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Forum:Modell und Wirklichkeit

Jörg Krämer, 53, hat in Bonn und Münster Volkswirtschaft studiert und dann in Kiel promoviert. Danach war er bei Merrill Lynch und bei der HVB. Seit dem Jahr 2006 ist er Chefvolkswirt der Commerzbank.

(Foto: Alexandra Lechner/Commerzbank)

Appelle, die Klimawende zu forcieren, funktionieren nur in einer volkswirtschaftlichen Modellwelt.

Von Jörg Krämer

Kaum beginnt sich die Wirtschaft vom Corona-Schock zu erholen, kommen Forderungen auf, die Klimawende zu forcieren. Die Erderwärmung sei mindestens eine so große Gefahr wie das Corona-Virus und rechtfertige ein mindestens so entschiedenes Gegensteuern. Da die Wirtschaft wieder aufgebaut werden müsse, sollten die Unternehmen das zum Anlass nehmen, sich mit staatlichen Hilfen klimagerecht auszurichten. Die Anfang Juli beginnende deutsche EU-Ratspräsidentschaft böte die Chance, den grünen Neuaufbau der Corona geschädigten Wirtschaft zu beschleunigen.

Solche Appelle für eine Forcierung der Klimawende hören sich gut an, funktionieren aber nur in einer idealisierten volkswirtschaftlichen Modellwelt. Ohne Frage zahlen die meisten Unternehmen zu wenig oder gar nichts für den Ausstoß schädlichen Kohlendioxids. Entsprechend gehen sie bei der Produktion verschwenderisch mit der Umwelt um. Die Klimapolitik soll diesen Fehler korrigieren, indem sie die Schädigung des Klimas mit einem Preis belegt. Die Unternehmen beziehen den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen dann in ihr wirtschaftliches Kalkül ein und produzieren klimafreundlicher. Der CO₂-Ausstoß sinkt, der Klimawandel verlangsamt sich oder kommt sogar zum Stillstand; der Menschheit würde viel Leid erspart. Dieser für die Gesellschaft vorteilhafte Umbau der Wirtschaft wäre für die Unternehmen kein Problem, weil sie langfristig unabhängig vom CO₂-Preis immer lukrative Betätigungsfelder fänden. In einer solchen Modellwelt gibt es keinen Widerspruch zwischen Klimaschutz und dem Wohlergehen der Unternehmen.

Aber in der Realität fallen beim klimagerechten Umbau einer Volkswirtschaft massive Umstellungskosten an. Um neue Betätigungsfelder zu erschließen, müssen die Unternehmen alte Fertigungsanlagen abschreiben und massiv in neue investieren. Außerdem verlieren die Fertigkeiten und Kenntnisse ihrer Mitarbeiter an Wert, die Produktivität sinkt. Darüber hinaus müssen sich Unternehmen aus der Produktion von Gütern zurückziehen, bei denen sie sich über Jahrzehnte auf dem Weltmarkt Spezialisierungsvorteile aufgebaut und entsprechend hohe Einkommen erzielt haben, die sie als Gewinne oder Löhne an die Eigner oder Beschäftigten auszahlen. Eine solche Position zurückzugewinnen, kann viele Jahre in Anspruch nehmen. Erschwert wird ihnen das dadurch, dass es weltweit keine einheitliche Klimapolitik gibt. Dürfen die Unternehmen in einem anderen Land aber weiter das Klima belasten, können sie billiger produzieren. Mit ihren Exporten verdrängen sie dann Unternehmen, die in Ländern mit einer strengen Klimapolitik produzieren. Dieses Problem mag sich mit CO₂-Ausgleichszöllen teilweise vermeiden lassen, die aber gefährliche Handelskonflikte auslösen können.

Eine effiziente Klimapolitik belegt den Ausstoß klimaschädlicher Gase mit einem einheitlichen Preis

Die Unternehmen leiden nicht nur unter den Umstellungskosten der Klimawende, sondern auch unter ineffizienten klimapolitischen Instrumenten. Anders als in der idealisierten volkswirtschaftlichen Modellwelt beschränkt sich der Staat nämlich nicht darauf, alle Unternehmen mit einem einheitlichen CO₂-Preis zu konfrontieren. Stattdessen setzt er in Deutschland auf einen Flickenteppich kleinteiliger Maßnahmen, wie der Sachverständigenrat für Wirtschaft in seinem Gutachten zur Klimapolitik zu Recht kritisiert. Das Klimapaket der Bundesregierung umfasst unzählige Einzelmaßnahmen - Verbote, Vorgaben, Förderungen einzelner Umweltinvestitionen oder -technologien, unterschiedliche Steuern und so weiter. Das führt dazu, dass die Treibhausgase nicht dort gesenkt werden, wo es am günstigsten ist, sondern wo es Politiker und Beamte fordern.

Effizient wäre eine Klimapolitik dagegen, wenn sie den Ausstoß klimaschädlicher Gase mit einem einheitlichen Preis belegte. So könnte der Staat für den Ausstoß einer Tonne CO₂ eine für alle gleich hohe Steuer verlangen, die den volkswirtschaftlichen Kosten der Umweltverschmutzung entspricht. Alternativ könnte er gerade so viele CO₂-Verschmutzungsrechte versteigern, wie mit dem Erreichen des Klimaziels vereinbar sind. Wenn der Staat die Unternehmen auf einem der beiden Wege mit einem einheitlichen Preis für CO₂-Emissionen konfrontiert, können sie entweder weiter Klimagase ausstoßen und dafür den CO₂-Preis entrichten oder die Emissionen durch Umweltinvestitionen reduzieren und die dafür notwendigen Kosten tragen. Liegen diese Vermeidungskosten unter dem CO₂-Preis, lohnt sich die Reduzierung der Emissionen, liegen sie darüber, ist die Reduktion zu teuer und unterbleibt. Ein einheitlicher Preis stellt sicher, dass die Treibhausgase dort gesenkt werden, wo es am wirtschaftlichsten ist. Eine Klimapolitik, die dies missachtet, macht die Klimawende für die Unternehmen viel teuer, als sie sein müsste.

All diese praktischen Probleme der Klimawende sind in der Autoindustrie bereits zu besichtigen. So leiden die Autobauer unter ineffizienten klimapolitischen Instrumenten. Die EU schreibt ihnen ab 2021 strengere Grenzwerte für den CO₂-Ausstoß ihrer Neuwagenflotte vor, obwohl die Nachfrage nach Elektroautos auch wegen fehlender Ladestationen niedrig ist. Verkaufen die Autobauer nicht genügend Stromer, drohen hohe Strafzahlungen. Hinzu kommen hohe Umstellungskosten, um neue Antriebstechniken zu entwickeln - zumal sie einen guten Teil ihres Know-hows verlieren, das sie sich beim Bau von Verbrennungsmotoren über Jahrzehnte erarbeitet haben. Diese Probleme treffen nicht nur die Aktionäre, sondern auch die 1,75 Millionen Beschäftigten der deutschen Automobilindustrie.

Bei all dem ist zu berücksichtigen, dass nicht nur die Autobauer, sondern viele deutsche Unternehmen durch die Bekämpfung der Corona-Epidemie bis ins Mark erschüttert sind. Die Wertschöpfung der Unternehmen ist im zweiten Quartal so stark eingebrochen wie noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Um trotzdem liquide zu bleiben, müssen sich die Unternehmen stark verschulden, ohne dass diesen Verbindlichkeiten ertragreiche Investitionen gegenüberständen; viele haben einen hohen Schuldenberg abzutragen.

In dieser Lage eine Forcierung der Klimapolitik zu fordern, ist gefährlich. Stattdessen sollte die Klimapolitik daran festhalten, wie vor Corona geplant schrittweise vorzugehen und die Unternehmen so vor einem zweiten Schock zu bewahren. Außerdem sollte die Bundesregierung die Corona-Krise zum Anlass nehmen, die Klimapolitik grundsätzlich zu überdenken. Statt einer kleinteiligen und damit teuren brauchen wir eine Klimapolitik aus einem Guss - mit einem einheitlichen CO₂-Preis für alle Unternehmen und Verbraucher.

© SZ vom 22.06.2020

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