. Oft stagniert ihr Einkommen. "Viele verdienen schlechter, weil für sie anders als in früheren Zeiten kein Tarifvertrag mehr gilt", erklärt Gerhard Bosch. "Sie haben eine Riesenangst vor dem Abstieg, denn da droht Hartz IV." Der US-Ökonom Branko Milanović macht den Niedergang der Mitte in vielen Industriestaaten für den Aufstieg der Rechtspopulisten von Trump bis AfD verantwortlich.

Daher überlegen sich mehr und mehr etablierte Parteien, wie sie die Mittelschicht stärken können; vielleicht auch bald CDU-Kandidat Friedrich Merz. Seinen Vorschlag, den Solidaritätszuschlag für alle abzuschaffen, hält Ökonom Grabka allerdings für grundfalsch: "Davon würden vor allem Besserverdiener wie Merz selbst profitieren." Grabka rät, nur die Mittelschicht zu entlasten - also nicht Millionäre.

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