Frankreich "Die Lage ist sehr beunruhigend"

Wegen Baumängeln nimmt Frankreichs Atomaufsicht reihenweise Reaktoren vom Netz. Dem Land drohen Stromausfälle.

Von Leo Klimm, Paris

Wenn Pierre-Franck Chevet über Frankreichs Atomindustrie spricht, ist er eindeutig: "Die Lage ist sehr beunruhigend", sagt er. Chevet ist nicht irgendwer. Er ist der Chef der französischen Atomsicherheitsbehörde ASN. Zu viel läuft schief in der Branche, von der das Land abhängt, als dass es sich verschweigen ließe. Angefangen bei der De-facto-Pleite des Reaktorbauers Areva über mangelhaften Stahl in Druckbehältern der Kraftwerke bis hin zur Fälschung technischer Unterlagen. Und als wäre all das nicht genug, drohen jetzt im Winter auch noch Engpässe beim Strom.

Auf Chevets Anordnung stehen zwölf der 58 Reaktoren im Land still. Mängel an einem Druckwasserreaktor, der gerade in Flamanville in der Normandie gebaut wird, haben ihn zur Überprüfung des Stahls bei den seit Jahrzehnten laufenden Reaktoren veranlasst. Tatsächlich, so zeigte sich, weisen bis zu 18 Stahlbehälter von Dampfgeneratoren einen überhöhten Kohlenstoffanteil auf. Das wiederum kann zum Sicherheitsrisiko werden, fürchtet die ASN. Doch damit nicht genug: Im Zuge ihrer Untersuchungen entdeckte die Behörde, dass in der Spezialschmiede von Areva seit den 60er-Jahren bei der Dokumentation zu Bauteilen getrickst wurde. Chevet spricht vom "Fehlen einer Qualitätskultur" und "Unregelmäßigkeiten, die Fälschungen gleichkommen". Zwei Reaktoren, darunter Fessenheim 2 an der Grenze zu Deutschland, wurden auch wegen dieser Fälschungen heruntergefahren. Hinzu kommen eine Reihe anderer Störfälle und gewöhnliche Wartungsarbeiten. Damit stehen derzeit rund 20 Reaktoren still - mehr als ein Drittel des Kraftwerksparks.

Für die Überprüfung der zwölf Reaktoren, die wegen des schlechten Stahls ausfallen, braucht die ASN noch mindestens einen Monat. Jene Werke, bei denen die Behörde dann womöglich nichts zu beanstanden hat, könnten frühstens im Januar wieder unter Volllast laufen, so Chevet. Das aber lässt für den Winter Engpässe bei der Stromversorgung in Frankreich fürchten, denn ein großer Teil der Haushalte heizt dort mit Strom. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Wasserkraftwerke, auf die der Versorger EDF bei Nachfragespitzen gern zurückgreift, niedrige Wasserstände melden, thermische Kraftwerke abgeschaltet wurden und Solar- und Windenergie nur rudimentär ausgebaut sind.

Der Netzbetreiber RTE stellte kürzlich schon einen Notplan vor: Bei strenger Kälte soll Stromimport aus den Nachbarländern helfen. Im größten Notfall ist ein Lieferstopp für Industrieanlagen, die Verringerung der Netzspannung und sogar die stundenweise Unterbrechung der Stromversorgung ganzer Stadtviertel möglich.

Der drohende Engpass spiegelt sich an den Strombörsen bereits in deutlich höheren Preisen als in Deutschland wider. Zudem offenbart er, wie abhängig Frankreich von Atomstrom ist. Rund 75 Prozent des Bedarfs wird aus Kernspaltung gedeckt. Obwohl Präsident François Hollande 2012 versprach, diesen Wert bis 2025 auf 50 Prozent zu senken, ist er diesem Ziel bisher nicht nähergekommen. Und für die beiden betagten Reaktoren in Fessenheim, die Hollande 2016 ganz abschalten wollte, zeichnet sich ein Weiterbetrieb ab, bis Flamanville ans Netz geht. Das wird frühestens in zwei Jahren sein.