Forum:Weder Engel noch Ausbeuter

Lesezeit: 3 min

Holger Görg

Holger Görg ist Leiter des Kiel Centre for Globalization am Institut für Weltwirtschaft in Kiel und Professor für Außenwirtschaft an der Christian-Albrechts Universität zu Kiel.

(Foto: oh)

Globalisierungsgegner übersehen die positiven Auswirkungen der weltweiten Verflechtung. Höhere Löhne sind dafür nur ein Beispiel.

Von Holger Görg

Angesichts des bevorstehenden G-20-Gipfels werden die Globalisierungsgegner wieder lauter. Die Globalisierung werde auf dem Rücken von Arbeitern in Entwicklungsländern ausgetragen, und diese Ausbeutung erlaube es der industrialisierten Welt, im Luxus zu konsumieren. Insbesondere werden die Missstände in globalen Produktions- und Lieferketten angeprangert. Führt die Globalisierung durch weltweit verflochtene Produktionsketten also zu einer reinen Ausbeutung der Schwachen in Entwicklungs- und Schwellenländern?

Natürlich gibt es Probleme: Beispiele von Sklaverei und schlechten Arbeitsbedingungen in Firmen, die in solche Produktionsketten eingebunden sind, gibt es einige. Als traurige Höhepunkte der letzten Jahre dürften wohl der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch oder die aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen angedrohten und leider zum Teil durchgeführten Suizide von Mitarbeitern bei Foxconn in China gelten. Diese negativen Auswüchse der Globalisierung sind real und dürfen nicht totgeschwiegen werden. Ganz im Gegenteil, sie müssen aktiv angegangen werden von Politik, Unternehmen und Konsumenten.

Was von den Gegnern der Globalisierung jedoch übersehen wird, ist, dass es auch sehr starke positive Aspekte gibt. Gerade Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern können durch die Einbindung in weltweite Lieferketten profitieren, was Wachstumseffekte für die ganze Volkswirtschaft mit sich bringt. Wissenschaftliche Studien, die sich mit den Auswirkungen von weltweiten Lieferketten auf Volkswirtschaften beschäftigen, sammeln große Mengen an Daten und werten diese mit statistischen Methoden aus. Am meisten weiß man über Löhne als einen wichtigen Aspekt der Arbeitsbedingungen. Hier ist die Evidenz eindeutig: Unternehmen in Entwicklungs- oder Schwellenländern (sei es in Asien oder Afrika), die zu einem multinationalen Konzern gehören oder als Zulieferer für multinationale Konzerne tätig sind, sind in der Regel produktiver und zahlen dementsprechend ihren Beschäftigten höhere Löhne als ihre Wettbewerber im eigenen Land. Das gilt übrigens auch für industrialisierte Länder.

Das liegt zu einem wichtigen Teil daran, dass multinationale Unternehmen nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern ihre Technologie mit in das Gastland bringen und in ihren Produktionsstätten dort anwenden. Die ausländische Tochter ist dadurch produktiver als vergleichbare einheimische Firmen, die mit einer älteren Technologie produzieren, und kann daher höhere Löhne zahlen. Außerdem gibt es viele Beispiele dafür, dass ein Technologietransfer zwischen multinationalen Unternehmen und ihren Zulieferern stattfindet, wobei erstere beispielsweise Mitarbeiter zur Verfügung stellen, um Beschäftigte bei den Zulieferern auszubilden und sie mit denen vom Multi geforderten Technologie- und Qualitätsstandards vertraut zu machen.

Nur gut motivierte Mitarbeiter sind produktiv, das wissen auch die Konzerne

Davon können auch andere einheimische Firmen im Land profitieren. Mitarbeiter wechseln von multinationalen Unternehmen oder deren Zulieferern zu anderen einheimischen Firmen und bringen das vorher erworbene Wissen mit. Das verbessert die Produktion und Technologie in diesen Betrieben, macht sie produktiver und kann dadurch auch die Bezahlung verbessern.

Andere Aspekte der Arbeitsbedingungen, neben der Bezahlung, sind weniger gut erforscht. Zumindest gibt es aber keine Hinweise, dass Arbeitsbedingungen in Unternehmen, die in globalen Lieferketten eingebunden sind, im Durchschnitt schlechter sind als solche in anderen Firmen im Land. Das reflektiert auch eine ganz nüchterne ökonomische Denkweise: Nur gut motivierte Mitarbeiter sind produktiv, und Löhne und gute Arbeitsbedingungen sind ein wichtiger Bestandteil einer guten Mitarbeitermotivation. Das wissen auch die Multis. Daher ergibt, in den meisten Fällen, die Ausbeutung der Beschäftigten durch schlechte Arbeitsbedingungen wenig wirtschaftlichen Sinn.

Woher stammt also die Diskrepanz zwischen den Argumenten der Globalisierungsgegner und diesen auf ökonomischen Studien basierenden Ergebnissen? Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse das Bild "im Durchschnitt" wiedergeben. "Im Durchschnitt" sind ausländische Töchter und Zulieferer produktiver und zahlen höhere Löhne. Diese Durchschnittsbildung bedeutet natürlich, dass es auch solche gibt, die weniger zahlen und schlechtere Arbeitsbedingungen aufweisen. Das darf auch von den Globalisierungsbefürwortern nicht übersehen werden.

Ein anderer Aspekt ist, dass in wissenschaftlichen Studien multinationale Unternehmen und Zulieferer mit anderen einheimischen Firmen verglichen werden. Und Bezahlung und Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern sind generell niedriger als in Industrieländern. Dafür gibt es viele Gründe - zum Beispiel Bevölkerungs- und Qualifikationsstruktur, mangelnde Gesetzesrahmen -, aber Globalisierung scheint nicht einer davon zu sein. Im Gegenteil, zumindest was Löhne angeht, scheint sie dazu zu führen, dass die Situation - im Durchschnitt - besser wird.

Für die öffentliche und wirtschaftspolitische Debatte bedeutet dies zweierlei. Zum einen sollten Arbeitsbedingungen generell im Auge behalten werden und eine Verbesserung dieser auch ein Ziel von entwicklungspolitischen Maßnahmen sein. Dabei kann die Globalisierung durchaus helfen. Zum anderen sollte das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass nicht jedes multinationale Unternehmen direkt auch ein Ausbeuter ist. Aber dass auch nicht jeder Multi ein Engel ist, was Technologietransfer und Arbeitsbedingungen angeht. Es ist wichtig zu unterscheiden. Sowohl in der öffentlichen Debatte als auch in der Wirtschaftspolitik.

Viele Schwellen- und Entwicklungsländer (und auch Industrieländer) haben das Ziel, Investitionen von ausländischen multinationalen Unternehmen ins Land zu holen, um von den genannten Vorteilen, also Arbeitsplätzen und Technologie, zu profitieren. Vonseiten der Wirtschaftspolitik sollte genau darauf geschaut werden, mit welchen Investoren man es zu tun hat. Und auf die zu setzen, die das größte Potenzial für Technologietransfer und gute Arbeitsbedingungen mitbringen. Diese Auswahl ist in vielen Ländern auch Aufgabe von öffentlichen Investitionsförderungs-Agenturen, in Deutschland zum Beispiel German Trade & Invest. Entwicklungs- und Schwellenländer beim Aufbau solcher Agenturen zu unterstützen wäre doch mal eine Aufgabe für die G 20.

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