Frankreich Aufstand der Mittelschicht

In gelben Warnwesten blockieren sie Straßen, hier bei Valenciennes.

(Foto: AFP)
  • Eine Bürgerbewegung protestiert an diesem Samstag gegen Präsident Macron. Zehntausende in gelben Warnwesten blockieren Straßen.
  • Der Protest richtet sich gegen die steigende Spritsteuer. Aber es geht um mehr: In Frankreich rebelliert eine Mittelschicht, die sich an den Rand gedrückt fühlt.
  • Für Macron ist die Bewegung die bisher schwierigste Machtprobe.
Von Leo Klimm, La Tour du Pin

Die neongelbe Warnweste liegt hinter der Windschutzscheibe, von außen gut sichtbar. Darauf kommt es an. Cyrille Dhui parkt ihren Renault Kangoo auf dem zentralen Platz von La Tour du Pin. In vielen der Autos, die hier abgestellt sind, liegt auch, gut erkennbar, eine Warnweste. Und das ist in der Tat eine Warnung.

Nicht vor einem Unfall oder einer Panne. Die hässlichen Sicherheitskittel, die seit ein paar Jahren in jedem Auto mitgeführt werden müssen, sind eine Warnung an Emmanuel Macron, Frankreichs Präsidenten. Binnen weniger Wochen sind sie zum Erkennungszeichen wütender Bürger im ganzen Land geworden. In La Tour du Pin sind offensichtlich ziemlich viele ziemlich wütend auf Macron und seine Wirtschaftspolitik.

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Mit Warnwesten bekleidet blockieren an vielen Orten Frankreichs Demonstranten die Straßen. Nördlich von Grenoble ereignete sich ein tragischer Unfall, als eine Autofahrerin in Panik geriet.

"Die neue Umweltsteuer hat das Fass zum Überlaufen gebracht", sagt Dhui. Ab Januar wird in Frankreich pro Liter Diesel, wie ihn ihr Renault braucht, eine CO2-Steuer in Höhe von 6,5 Cent fällig; für Benzin beträgt sie 2,9 Cent. Dhui, 47, geschieden, zwei Kinder - fährt für ihren Job als Sozialarbeiterin täglich 60 Kilometer. Schon jetzt zahlt sie für Treibstoff wegen des gestiegenen Ölpreises 80 Euro mehr pro Monat als vor einem Jahr. "Die abgehobenen Politiker in Paris haben keine Ahnung, was das heißt, 80 Euro weniger im Portemonnaie zu haben", schimpft sie. "Es geht uns aber nicht bloß um die Umweltsteuer. Wir werden ausgequetscht wie Zitronen."

An diesem Samstag trägt Dhui mit einer Demo ihren Zorn und den vieler anderer in La Tour du Pin auf die Straße - so wie es überall in Frankreich Proteste der in kürzester Zeit entstandenen Bewegung der "Gelben Westen" gibt. Dhuis Facebook-Gruppe der Gelben Westen in La Tour du Pin zählte im Nu 700 Mitglieder. Das 8000-Einwohner-Städtchen in den französischen Voralpen war einst ein Zentrum der Textilindustrie. Wer heute noch Arbeit hat, muss dafür pendeln. Etwa ins 60 Kilometer westlich gelegene Lyon.

Bloquons tout!, lautet die Parole der Gelbwesten an diesem Wochenende. Lasst uns alles lahmlegen. An mindestens 600 Orten im Land wollen Bürger aus Protest gegen hohe Lebenshaltungskosten und Steuern Straßen, Kreisverkehre oder Autobahn-Mautstellen versperren. Mancherorts stellen Betriebe vorsichtshalber die Produktion ein, zum Beispiel ein Toyota-Werk in Nordfrankreich. Innenminister Christophe Castaner sprach am Samstag von mehr als 1000 Protestaktionen mit rund 50 000 Teilnehmern.

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Der Ärger richtet sich gegen den vermeintlich gierigen Staat im Allgemeinen und gegen Macron, den vermeintlichen Präsidenten der Reichen, im Besonderen. Den meisten Franzosen hat seine Politik bisher keine spürbaren Verbesserungen gebracht. "Vielen Arbeitnehmern und Rentnern reicht das Geld zum Leben nicht mehr", sagt Dhui. "Dies ist ein Aufstand gegen die Ungerechtigkeit!"

Es grummelt gewaltig in Frankreich. Wenn das Volk dort grummelt, haben die Machthaber Grund zur Sorge. Zur Zeit der Revolution entzündete sich die Wut am Brotpreis. "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen", soll Königin Marie-Antoinette dem notleidenden Volk einst geraten haben. Heute befeuern Spritkosten den Zorn - und Macron rät den Pendlern, sich doch lieber saubere E-Autos zuzulegen. Dafür bietet er den Allerärmsten, die sich gar kein neues Auto leisten können, eine verdoppelte Kaufprämie. Cyrille Dhui kommt das wie Hohn vor.

Der Aufstand, von dem sie spricht, ist ein Aufstand des sogenannten peripheren Frankreich, die Rebellion einer Mittelschicht, die sich sozial und geografisch an den Rand gedrückt fühlt von den Gut- und Bestverdienern in den Großstädten. Die Blockadeaktionen sind auch Ausdruck einer Spaltung des Landes, die sich seit der Finanzkrise vor zehn Jahren verstärkt.