Frankreich vor der Wahl Frankreichs Banken fürchten sich vor dem Frexit

Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen verunsichert die Bankenbranche - nicht nur in Frankreich.

(Foto: Jean-Paul Pelissier/Reuters)
  • Frankreichs Unternehmen merken, dass ausländische Investoren zunehmend Furcht vor einem Wahlsieg der rechtsextremen Kandidatin Le Pen haben.
  • Sie möchte das Land am liebsten aus der Euro-Zone lösen. Banken fürchten, dass Sparer dann in Scharen zu den Geldautomaten laufen könnten, um Euros abzuheben.
Von Leo Klimm, Paris

Seine Kunden kennen nur noch dieses eine Thema: "Sobald wir ein Meeting beginnen, kommt systematisch die Frage nach Marine Le Pen", stöhnt ein Topmanager einer französischen Großbank. "Die ausländischen Investoren sind sehr beunruhigt." Fonds- und Vermögensverwalter aus aller Welt wollen von dem Pariser Banker wissen, was mit dem Euro passiert, falls Le Pen, die Chefin der rechtsextremen Partei Front National (FN), Anfang Mai zu Frankreichs Präsidentin gewählt wird. "Aber wir haben keine Strategien entwickelt, um Anleger vor dem Risiko eines Euro-Austritts zu schützen", sagt der Manager trotzig. "Wir haben keinen Plan B."

Einen Plan B zu haben, hieße ja schon, den Frexit ins Auge zu fassen und die Implosion Europas und des Euro in seiner heutigen Form einzukalkulieren. Das wollen Frankreichs Banken partout nicht. Denn sollte Le Pen ihr Ziel des Euro-Austritts tatsächlich erreichen, hätten sie in der Finanzwelt am meisten zu verlieren: Die Pariser Geldhäuser haben ihr Stammgeschäft in Frankreich, müssten vor einer Rückkehr zu einem abgewerteten Franc eine Kapitalflucht fürchten und würden am stärksten unter dem Wertverlust französischer Staatsanleihen leiden, von denen ein großer Teil in ihren Bilanzen steht.

Und jede einzelne der vier Großbanken des Landes - BNP Paribas, Société Générale, Crédit Agricole und die BPCE-Gruppe - ist schwergewichtig genug, um bei einer Schieflage nicht nur in Frankreich, sondern auch an den Märkten weitere Turbulenzen nach einem Frexit auszulösen. So heikel ist das Thema, dass kein Bankmanager in Paris öffentlich über das Thema sprechen will. Dennoch ist es in aller Munde.

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"Wir müssen ganz ruhig bleiben", sagt der Vorstand eines französischen Instituts. "Es stimmt, dass die Wut im Land groß ist, das macht die Sache schwer berechenbar." Die Frage der Berechenbarkeit ist die nach der Wahrscheinlichkeit eines Siegs von Le Pen. Alle Umfragen prognostizieren ihren Einzug in den Stichentscheid. Den verlöre sie den Demoskopen zufolge jedoch - zumindest, wenn die Wahlbeteiligung nicht ungewöhnlich niedrig ausfällt.

Davon ausgehend beziffert die Pariser Privatbank Oddo die Siegchancen der erklärten Euro-Feindin Le Pen auf genau elf Prozent. Ein Ökonom der Vermögensverwaltung beim Schweizer Bankhaus UBS dagegen hat das Risiko kürzlich auf 40 Prozent taxiert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es danach zum Euro-Austritt kommt, auf immerhin zehn bis 20 Prozent. UBS rät deshalb von französischen Aktien ab. Die Zurückhaltung von Investoren gegenüber Frankreich spiegelt sich schon in niedrigen Aktienbewertungen - nicht zuletzt in denen der Pariser Bankhäuser selbst.

"Sollten die Umfragen die FN-Stimmen zu gering gewichten und Le Pen im ersten Wahlgang mehr als 35 Prozent schaffen, wird es ein böses Erwachen, dann müssen wir Kapitalabflüsse fürchten", zitiert Le Monde den Lenker einer Genossenschaftsbank. Erst recht sorgt sich mancher vor einem sogenannten Bank Run, wenn eine Präsidentin Le Pen das von ihr versprochene Referendum über die Euro-Zugehörigkeit Frankreichs einleitet. "Noch am selben Tag würden sich Schlangen vor den Geldautomaten bilden", prophezeit ein Banker. Kapitalverkehrskontrollen seien dann unvermeidlich. Ein anderer beschwichtigt: "Ich glaube nicht an dieses Horrorszenario, weil andere Institute der Eurozone genauso betroffen wären wie wir." Ein paar wenige betuchte Privatkunden hätten zwar damit begonnen, Vermögen aus dem Euroraum abzuziehen. "Doch hier geht es auch darum, an der aktuellen Le-Pen-Spekulation zu verdienen."

Zeitungen drucken schon Tipps für nervöse Sparer

Wie ernsthaft der Frexit diskutiert wird, lässt sich aber daran erkennen, dass die Wirtschaftszeitung Les Echos bereits Tipps druckt, was Sparer gegen die Gefahr einer Rückkehr zum Franc tun können. Demnach sollen sie ihr Geld in luxemburgischen Lebensversicherungen sichern.

Frankreichs Banker verweisen unterdessen auf die Solidität ihrer Häuser - und hoffen einfach auf eine Niederlage Le Pens. Sie könnten ja wohl kaum einschlägige Versicherungen zeichnen, um sich gegen den Zahlungsausfall des Staats zu wappnen, sagt einer. Dazu hielten sie einfach zu viele Staatsanleihen. Anders als angelsächsische Banker, die sich in den vergangenen Wochen aus erster Hand bei FN-Parteioberen über die Frexit-Pläne informierten, meiden die Pariser Bankiers auch den direkten Kontakt zu den Rechtsextremen.

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Lieber klären sie ihre Großkunden über das politische System auf, das eine Wahl Le Pens tatsächlich unwahrscheinlich macht. "Sollte sie es doch schaffen, bräuchte sie noch eine Mehrheit bei der Parlamentswahl im Juni und einen Sieg im Euro-Referendum", sagt ein Vorstand. "Und falls Frankreich nach der Präsidentenwahl kein Geld mehr geliehen bekommt, hätte sich ihr Frexit-Plan schon vorher erledigt."