Frickes Welt:Sanieren ohne Luftballons

Macht der Weltspartag noch Sinn? Angesichts der extrem niedrigen Zinsen könnte man da so seine Zweifel haben, aber so schlecht ist die Lage nicht.

Es gibt so schöne Gedenktage wie den Weltschlaftag, den Weltamateurfunktag oder den Welttag des Pinguins. Und dann gibt es den Weltspartag. Der ist an diesem Freitag. Und weniger schön. Was früher einmal Anlass war, vor der Sparkasse lustige Luftballons aufzuhängen, hat mittlerweile etwas von Volkstrauertag - seit bei der Sparbuchverzinsung erst die zweite Stelle hinter dem Komma ausgewiesen wird, weil vor dem Komma ohnehin null steht. Schlimm. Dabei gibt es mindestens zwei bis drei Gründe, darüber froh zu sein.

Dazu zählen die 100 Milliarden Euro, die unser Finanzminister gespart hat, weil er kaum noch Zinsen auf Staatsschulden zahlen musste, wie Reint Gropp vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kürzlich vorgerechnet hat. Mit jedem neuen Krisenschub flüchteten mehr Anleger in scheinbar sichere deutsche Staatsanleihen, was die Zinsen - logisch - immer weiter fallen ließ. Kurz: Ohne den griechischen Ex-Finanzminister Varoufakis hätte Schäuble gar keine so schwarze Null, sondern ein zweistelliges Milliardendefizit. Oder er hätte sich das Geld bei uns holen müssen. Dann hätten wir zwar mehr Zinsen aufs Ersparte, aber weniger Erspartes, weil wir einen Teil unseres Geldes in Form zusätzlicher Steuern an den Finanzminister hätten überweisen müssen. Auch nicht ideal.

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Zu den schönen Seiten der Nullzinsen zählt noch etwas anderes, weniger Bekanntes: dass das billige Geld hilft, einen Schuldenboom umzukehren, den es (auch) in Deutschland bei den Privathaushalten bis in die 2000er-Jahre hinein gab. Mit dem Platzen mancher Einheitsillusion von blühenden Landschaften und boomenden Immobilien schnellte die Verschuldung in den Neunzigerjahren hoch - von weniger als dem Zweifachen auf fast das Dreifache der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung. Macht gut sechs Billionen Euro Kredit. Kein Wunder, dass die Deutschen danach über Jahre hinweg viel gespart haben, um Kredite abzubezahlen.

Die Wende setzte in den späteren 2000er-Jahren ein. Beschleunigt wurde sie nach Ausbruch der Finanzkrise, als die Zinsen gegen null rauschten. Nach IWH-Berechnungen haben Deutschlands private Schuldner allein in den vergangenen Jahren dank Nullzinsen fast 20 Milliarden Euro gespart. Das hat zu einem nennenswerten Teil dazu beigetragen, dass die Schuldenquote zuletzt in erhöhtem Tempo fiel. Womöglich haben die Nullzinsen sogar geholfen, eine Schuldenkrise bei den Deutschen zu verhindern.

Nimmt man beides zusammen - private wie staatliche Schulden -, zählen die Deutschen ziemlich klar zu den Profiteuren der Niedrigzinszeit. Und: ökonomisch hat die Sache etwas Logisches. Wenn die Zinsen so stark gesunken sind, ist das auch die Folge einer vorangegangenen globalen Schuldensause. Wenn plötzlich alle ihre Schulden zurückzahlen wollen (und müssen), sinkt die Nachfrage nach Krediten. Und denen, die Kredite anbieten, bleibt nichts anderes übrig, als die Zinsen zu senken. Voilà, billiges Geld. Was umgekehrt wiederum dazu beiträgt, die Schuldenkrise schneller zu überwinden. So eine Art Selbstreinigung. Die deutsche Schuldenquote nähert sich nach einigen Jahren Nullzins wieder dem Niveau zu Beginn der Neunzigerjahre, vor Rausch und bösem Erwachen.

Wenn das stimmt, können die Zinsen irgendwann auch wieder steigen - wenn die Schulden dank Niedrigzinsen hinreichend abgebaut sind. Dann kann der Sparkassenchef auch die Luftballons zum Gedenktag wieder herausholen.

© SZ vom 30.10.2015
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