Forum Wir wollen einfach die Mädchen retten

Menschenrechtsaktivist Rüdiger Nehberg beim PLAN W-Kongress in Berlin.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit 20 Jahren kämpft der Verein Target für ein Ende der Genital­verstümmel­ung. Der Gründer Rüdiger Nehberg hat viel erreicht, aber am Ziel sind er und seine Frau noch nicht.

Von Rüdiger Nehberg

Stellen Sie sich vor, vor Ihren Augen werden einem kleinen Mädchen in einer einfachen Hütte von einer traditionellen Hebamme alle äußeren Geschlechtsteile abgeschnitten, ohne Betäubung, mit einer Rasierklinge, fixiert von den Händen der eigenen Tanten und Mutter. Sie können nichts tun, denn es ist jahrtausendealte unentrinnbare Tradition. Das zu dokumentieren, war die Aufgabe meiner Frau Annette, Albträume verfolgen sie bis heute. Diese Dokumente wollen wir den Entscheidungsträgern zeigen, die nicht wissen, was da mit ihren Töchtern geschieht. Denn es sind Frauen, die dies praktizieren, und es ist Stammesgesetz, zu schweigen. Wir ahnen nicht, was wir mit der Dokumentation erreichen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO erleiden täglich 6000 Mädchen diese Schändung, vorwiegend in Afrika, unabhängig von, aber gerechtfertigt mit der Religionszugehörigkeit. Unsere Idee: Die meisten der Betroffenen sind Muslimas. Die falsche Begründung der Muslime lautet, es stünde im Koran. Wenn wir es schaffen, die wichtigsten Gelehrten des Islam als Partner für den Schutz der Mädchen zu gewinnen, ist das die größte Chance auf ein Ende, denn Allah hat den Menschen in schönstem Ebenmaß geschaffen (Sure 95), gesundheitsschädliche Manipulationen sind Kritik an Gottes Schöpfung. Sollte er sich bei der Schaffung der Frau geirrt haben, und der Mensch dürfte sich anmaßen, seine Schöpfung Frau zu korrigieren? Für uns steht fest: Wir werden uns nicht wegducken und durch Schweigen zu Mittätern machen. Als keine Organisation in Deutschland dieser Idee eine Chance gibt, gründen wir im Jahr 2000 Target e.V. Damit sind wir von Bedenkenträgern unabhängig.

Wir kommen aus Überzeugung und als Bittende. Das Unmögliche geschieht: Überall erleben wir offene Türen, keine Gegner. Unser erster Mitstreiter wird Ali Mirah Hanfary, Sultan des 1,6 Millionen-Nomadenvolkes der Afar in Äthiopien. Er sieht unsere Filmdokumente und ist entsetzt über das Verbrechen an den Mädchen seines Volkes. Er wird unser erster Partner und hilft uns, seine 60 Clanführer zu einer Konferenz einzuberufen, hebt das strenge Schweigegebot auf. Die Diskussion unter freiem Himmel dauert zwei Tage, dann wird der Brauch per Stammesbeschluss verboten. Aus Freude über diesen Erfolg starten wir mit Spendengeldern das Projekt "Fahrende Krankenstation". Wir erreichen die abgelegensten Gebirgstäler und werden konfrontiert mit den lebenslangen Leiden der Frauen infolge der Verstümmelung. Bei der hier praktizierten pharaonischen Verstümmelung stirbt laut WHO ein Drittel der Opfer infolge von Schock, Verblutung, Infektionen. Die Mädchen werden physisch und psychisch zerstört. Sie werden ihrer Würde beraubt, des Urvertrauens in die Eltern. Im Namen der Religion.

Wir wissen, dass mit dem Stammesbeschluss ein sehr wichtiger Schritt getan ist. In Mauretanien und Dschibuti können wir gleiche erfolgreiche Konferenzen einberufen. Wir wissen jedoch auch, dass es nur der Anfang unserer Karawane der Hoffnung für die Mädchen ist und damit das Verbrechen nicht sofort beendet ist. Denn die Tradition ist mächtig - und damit die unfassbarsten Begründungen: "Wer nicht beschnitten ist, wird triebhaft, bekommt keinen Mann, hat schwere Geburten ..." Das Umdenken braucht Zeit. Wir müssen lernen, uns in Geduld zu üben und schöpfen die Kraft aus vielen beglückenden Einzelerfolgen.

Da gelingt uns 2006 ein historischer Durchbruch. Ausschlaggebend waren unsere inzwischen sehr guten Referenzen. Wir, ein Konditor aus Hamburg und eine Arzthelferin aus Offenburg, dürfen in der Azhar zu Kairo, der höchsten Instanz des sunnitischen Islam, eine internationale Gelehrtenkonferenz durchführen. Al-Azhar ist vergleichbar mit dem Vatikan. Großscheich Tantawi, vergleichbar mit dem Papst, ist einverstanden, Großmufti Ali Gom'a übernimmt die Schirmherrschaft. Das Resultat ist eine Fatwa, ein richtungsweisendes Rechtsgutachten: "Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen, das höchste Werte des Islam verletzt!" Es ist das bislang wichtigste Fundament für das Ende von FGM (Female Genital Mutilation). Wir dokumentieren die Konferenz in einem kostbar gestalteten "Goldenen Buch". Es ist konzipiert als Predigtvorlage für Imame und soll neben dem Koran bestehen können. Ali Gom'a segnet es mit einem Vorwort, das Buch erhält den begehrten Red Dot Design Award. Unsere treuen Target-Spender ermöglichen die Herstellung und Verteilung in Aufklärungskampagnen. Das Prinzip: Überzeugte Imame reisen zu den Geistlichen in ihrem Land und versuchen, diese zu Partnern für den Schutz der Mädchen zu gewinnen. In Äthiopien, Dschibuti, Mauretanien wurden die Bücher verteilt, aktuell in Guinea-Bissau.

Im Jahr 2015 konnten wir die Target-Gynäkologie- und Geburtshilfeklinik in der Danakilwüste in Äthiopien eröffnen. Deutscher Standard und zuverlässiger Zufluchtsort für die geschändeten Mädchen und Frauen sowie FGM-Aufklärungszentrum. Dabei unterstützt uns der Berufsverband deutscher Gynäkologen.

Doch speziell mir, Jahrgang 1935, läuft die Lebenszeit davon. Ich will das Ende der Verstümmelung noch miterleben. Ich möchte erreichen, dass die Ächtung der FGM vom heiligsten Ort des Islam verkündet wird: in Mekka. Dort erreicht man jeden Gläubigen in seinem tiefsten Herzen. Doch dazu bedarf es der Zustimmung des saudischen Königs. Er gilt als der einzige Erbe des Gesamtvermächtnisses des Propheten. Er könnte die Ächtung per Königsdekret mit einem einzigen Federstrich verfügen und würde damit unsterblich in die Menschheitsgeschichte eingehen. Doch der Weg zum König ist mir bislang verwehrt geblieben. Trotz bester Unterstützung, auch durch das Auswärtige Amt. Ich bin überzeugt, dass der König mitmachen würde, wenn ich ihm die Bilder des Verbrechens an den Mädchen zeigen dürfte. Er wird nicht wollen, dass Mädchen weiter dieses Leid angetan wird. In Saudi-Arabien wird, Allah sei Dank, traditionell nicht verstümmelt.

Ich glaube daran, dass es gelingen wird. Wir geben nicht auf, getreu unserem Target-Prinzip: Einfach kann Jeder.

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