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Forum:Werte schaffen in der Krise

Ali Aslan Gümüşay ist Forschungsgruppenleiter am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft und Habilitand an der Universität Hamburg.

(Foto: Arvid Mentz/oh)

In diesen Zeiten braucht es Technologie und Unternehmertum - auch wenn das eine paradoxe Gefahr birgt.

Gastbeitrag von Ali Aslan Gümüşay

Manche Unternehmen nutzen in der Corona-Pandemie die Notlagen und Bedürftigkeit in der Bevölkerung aus, um eigennützig Profit zu schlagen. So sind Fälle bekannt, bei denen Patente aufgekauft und die darauf basierenden Arzneimittel anschließend zu horrenden Preisen verkauft wurden. Aber es gibt auch viele Unternehmen, die anders handeln. Sie gehen proaktiv mit der neuen Situation um, indem sie innovative Produkte und Dienstleistungen anbieten.

Wie können Unternehmen diese Krise nicht nur überleben, sondern auch aus ihr lernen und sich weiterentwickeln? Wie können Unternehmen in einer Krise schnell und kreativ wertvollen und zugleich wertevollen Wandel herbeiführen? Unternehmerinnen und Unternehmer haben drei zentrale Optionen, mit der gegenwärtigen Situation umzugehen. Sie können Produkte anpassen, sie können innovative neue Geschäftsmodelle entwickeln, sie können neue Unternehmen gründen.

Ein Beispiel für Produktanpassungen liefern der Videokonferenzdienstleister Zoom und weitere digitale Kommunikationsplattformen, die nun krisenrelevant sind. Während viele von zu Hause aus arbeiten müssen, können sich Unternehmen hervortun, die digitale Werkzeuge für Kreativität, Kommunikation und Kollaboration anbieten. Die Herausforderung für diese Unternehmen liegt nun darin, schnell zu wachsen und die Nachfrage aufzufangen.

Die zweite Option - Innovation beim Geschäftsmodell - meint nicht, dass Unternehmen einfach nur individuelle Produkte und Dienstleistungen anpassen. Sie müssen stattdessen ihren Fokus und das Geschäftsmodell radikal verändern. So haben zum Beispiel Unternehmen ihr Produktportfolio von alkoholischen Getränken zu Desinfektionsmitteln transformiert. Gründe hierfür sind vielfältig, von kommerzieller Notwendigkeit bis hin zu strategischem Kalkül oder einfach nur Hilfsbereitschaft.

Drittens wurden neue Unternehmen gegründet - auch durch sogenannte Hackathons. Ein Hackathon, begrifflich zusammengesetzt aus Hack und Marathon, ist ein Event, in dem im Kollektiv Lösungen entwickelt werden, die Einzelne alleine nicht stemmen können. Gerade in einer Krise ähnelt es eher einem Sprint als einem Marathon. Ziel ist es, die Krise durch innovative Lösungen so schnell wie möglich zu "hacken". Insbesondere neue Plattformen wurden entwickelt, um so Angebot und Nachfrage besser zu verknüpfen: Kundinnen und Kunden mit lokalen Restaurants und Geschäften, hilfsbedürftige mit hilfsbereiten Menschen, Künstler mit Publikum.

Aus dem Hackathon #WirVsVirus, der auch von der Bundesregierung unterstützt wurde, sind so Projekte entstanden, die sich mit der Vermittlung von coronarelevanten Informationen, Lern- und Lehrwerkzeugen und lokalen Unterstützungsmaßnahmen befassten. Zum Beispiel wurden Werkzeuge entwickelt, welche die Datenerfassung insbesondere für Gesundheitsämter vereinfachen. Gerade jetzt, wo die Corona-Zahlen wieder steigen, sind hier hohe Produktivitätssteigerungen möglich - und das ist mitunter lebensrettend. Diese Projekte und Unternehmungen sind gut und ihre Angebote vielseitig. Mehr von ihnen sollten daher unterstützt und eingesetzt werden.

Gute unternehmerische Vorstöße können zivilgesellschaftliche Initiativen verdrängen

Zugleich ist Vorsicht geboten. Unternehmerische Tätigkeiten sind kein Allheilmittel. Werden sie so verstanden, können positive Effekte leicht umschlagen in einen irreführenden Glauben, dass allein Technologie, Innovation und Entrepreneurship es schon richten werden. Dabei sind Unternehmen meist im Privatbesitz und als solche nicht demokratisch legimitiert. Selbst wenn diese werteorientiert arbeiten, bleibt die Frage bestehen: wessen Werte? Es existiert also die paradoxe Gefahr, dass gute unternehmerische Initiativen zivilgesellschaftliche und politische Aktivitäten verdrängen, da diese scheinbar nicht mehr benötigt beziehungsweise nachgefragt werden. Es bleiben dann Fragen der Verantwortlichkeit ungeklärt.

Daher ist es notwendig, unternehmerische Initiativen als Komplementäre und nicht als Substitute für Politik und Zivilgesellschaft zu verstehen - und sie auch in ihrem Wertegerüst mitzugestalten. Wenn Unternehmen eine technologische Infrastruktur entwickeln, muss zum Beispiel darauf geachtet werden, dass bestehende Diskriminierungen nicht durch programmierte Algorithmen manifestiert werden. Statt eines passiven digitalen Wandels braucht es dafür eine aktive digitale Wende.

Die Krise hat auch gezeigt, dass das proaktive Wirken für viele gar nicht möglich ist. Unternehmerische Gestaltung ist insofern ein Privileg, als dass es gewisse finanzielle Absicherungen und zeitliche Ressourcen braucht. Hier müssen inklusivere Angebote geschaffen werden, durch die benachteiligte Gruppen gezielt mit notwendigen Ressourcen wie technologischer Infrastruktur unterstützt werden.

Corona wirkt disruptiv auf soziale Praktiken, Technologien schaffen Abhilfe

Klar ist, dass Technologie eine besondere Rolle in dieser Krise spielt. Künstliche Intelligenz und Plattformen sind dabei zwei besonders zentrale Technologien. Algorithmen sind häufig schneller als Menschen in der Analyse und Auswertung von Daten. Und Plattformen erlauben den digitalen Austausch, gerade wenn der analoge nur schwer möglich ist. Das ist wichtig, weil eine Besonderheit dieser Krise die Notwendigkeit der physischen Distanz ist. Corona wirkt dabei disruptiv auf soziale Praktiken und Bedürfnisse. Technologien schaffen hier Abhilfe. So gibt es mehrere digitale Netzwerke, die Dienstleistungen insbesondere für sogenannte Risikogruppen und Menschen in Quarantäne anbieten. Technologie kann damit helfen, physische und soziale Einschränkungen anteilig zu überwinden. Sie kann einerseits für die digitale Koordination und andererseits zur Bereitstellung von digitalen Dienstleistungen genutzt werden.

Aber auch Hardware-Technologien helfen dabei, mit der Pandemie besser umzugehen. So werden zum Beispiel 3-D-Drucker eingesetzt, um medizinische Geräte schnell und dezentral herzustellen. Insbesondere bei der Schließung von Grenzen und einer fast zeitgleich steigenden Nachfrage nach medizinischem Equipment bieten 3-D-Drucker die Möglichkeit, lokale Bedürfnisse zu erfüllen.

Die Corona-Pandemie führt uns die gegenwärtige Rolle von Unternehmen und Digitalisierung vor Augen - bietet aber auch Anlass, sie weiterzudenken. Die schöpferische Gestaltungskraft gilt es zu nutzen und zu formen, um Wege auch aus dieser Krise zu finden. Dabei sollte beides, Unternehmertum und Digitalisierung, mehr, inklusiver und vielfältiger gefördert und genutzt werden. In dieser Krise und danach.

© SZ

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