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Frankreich:Besser, aber nicht gut

Illustration: Stefan Dimitrov

Nach Jahren der Krise zeigt Frankreichs Wirtschaft erste Zeichen der Erholung. Doch der Aufschwung könnte bald enden.

Der Ort lockt mit mittelalterlichen Häusern, einer imposanten Benediktinerabtei und den malerischen Ufern der Dordogne. Nicht zu vergessen die Gourmet-Spezialitäten, Foie gras und Trüffel. Ein Klischee von Frankreich. In Sarlat würden viele Urlaub machen.

Für Marc-Alexander Burmeister allerdings ist das Provinzstädtchen im tiefsten Südwesten des Landes vor allem ein Standort für industrielle Investitionen. Sieben Millionen Euro hat der Frankreich-Chef des deutschen Medizintechnik-Spezialisten B. Braun gerade in Ausbau und Modernisierung der Fabrik und der Forschungsabteilung dort gesteckt. Die Zahl der Stellen in Sarlat, wo B. Braun chirurgisches Hightech-Material herstellt, wurde von 120 auf 170 erhöht. Und das soll erst der Anfang sein: Bis zu 200 Millionen Euro möchte B. Braun bis 2020 in Frankreich investieren, um Standorte zu entwickeln und neue aufzubauen. Heute schon beherbergt das Land drei von weltweit 15 Kompetenzzentren des Konzerns. "Wir haben hier noch großes Potenzial", sagt Burmeister.

Das Vertrauen des deutschen Investors hat etwas zu bedeuten. Es spiegelt eine Tendenz zur Besserung in Frankreich, die Premierminister Manuel Valls in seiner Eröffnungsrede zum SZ-Wirtschaftsgipfel kaum unerwähnt lassen dürfte. Das Land - zweitgrößte Volkswirtschaft Europas und historischer Partner Deutschlands - zeigt nach Jahren der Krise erste Anzeichen der Erholung: Die privaten Investitionen steigen seit 2014, das Geschäftsklima ist zumindest stabil. Die Zahl der Arbeitslosen ging zuletzt in einem Monat so stark zurück wie seit 1996 nicht mehr. Und die US-Ratingagentur Standard & Poor's, die Frankreich 2012 herabgestuft hatte, hob ihre Bewertung im Oktober wieder leicht an, weil sie die wirtschaftlichen Aussichten optimistischer einschätzt. "Es geht besser", wiederholt Staatspräsident François Hollande seit Monaten bei jeder Gelegenheit. Das heißt allerdings nicht, dass es schon wieder wirklich gutgeht.

Vorsicht bleibt geboten bei der Frage, wo Frankreich ökonomisch steht und wohin es steuert. Viele Experten zeigen sich zurückhaltend, ob die Trendwende dauerhaft ist. "Das Glas ist halb voll oder halb leer. Beide Sichtweisen sind möglich", sagt Bruno Cavalier, Chefökonom der Pariser Privatbank Oddo. Zu instabil ist die Konjunktur insgesamt: Einem leichten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 0,2 Prozent im dritten Quartal 2016 war im zweiten Quartal ein Rückgang um 0,1 Prozent vorangegangen. Die meisten Ökonomen, darunter die des Internationalen Währungsfonds, glauben nicht an die französische Regierungsprognose eines Wachstums um 1,5 Prozent im Gesamtjahr 2016. Ein Plus von nur 1,3 Prozent halten sie für realistischer - Schwarzmaler sehen diese Zahl sogar schon als Höchstwert des zaghaften Aufschwungs. Denn den positiv ausgerichteten Indikatoren stehen negative gegenüber, etwa die Stagnation des Konsums oder der Anstieg des Außenhandelsdefizits. Die Staatsausgaben bleiben mit einem Anteil von 56 Prozent der Wirtschaftsleistung hoch. Das Versprechen an die europäischen Partner, das Staatsdefizit nach mehreren Fristverlängerungen endlich unter den EU-Grenzwert von drei Prozent zu drücken, erscheint ebenfalls fragwürdig angesichts einer etwas legeren Haushaltskalkulation der Valls-Regierung für Frankreichs Superwahljahr 2017. Und die Arbeitslosigkeit bleibt mit einer Quote von rund 9,6 Prozent hoch. "Die Vorstellung eines dauerhaften Aufschwungs kann sich da nicht in den Köpfen festsetzen", sagt Ökonom Cavalier.

Tatsächlich glauben einer Umfrage zufolge 45 Prozent der Franzosen, dass sich die wirtschaftliche Situation ihres Landes in den nächsten zwölf Monaten verschlechtern wird. 40 Prozent erwarten keine Veränderung. Zugleich offenbart sich ein langsamer Mentalitätswandel: Eine breite Mehrheit spricht sich für Liberalisierungen in der Wirtschaft aus - theoretisch. Wird nach konkreten Veränderungen wie der umkämpften Reform des Arbeitsrechts vom vergangenen Frühjahr gefragt, äußern lediglich 47 Prozent Unterstützung.

Es gab durchaus Reformen in den Hollande-Jahren seit 2012. Spektakulären Krisen beim Autohersteller Peugeot, dem Atomkonzern Areva oder der Industrie-Ikone Alstom setzten Hollande und Valls eine verhalten unternehmensfreundliche Politik entgegen. Mit einem Steuerbonus von insgesamt 43 Milliarden Euro, der auf die Lohnsummen der Firmen angerechnet wird, senkten die Sozialisten die Arbeitskosten. Sie erleichterten Bündnisse für Arbeit, die Jobs sichern sollen. Das Arbeitsrecht und die Dienstleistungsmärkte flexibilisierten sie auch, ein wenig.

Nicht nur die bürgerliche Opposition, auch Hollandes zum Rivalen gewandelter Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron kritisiert all dies als zu zaghaft. Vor allem machen sich die Reformen am Arbeitsmarkt bisher nicht ausreichend bemerkbar, damit die Franzosen Hollandes Wirtschaftspolitik positiv beurteilen würden. Der Staatschef selbst hat eine Kandidatur bei der Präsidentenwahl 2017 an "einen langen und wiederholten Rückgang" der Erwerbslosenquote geknüpft.

In Frankreich sind schon alle Blicke auf die Wahl im Frühjahr gerichtet. An einen Sieg von Marine Le Pen mögen auch nach dem Trump-Triumph in den USA in Pariser Unternehmerzirkeln die wenigsten glauben. Die Chefin des rechtsextremen Front National wäre mit ihrer europafeindlichen Abschottungspolitik eine Katastrophe für die Wirtschaft. B. Braun-Manager Burmeister hofft, ganz im Gegenteil, auf einen Reformschub in Frankreich 2017. "Im Moment ist die Regierung handlungsunfähig, selbst kleine Änderungen kann sie schwer durchsetzen" sagt er. Das negative Frankreich-Bild, das sich in Deutschland festgesetzt hat, machte es ihm nicht leichter, bei der Konzernführung im nordhessischen Melsungen 200 Millionen Euro für Investitionen loszueisen.

"Das Problem ist weniger die Höhe der Steuern und Abgaben", sagt Burmeister. "Es ist das Gefühl, manchmal von Behörden gegängelt zu werden." Neulich flatterte ihm ohne Vorwarnung eine erkleckliche und sofort zu begleichende Nachzahlung ins Haus. "Häufig wechselnde Regeln erwecken den Eindruck von Unberechenbarkeit. Zwischen Staat und Unternehmen herrscht zu wenig Dialog", so Burmeister.

Das akute Terrorrisiko wirft bei ausländischen Investoren Fragen zur Sicherheit auf

Doch alles hat zwei Seiten. Verglichen mit der Unsicherheit in Schwellenländern oder mit jener, die durch Trumps Wahl in den USA oder durch den Brexit entsteht, ist Frankreich ein Hort der Stabilität. Die hohen Qualitätsstandards für Medizinprodukte, die die französische Bürokratie ebenfalls hervorbringt, "sind im Sinne von B. Braun", sagt Burmeister. Sie stützen die Positionierung am Weltmarkt als Premiumanbieter. "Zu den Vorteilen des Standorts gehören auch gut qualifizierte Mitarbeiter und ein innovationsfreundliches Umfeld", so der Manager. Der forschungsfördernden Steuerpolitik ist zu verdanken, dass B. Braun Patente, die der Konzern in Israel erwarb, jetzt in Frankreich weiterentwickelt, nicht in Deutschland. Zudem könnte die Stärke französischer Start-ups im "Internet der Dinge" B. Braun zu Zukäufen veranlassen.

"Langfristig gesehen sind wir optimistisch für dieses Land", sagt Burmeister. "In nicht allzu ferner Zukunft wird es dank seines Bevölkerungswachstums der größte Markt für Gesundheitsprodukte in Europa sein. Frankreich ist unverzichtbar." Diese Einschätzung deckt sich mit Studien zur Attraktivität für deutsche Unternehmen und ausländische Investoren generell. Demnach hat sich die Beurteilung Frankreichs als Produktionsstandort ebenso wie als Absatzmarkt seit 2014 klar verbessert.

Eine neue Sorge ist in dieser Zeit aber auch entstanden, ihre wirtschaftlichen Konsequenzen lassen sich noch gar nicht voll ermessen: Das akute Risiko von Terroranschlägen wie denen von Paris und Nizza. "Bisher sind keine Folgen der Attentate auf die Auslandsinvestitionen in Frankreich erkennbar", heißt es bei der Agentur für internationale Unternehmensentwicklung Business France. "Aber wenn man mit den Investoren spricht, tauchen die Sorgen zur Sicherheit auf."

Den Konsum belastet die Angst schon. Die Tourismusbranche Frankreichs, die fast acht Prozent zur Wirtschaftsleistung beiträgt, leidet heftig. Seit Jahresanfang brach die Zahl ausländischer Besucher um acht Prozent ein. Die der deutschen Touristen gar um elf Prozent. Dabei ist Sarlat, das Provinzstädtchen mit der B. Braun-Fabrik, doch so schön. Und sicher ist es wohl auch.