Fragen und Antworten Darum geht es 

Ein Gebäude von Wirecard in Aschheim bei München.

(Foto: Michaela Handrek-Rehle/Bloomberg)

Der Aschheimer Konzern wirbelt das Tagesgeschäft an der Börse durcheinander. Was ist da los?

Von Harald Freiberger, Nico Richter und Nils Wischmeyer, München/Köln

Attacken von Leerverkäufern, Berichte über dubiose Geschäfte in Asien und zweistellige Kursschwankungen: Wirecard war schon immer ein Unternehmen, das von der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit bekam. Spätestens aber seit dem Einzug in den Leitindex Dax hat der Konzern keine ruhige Minute mehr. Dass die Finanzaufsicht Bafin sich jetzt einschaltet, ist extrem ungewöhnlich - und das Spektakel ist noch lange nicht vorbei. Es laufen Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft, und es drohen Sammelklagen aus den USA. Das Wichtigste in der Zusammenfassung.

Worum geht es?

Ende Januar veröffentlichte die Financial Times eine Serie von Artikeln, die Wirecard dubiose Geschäfte in Asien unterstellen. In Singapur und auch Indien sollen, so schreibt die FT, Mitarbeiter Verträge gefälscht oder zurückdatiert haben, um so internen und externen Vorschriften und Anforderungen zu genügen. Die Zeitung zitiert aus einem internen Bericht, in dem es darüber hinaus um Geldwäsche gehen soll. Als der erste Artikel erschien, sackte die Aktie von Wirecard zwischenzeitlich um 20 Prozent ab. Der Konzern aus Aschheim bei München dementierte alle Vorwürfe, woraufhin die FT mehrmals nachlegte und Wirecard erneut alle Vorwürfe zurückwies. Der Aktienkurs schwankte in der Zeit stark und wurde von der Finanzaufsicht mehrmals vom Handel ausgesetzt. Das lag zum einen am Bericht selbst, zum anderen aber an Leerverkäufern.

Was haben Leerverkäufer damit zu tun?

Durch Leerverkäufe profitieren Investoren davon, wenn eine Aktie fällt. Der Wirecard-Kurs ist seit dem 30. Januar mehrmals massiv eingebrochen. Vorher hatten Leerverkäufer gegen die Aktie gewettet. Sie machten durch den Kursabsturz Gewinne in Millionenhöhe. Das fand die Finanzaufsicht bedenklich.

Was hat die Bafin gemacht?

Die Finanzaufsicht hat Leerverkäufe auf die Wirecard-Aktie verboten. Dass sie das darf, ist neu und eine Reaktion auf die Finanzkrise. 2012 gab es einen europäischen Erlass, der der Finanzaufsicht erlaubt, ein solches Verbot auszusprechen. Es gilt zwei Monate, kann aber vorzeitig aufgehoben oder verlängert werden. Es ist das erste Mal, dass dies in Deutschland nach dem neuen Gesetz passiert. In Spanien und Italien kam es schon gelegentlich vor.

Wie funktioniert ein Leerverkauf?

Leerverkäufe gehören zu den riskantesten Wetten an den Finanzmärkten. Ein Beispiel: Ein Hedgefonds geht davon aus, dass eine Aktie zu hoch bewertet ist. Sie steht bei 100 Euro. Er besorgt sich eine Million Aktien zur Leihe. Das organisiert ein Zwischenhändler, meist eine große Investmentbank. Sie wendet sich an andere professionelle Investoren, die die Aktie besitzen. Von diesen leiht sich der Zwischenhändler gegen eine Gebühr die Aktien und reicht sie an den Auftraggeber weiter. Die Wette geht für den Hedgefonds gut aus, wenn die Aktie in den folgenden Tagen beispielsweise auf 80 Euro fällt. Dann kauft er die Aktie an der Börse und gibt sie zurück. Sein Gewinn beträgt in diesem Fall 20 Millionen Euro, abzüglich der Leihgebühr. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, wenn die Aktie steigt.

Wer sind die Leerverkäufer bei Wirecard?

Derzeit sind das zwei Unternehmen: Slate Path Capital und Odey Asset Management. Beide sind Hedgefonds, Slate Path sitzt in den USA, Odey in London. Sie wetten schon seit mehreren Jahren immer wieder auf die Wirecard-Aktie, wie der Bundesanzeiger zeigt, in dem Positionen über 0,5 Prozent des Aktienkapitals veröffentlicht werden müssen. Zusammen haben die beiden Hedgefonds 2,27 Prozent der frei umlaufenden Wirecard-Aktien geliehen. Es könnte sein, dass die Quote insgesamt deutlich höher ist, weil Positionen von weniger als 0,5 Prozent nicht öffentlich gemacht werden.

Sind alle Leerverkäufer böse?

Nein, das Instrument gibt es schon sehr lange, es ist auch wichtig für das Funktionieren des Aktienmarkts. Mit Leerverkäufen können Investoren zeigen, dass sie ein Unternehmen skeptisch sehen, ohne dessen Aktien vorher gekauft haben zu müssen. Es gibt nicht nur unseriöse Leerverkäufer, Odey zum Beispiel genießt in der Finanzbranche einen guten Ruf. Doch wie in vielen Bereichen gibt es auch bei Leerverkäufen Betrug und Missbrauch: Das ist etwa der Fall, wenn ein Investor Unwahrheiten über ein Unternehmen veröffentlicht und vorher die Aktie leerverkauft hat. Dann handelt es sich um Marktmanipulation.

Gab es Marktmanipulationen?

Nein, das ist bisher nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt allerdings gegen unbekannt. Zudem hat ein Aktionär über seinen Anwalt Strafanzeige gegen FT-Autor Dan McCrum eingereicht. In der Anzeige wirft der Rechtsanwalt Ehssan Khazaeli der Kanzlei Werdermann von Rüden, der den Geschädigten vertritt, der FT unter anderem vor, falsche Tatsachenbehauptungen verbreitet zu haben. Die Staatsanwaltschaft führt den Autor seitdem als Beschuldigten, ein rein formeller Ablauf. Der Autor ist nicht besonders belastet. Die FT sagt: "Alle Anschuldigungen gegen die FT oder einen ihrer Reporter wegen Marktmanipulation oder unethischen Arbeitens in Zusammenhang mit Wirecard sind unbegründet und falsch."

Was ist sonst passiert?

Gegenwind bekommt Wirecard unter anderem aus den USA. Dort hat die Anwaltskanzlei Bronstein, Gewirtz & Grossman vor einem Bezirksgericht in Los Angeles eine Sammelklage gegen Wirecard eingereicht. Sie vertritt Anleger, die glauben, Wirecard habe sie mit falschen oder missverständlichen Aussagen in die Irre geführt. Die dortigen Kläger fühlen sich betrogen und verlangen Schadenersatz. Neben der Firma Wirecard selbst werden Vorstandschef Markus Braun und Finanzchef Alexander von Knoop als Beklagte geführt. Auch Jan Marsalek, der das operative Geschäft verantwortet, und Susanne Steidl, zuständig für Produkte, tauchen als Beklagte auf. Weitere Anwaltskanzleien in den USA prüfen offenbar, ob sie ebenfalls Sammelklagen gegen Wirecard einreichen. Offen ist aber, wie ernst die Kanzleien die Vorwürfe verfolgen und ob die Gerichte die Sammelklage gegen Wirecard überhaupt zulassen. In Deutschland beobachten mindestens drei Kanzleien, ob es sich lohnt, rechtlich gegen Wirecard vorzugehen. Sie alle warten aber noch auf neue Informationen.

Wie geht es jetzt weiter?

Viel hängt an einem Bericht, den Wirecard bei einer externen Anwaltskanzlei in Auftrag gegeben hat. Dieser soll klären, inwiefern die Vorwürfe der Financial Times zutreffen und Mitarbeiter von Wirecard tatsächlich in dubiose oder sogar betrügerische Geschäfte in Singapur verwickelt waren, und was der Vorstand wusste. Mit dem Abschluss des Berichts wird in frühestens vier Wochen gerechnet. Die Untersuchungen der Bafin, ob eine Manipulation der Märkte vorlag, wird sich noch einige Monate hinziehen. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt zudem weiter in alle Richtungen. Ob und wann sie welches Verfahren einleitet, ist unklar.