Martin Horn steht vor dem Dokumentationszentrum Nationalsozialismus, das die Stadt erst im März vergangenen Jahres eingeweiht hat, ein Bau mit verglasten Rundbögen, nicht weit vom Freiburger Rathaus. Zwölf Millionen Euro hat man sich das Dokumentationszentrum kosten lassen, es widmet sich auf drei Etagen der NS-Geschichte der Stadt. „Da sieht man, dass was geht in Freiburg“, sagt der Oberbürgermeister der Stadt im äußersten Südwesten Deutschlands, und dreht sich um.
Gegenüber, im Colombipark, hat die Stadt einen neuen Brunnen bauen lassen und einen Spielplatz, dort, wo früher ein Drogenkonsumplatz war. Kostenpunkt: vier Millionen Euro. Vor einigen Jahren war hier noch eine vierspurige Straße, sie musste Platz machen für einen Fußgängerboulevard und eine neue Tramverbindung, für insgesamt 60 Millionen Euro. Und da ist auch noch das Westbad, das im vergangenen Jahr ein neues Außenbecken bekommen hat, für insgesamt elf Millionen Euro, die Stadt steuerte 6,5 Millionen bei.
Freiburg kann sich noch einiges leisten. Viele Städte in Deutschland müssen dagegen sparen und Leistungen kürzen oder Investitionen verschieben, denn die Gewerbesteuereinnahmen sind eingebrochen. Gewerbesteuern zahlen Unternehmen auf ihre Gewinne, an die Stadt, in der sie einen Sitz haben. Und weil die Gewinne in der Autoindustrie vergangenes Jahr geradezu implodiert sind, stehen vor allem die Autostädte nun mit deutlich weniger Einnahmen da.
In Stuttgart, der Heimat von Porsche, Mercedes und der Zulieferer Bosch und Mahle, sind die Gewerbesteuern um 43 Prozent eingebrochen, auf nur noch 750 Millionen Euro. Im Rathaus kursieren schon sogenannte „Giftlisten“ mit Vorschlägen, wo gekürzt werden soll. Welches Schwimmbad schließen muss und wie teuer die Kita-Gebühren werden. Die Volkswagen-Stadt Wolfsburg hatte im Rekordjahr 2023 noch 258 Millionen eingenommen, vergangenes Jahr waren es dann nur noch 150 Millionen. Und in Ingolstadt, Sitz der VW-Tochter Audi, sanken die Einnahmen um fast die Hälfte auf 55 Millionen Euro.
Mehr als ein Drittel der Gewerbeeinnahmen kommen aus dem Medizinbereich
Während es also stark kriselt in den klassischen Industrien, können sie sich in Freiburg glücklich schätzen, dass sie kein Industriestandort sind. Oberbürgermeister Martin Horn ist jetzt herübergelaufen zum Rathaus und hat in einem hellen Besprechungssaal Platz genommen, auf dem Tisch steht lokale Saftschorle. „Wir haben keinen Daimler, wir haben keinen Bosch. Bei uns wird kein Porsche produziert“, sagt Horn. „Stattdessen haben wir eine besondere Durchmischung aus Wissenschaft, Innovation und Mittelstand, dazu ein sehr starkes Medizincluster. Diese breite Aufstellung macht uns stabiler.“ Für das Jahr 2025 rechnet Horn mit Gewerbesteuereinnahmen von rund 260 Millionen Euro, nur minimal weniger also als im Vorjahr, als die Kommune 265,4 Millionen einnahm.

Mehr als ein Drittel der Gewerbeeinnahmen in Freiburg kommen aus dem Medizinbereich, zum Beispiel hat der US-Pharmakonzern Pfizer hier einen großen Standort. Große Gewerbesteuerzahler sind auch das Uniklinikum und das Energieunternehmen Badenova. Außerdem sind in Freiburg viele mittelständische Unternehmen zu Hause, etwa der Technologiedienstleister Alexander Bürkle, der Halbleiterhersteller TDK-Micronas oder die Molkerei Schwarzwaldmilch.
Freiburg bringt auch immer wieder erfolgreiche Neugründungen hervor. Die Albert-Ludwigs-Universität, die Uniklinik und fünf Fraunhofer-Institute bieten das passende Ökosystem, Gründungen gibt es vor allem in den Bereichen künstliche Intelligenz, Deep-Tech, Nachhaltigkeit und Medizintechnik. Im Next-Generation-Report des Start-up-Verbands landete Freiburg deutschlandweit auf Platz zehn bei den Neugründungen pro 100 000 Einwohnern.
Das wertvollste KI-Start-up Deutschlands kommt aus Freiburg
So kommt zum Beispiel das wertvollste KI-Start-up Deutschlands aus Freiburg: Black Forest Labs, gegründet 2024, ist aktuell mit 3,25 Milliarden US-Dollar bewertet. In der letzten Finanzierungsrunde sammelte es 300 Millionen Dollar ein. Black Forest Labs hat einen der weltweit besten Bildgeneratoren entwickelt und ist auf dem Gebiet inzwischen der größte Konkurrent von Google. „Ich bin hier in Freiburg geboren, mein Co-Gründer Andi kommt von hier“, sagte Gründer Robin Rombach kürzlich dem Handelsblatt. „Es ist schon ziemlich irre, dass wir aus unserem Heimatort eine solche Firma aufgebaut haben.“ Schon etwas älter, aber auch eine Erfolgsgeschichte, ist Jobrad, das seit seiner Gründung 2008 immer um zweistellige Prozentsätze gewachsen ist. Zuletzt ging das Wachstum zurück, weil es auch in der Fahrradindustrie kriselt, trotzdem bleibt das Unternehmen mit großem Abstand Marktführer unter den Dienstradleasinganbietern in Deutschland.
Die fünf Freiburger Fraunhofer-Institute bringen verlässlich Start-ups hervor. Allen voran das für Solare Energiesysteme ISE, das mit im Schnitt einer Ausgründung pro Jahr auf Platz drei steht unter allen Fraunhofer-Instituten. Ein Beispiel ist Nexwafe. Es hat eine Technologie entwickelt, um Siliziumwafer für Solarzellen herzustellen, die im Vergleich zu konventionellen Methoden um die Hälfte günstiger ist und 50 Prozent der CO₂-Emissionen einspart.
Andreas Bett arbeitet schon seit 1987 am Fraunhofer ISE, seit 2017 leitet er das Institut. Man trifft ihn an einem Tag im Januar in seinem Büro. „Freiburg ist eine extrem junge, dynamische Stadt – die Studierenden bringen Innovation und neue Ideen“, sagt er. Man habe hier eine gute Infrastruktur für Ausgründungen aus den Forschungsinstitutionen und aus der Universität heraus. Und die meisten Ausgründungen, sagt er, blieben der Stadt auch treu. Das liege auch daran, dass Freiburg eine lebenswerte Stadt sei. „Freiburg ist einfach attraktiv zum Leben. Es ist keine Großstadt wie München oder Berlin, aber bietet alles, was man braucht – und bleibt dabei überschaubar.“ Work-Life-Balance sei hier wichtig. Schwarzwald, Vogesen, Frankreich und die Schweiz, alles nicht weit weg. „Das macht den Standort besonders attraktiv“, sagt Bett.
Natürlich kann auch Freiburg sich nicht ganz abschotten von der Wirtschaftskrise, von den schlechten Nachrichten aus der Industrie. Auch im Breisgau merkt man Konjunkturabschwächungen. Doch sie kommen langsamer und abgeschwächter in der Stadt an.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass das neue Außenbecken des Westbads 15 Millionen Euro gekostet und die Stadt elf Millionen Euro beigesteuert habe. Das ist falsch. Das Becken hat elf Millionen Euro gekostet, der Anteil der Stadt lag bei 6,5 Millionen Euro.
