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Frankreich:Demontage einer Topmanagerin

Frankreichs einzige Chefin eines großen Unternehmens soll gehen.

(Foto: Eric Piermont/AFP)

Opfer einer Intrige? Nach nur vier Jahren als Chefin des Energieversorgers Engie dürfte Isabelle Kocher jetzt ihren Job verlieren.

"Ich bin hoch motiviert, meine Aufgabe fortzusetzen", sagte Isabelle Kocher noch vor ein paar Tagen. Doch da war ihre Demontage aber schon so weit fortgeschritten, dass die Betonung ihres Ehrgeizes wohl auch nichts mehr ausrichten konnte. Für diesen Donnerstag hat der Verwaltungsrat des Pariser Energiekonzerns Engie kurzfristig eine Sondersitzung zur Personalie Kocher einberufen. Und es gibt kaum Zweifel, dass die einzige Frau an der Spitze eines großen französischen Konzerns am Ende der Sitzung den Job los sein wird. Verwaltungsratschef Jean-Pierre Clamadieu - der sich zuletzt ohnehin gern ins Tagesgeschäft einmischte - dürfte das Unternehmen kommissarisch führen, bis die Nachfolge geregelt ist, zitiert die Wirtschaftszeitung Les Echos Insider.

Der Engie-Konzern, einst aus dem Gasversorger Gaz de France hervorgegangen, zählt mit einem Umsatz von 60 Milliarden Euro zu Europas größten Energiekonzernen. Dass Kocher ihren Chefposten dort aufgeben soll, wirkt unweigerlich wie ein Signal: Mit der 53-jährigen Managerin tritt die einzige Chefin eines Konzerns aus dem Pariser Börsenindex CAC40 ab; sie führt Engie bisher im Duo mit Finanzvorständin Judith Hartmann, einer Österreicherin.

Seit Monaten werden interne Intrigen gegen die Konzernlenkerin an die Presse herangetragen. Prominente Unterstützer aus Frankreichs Wirtschaft und Politik, die sich jüngst in einem offenen Brief zu Wort meldeten, machen Abwehrreflexe "einer sehr männlichen und überalterten Welt" für die Demontage verantwortlich. Kocher selbst mag es nicht, wenn ihr Geschlecht thematisiert wird. Allerdings: 2016, als sie berufen wurde, galt es als ein Vorteil. Erstaunlich ist, dass die französische Regierung, die sich der Frauenförderung verschreiben hat, Kocher jetzt nicht klar unterstützt. Der Staat ist mit 24 Prozent der Anteile Hauptaktionär von Engie. "Wir werden allein nach wirtschaftlichen Kriterien entscheiden", sagt Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire zu dem Streit. Das legt nahe, dass Kocher wegen Erfolglosigkeit weichen soll. Nur, dass Engie heute besser dasteht als zu Kochers Antritt. Nach dem Verkauf schadstoffreicher Kraftwerke und nach Investitionen in erneuerbare Energien wächst der Versorger wieder. Auch die Aktie scheint ihr Tief überwunden zu haben. Nicht gelöst hat Kocher aber die Frage, was aus zwei pannengeplagten Engie-Atomkraftwerken in Belgien werden soll, die Kritikern als massives Sicherheitsrisiko ansehen.

Aus dem Verwaltungsrat werden Vorwürfe kolportiert, Kocher und ihr Führungsteam kümmerten sich zu wenig um das Tagesgeschäft. Angekreidet wird ihr auch, dem Rivalen Eon den deutschen Netzbetreiber Innogy überlassen zu haben. Es gebe "ein Vertrauensproblem", heißt es. An diesem Donnerstag dürfte Kocher die Quittung dafür erhalten.

© SZ vom 06.02.2020
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