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Freihandel:Falscher Ozean

A worker rides a bicycle in a container area at a port in Tokyo

Ein Arbeiter radelt durch einen Containerhafen in der japanischen Hauptstadt Tokio: Japan gehört wie zehn andere Pazifikanrainer zum Wirtschaftsblock TPP. Doch auch Großbritannien will dieser Freihandelszone beitreten. Brexit-Fans sehen den Austritt als Befreiung vom Protektionismus der EU an.

(Foto: Toru Hanai/Reuters)

In sechs Monaten ist Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU. Die Regierung will deshalb Freihandelsverträge in aller Welt abschließen - sogar mit einem Wirtschaftsblock, der ganz weit weg ist.

In diesem Klub sind sehr unterschiedliche Staaten: etwa Peru, Mexiko und Kanada. Oder Japan, Vietnam und Australien. Was die Länder eint, ist ihre Lage am Pazifik. Daher nannten sie den Wirtschaftsblock, zu dem sie sich zusammenschlossen, Trans-Pacific Partnership (TPP). TPP ist ein Freihandelsabkommen, das Zölle abschafft und Exporte vereinfacht. Nach dem Wahlsieg von Donald Trump stiegen die USA aus dem Projekt aus; die verbleibenden elf Mitglieder halten daran fest. Um in Kraft zu treten, muss der Vertrag noch von den Parlamenten abgesegnet werden.

Nun könnte diese Pazifik-Gruppe Zuwachs von unerwarteter Seite erhalten: von einem Staat, der von viel Wasser umgeben ist, aber nicht vom Pazifik. Großbritannien erwägt für die Zeit nach dem Brexit einen Beitritt zu TPP - raus aus Europa, ab in den Pazifik. Der japanische Premierminister Shinzo Abe begrüßt das Ansinnen. In einem Interview mit der Financial Times sagte er, der Wirtschaftsverbund werde das Königreich "mit offenen Armen" empfangen. Vorigen Monat hatte der britische Außenminister Jeremy Hunt Japan besucht, seine Gastgeber mit einer Rede auf Japanisch beeindruckt und das Interesse seines Landes an TPP bekräftigt.

Visionen von einfacherem Handel mit der anderen Seite des Globus passen zu den Versprechen der Brexit-Kampagne. Die Austritts-Fans klagen, dass die EU viel zu wenige Handelsverträge mit aufstrebenden Wirtschaftsmächten abgeschlossen habe. Der Brexit werde das Königreich von den protektionistischen Fesseln Brüssels befreien - und London schnell Freihandelsabkommen mit wichtigen Staaten unterzeichnen können, prophezeien die Scheidungs-Enthusiasten. Das Land, das bisher viel mehr ein- als ausführt, werde so zu einer Export-Macht aufsteigen.

Doch viele Unternehmer im Königreich lässt dieser Traum vom Export-Empire kalt. Sie beschäftigen sich stattdessen mit ganz konkreten Problemen, die der Brexit aufwirft. So haben sich Regierung und EU immer noch nicht auf ein Abkommen über die Bedingungen der Trennung geeinigt. Scheitern diese Gespräche, gibt es auch nicht die ausgemachte Übergangsphase, in der sich nach dem Brexit erst einmal nichts ändern würde. Ohne Übergangsphase werden Ende März Zölle für Geschäfte mit dem wichtigsten Handelspartner eingeführt: 44 Prozent der britischen Ausfuhren von Gütern und Dienstleistungen gingen 2017 in EU-Staaten.

Selbst wenn sich London und Brüssel einigen und die Übergangsphase kommt, ist offen, wie die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Festland langfristig aussehen. Gespräche über einen Handelsvertrag beginnen erst nach dem Brexit-Termin. Manager hassen solche Ungewissheit: In exportabhängigen Branchen wie der Autoindustrie sinken daher bereits die Investitionen.

Zu den lautstärksten Mahnern im Wirtschaftslager gehören ausgerechnet japanische Konzerne - keine Spur von asiatischer Zurückhaltung. Die freundlichen Worte des japanischen Premiers in Sachen TPP helfen diesen Firmen wenig. Nissan betreibt in Sunderland im armen Nordosten Englands die größte Autofabrik des Königreichs. Das Management warnte jetzt, dass ein Austritt ohne Abkommen und mit Zöllen "ernste Folgen" hätte. "Reibungsloser Handel" mit dem Festland habe hinter dem Erfolg des Werks gestanden.

Der Elektronikkonzern Panasonic verlegt seine Europazentrale von England nach Amsterdam und begründet dies mit möglichen Nachteilen durch den Brexit. Die japanischen Banken Nomura, Daiwa und Sumitomo Mitsui betreiben wegen des EU-Austritts ihr Europageschäft künftig in Frankfurt. Der Vorsitzende des japanischen Wirtschaftsverbands Nippon Keidanren, Hiroaki Nakanishi, klagt, die britische Regierung gehe nicht auf die Sorgen der Unternehmer ein. Jeder Minister sende "eine etwas unterschiedliche" Botschaft. Viele japanische Konzerne kamen in den Achtzigerjahren nach Großbritannien, um die Insel als Basis für Geschäfte in Europa zu nutzen. Zölle und Kontrollen von Lastern in Häfen bedrohen das Modell.

Der Brexit könnte auch den Handel zwischen Großbritannien und Japan erschweren. Im Sommer unterzeichneten die EU und Japan ein Freihandelsabkommen. Nach dem Austritt profitiert Großbritannien nicht mehr von diesem und von ähnlichen EU-Verträgen mit anderen Staaten. London muss die Vertragspartner zunächst davon überzeugen, dem Königreich weiter den gleichen Zugang zu gewähren.

So etwas - und ungehinderte Geschäfte mit der EU - dürften für die meisten Unternehmer deutlich wichtiger sein als der Traum von der TPP-Mitgliedschaft.