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Fracking:Eine Kuhwiese in Lancashire

A anti-fracking protester plays with a hula hoop during a demonstration outside County Hall in Preston

Eine Fracking-Gegnerin vor der Kreisverwaltung in Preston.

(Foto: Andrew Yates/Reuters)

Die britische Regierung erhofft sich viel von Fracking, doch Lokalpolitiker bringen ihr nun eine herbe Niederlage bei. Die Aufregung ist groß.

Von Björn Finke, London

Die Umweltschützer vor dem Gebäude der Kreisverwaltung jubeln, als sie das Ergebnis der Abstimmung hören. "Frack free Lancashire" rufen sie, danach "Frack free world": Die nordenglische Grafschaft Lancashire soll also frei von Fracking bleiben, am besten gleich die ganze Welt, fordern sie. Auch der Fernsehsender BBC ist vor Ort und berichtet von der wegweisenden Entscheidung in der Kleinstadt Preston, dem Sitz der Verwaltung. Dort diskutierten die Abgeordneten am Montag über das Ansinnen eines Energiekonzerns, mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren nach Gas zu bohren. Die Verwaltung hatte empfohlen, dies zu erlauben, doch überraschenderweise lehnte das Gremium den Plan mit zehn zu vier Stimmen ab.

Politiker, Naturschützer und Energiemanager hatten gespannt nach Preston geschaut. Es gilt als Pilotprojekt: Hätten die Abgeordneten das Vorhaben auf einer Kuhwiese neben einer Landstraße durchgewunken, hätte dies wohl eine ganze Welle weiterer Fracking-Anträge losgetreten. Sehr zur Begeisterung der konservativen Regierung in London, die von einem Fracking-Boom im Königreich träumt, aber mitansehen muss, wie nichts vorangeht. Und sehr zum Entsetzen der vielen Gegner dieses Verfahrens.

Unter den lieblichen grünen Hügeln der Insel lagern große Öl- und Gasreserven, für deren Förderung jedoch Fracking nötig ist. Bei dieser Technik werden Wasser und Chemikalien unter hohem Druck in das unterirdische Gestein gepresst, das daraufhin aufplatzt und Öl und Gas frei gibt. In den Vereinigten Staaten wird Fracking massenhaft eingesetzt; die riesige Ausbeute an Öl und Gas ließ die Energiepreise deutlich fallen, was wiederum der amerikanischen Industrie hilft. Großbritannien gehört mit Polen und Argentinien zu den Ländern, denen Experten die günstigsten Voraussetzungen für eine ähnliche Entwicklung bescheinigen.

Gegner fürchten allerdings, dass diese Bohrtechnik das Trinkwasser verunreinigen und Erdbeben auslösen könnte. Tatsächlich waren Mini-Erdbeben nach Probebohrungen der Grund dafür, dass in Großbritannien im Jahr 2011 Fracking-Vorhaben zunächst gestoppt wurden. Nachdem dieser erste Anlauf, die Technik zu etablieren, gescheitert war, ruhten die Hoffnungen der Branche nun auf der Kreisverwaltung in der Grafschaft Lancashire.

Das Land hat auf den Entscheid gewartet, die betroffene Firma prüft rechtliche Schritte

Hinter dem abgelehnten Projekt steht die Firma Cuadrilla, die mit dem Geld von Finanzinvestoren nach Öl und Gas sucht. Pikanterweise war es auch eine Probebohrung von Cuadrilla in Lancashire, die 2011 die Mini-Erdbeben ausgelöst haben soll. Jetzt wollte das Unternehmen vier Löcher bohren, das Fracking hätte kommenden Sommer beginnen sollen. Wäre genug Gas geströmt, hätte Cuadrilla allein in Lancashire bis zu 100 weitere mögliche Förderstätten angebohrt.

Ein Firmensprecher sagte zu der Entscheidung der Politiker, sie sei "überraschend und enttäuschend". Das Unternehmen werde prüfen, gegen diesen Beschluss vorzugehen. Ungewöhnlich scharf kritisierte der Verband der britischen Handelskammern BCC das Votum: "Mit Blick auf das drängende Problem einer sicheren Energieversorgung ist die heutige Entscheidung pervers, kurzsichtig und ängstlich", sagte BCC-Vertreter Adam Marshall. Die Regierung müsse nun einschreiten.

Der mangelt es nicht an gutem Willen. So preist der konservative Schatzkanzler George Osborne Fracking gar als Wunderwaffe gegen die Erderwärmung, denn Strom aus dem billigen Schiefergas könnte Energie aus Kohlemeilern verdrängen, die viel mehr klimaschädliches Kohlendioxid ausstoßen. Die Regierung sieht zudem mit Sorge, wie die Öl- und Gasreserven in der Nordsee schrumpfen. Die am einfachsten zugänglichen Lagerstätten sind erschöpft, die Förderung ist entsprechend teuer. Schiefergas könnte Ersatz liefern. Und würden dank Fracking die Energiepreise ähnlich stark wie in den USA fallen, wäre das hoch willkommen für die Industrie. Die Konservativen wollen diese nach ihrem jahrzehntelangen Niedergang stärken.

Doch Landbesitzer und Kommunen teilen diese Begeisterung für Fracking ganz und gar nicht, weswegen von dem erhofften Boom nichts zu sehen ist. Auch einige Parlaments-Abgeordnete der Konservativen lehnen Fracking ab - wenig überraschend sind das jene, deren Wahlkreise davon betroffen sein könnten. Immerhin gelang es der Regierung, manche Hürden für Gasförderer aus dem Weg zu räumen. Nach einer Gesetzesänderung können etwa Landeigentümer nicht mehr verhindern, dass Fracking-Firmen von einem benachbarten Grundstück aus horizontal unter ihrem Land bohren. Aber wenn wie jetzt in Lancashire die Lokalpolitiker vor Ort ihre Zustimmung verweigern, geht trotzdem nichts voran.

Widerstand leistet zudem die schottische Regionalregierung. Sie verhängte ein Moratorium, will also keine Fracking-Projekte genehmigen, bis die Folgen der Technik besser untersucht sind. Der Betreiber der größten schottischen Raffinerie in Grangemouth, der Schweizer Chemiekonzern Ineos, drohte bereits, dieses Moratorium gefährde die Zukunft des Werks: Grangemouth brauche Gas als Rohstoff, und aus den Lagerstätten in der Nordsee werde immer weniger geliefert.

Es geht um viel beim Streit über Fracking. Befürworter und Gegner werden noch so manche Kämpfe auf der grünen Insel ausfechten.

© SZ vom 30.06.2015

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