Forum 100 000 Jobs weniger

Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

(Foto: oh)

Die Umstellung auf Elektromobilität wird viele Arbeitsplätze kosten und das Wachstum bremsen. Aber man könnte gegensteuern.

Von Enzo Weber

Deutschland ist einer der größten Automobilproduzenten weltweit. Im Fahrzeugbau arbeiten hierzulande mehr als 800 000 Beschäftigte, hinzu kommen Zulieferverflechtungen. Rund ein Fünftel des Umsatzes des verarbeitenden Gewerbes sowie der deutschen Exporte entfällt auf diese Branche. Dementsprechend bedeutsam können Umwälzungen wie der Übergang zur Elektromobilität für die deutsche Volkswirtschaft sein. Das Spektrum von Erwartungen und Befürchtungen zu den ökonomischen Wirkungen der E-Mobilität ist breit - von Wachstumsmotor bis Jobkiller.

Für beide Enden dieses Spektrums gibt es Argumente: auf der einen Seite Innovationen, Zukunftsmärkte und Investitionen, auf der anderen Seite die ausdifferenzierte Verbrenner-Produktion in der deutschen Automobilindustrie, in der viele hochwertige Jobs von der Entwicklung überholt werden könnten. Dabei ist die Produktion von Verbrennungsmotoren sehr arbeitsintensiv - hier wird viel der bewährten Facharbeit in der deutschen Industrie eingesetzt. Elektroantriebe erfordern dagegen aufgrund der deutlich geringeren Komplexität nur einen Bruchteil dieser Arbeitskraft.

Was werden also die volkswirtschaftlichen Gesamtwirkungen der E-Mobilität in Deutschland sein? Um diese zu ermitteln, muss offensichtlich eine Vielzahl von Wirkungskanälen berücksichtigt werden. Dies hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zusammen mit der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) und dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in einer neuen Studie getan. Darin werden die Wachstums- und Beschäftigungseffekte einer Elektrifizierung des Antriebsstrangs bei Personenkraftwagen im Rahmen einer umfassenden und detaillierten Szenario-Analyse untersucht.

Auf die Vielzahl der Wirkungskanäle kommt man, hält man sich vor Augen, welche Voraussetzungen es für eine verstärkte Ausdehnung der E-Mobilität gibt und welche Änderungen damit einhergehen: So geht es um den Investitionsbedarf der Automobilindustrie, den Infrastrukturausbau bezüglich Ladestationen und Stromnetz, die Im- und Exporte von E-Autos sowie von Vorleistungen wie der Batterie, die Produktivitätswirkungen, den Kraftstoff- und Energiebedarf sowie die Kosten durch Batterien, Chemie, Kunststoff, Elektronik und Weiterbildung. Untersucht wird nun, wie Wirtschaft und Arbeitsmarkt insgesamt reagieren, wenn in all diesen Bereichen simultan Änderungen auftreten. Im Ergebnis kommt es zunächst zu positiven Wachstums- und Beschäftigungseffekten. Diese ergeben sich insbesondere durch die notwendigen zusätzlichen Investitionen der Autobranche, die Bauinvestitionen in die Ladeinfrastruktur und die Neuausrüstung des Stromnetzes.

Deutschland sollte den Markt stärker mit inländisch produzierten E-Autos versorgen

Langfristig wird aber mit einem niedrigeren Niveau von Bruttoinlandsprodukt und Beschäftigung gerechnet werden müssen. Mit der Zeit dominiert nämlich der steigende Importbedarf an Elektroautos und Traktionsbatterien, womit die Wertschöpfung also im Ausland erfolgen würde. Auch die oben genannten Mehrkosten für Batterien und anderes wirken sich negativ aus. Dem wirkt aber entgegen, dass für die zuliefernden Branchen zusätzliche Nachfrage entsteht. Zudem gibt es bei den Vorleistungskomponenten der Autos - vor allem bei den Motoren - deutliche Kostenentlastungen. Auch werden die negativen Impulse teilweise dadurch abgefedert, dass infolge der Änderung des Kraftstoffbedarfs weniger Mineralölprodukte importiert werden müssen. Die durch die Umstellung der Produktion auf E-Autos ermöglichten Produktivitätssteigerungen wirken einerseits dem Rückgang der Wirtschaftsdynamik entgegen, tragen andererseits aber zu dem relativ starken gesamtwirtschaftlichen Arbeitsplatzverlust bei.

Im Jahr 2035 werden bei einem im Szenario angenommenen Marktanteil der Elektroautos von 23 Prozent aufgrund der Umstellung auf den Elektroantrieb bei Personenkraftwagen im Saldo 114 000 Arbeitsplätze weniger vorhanden sein. Das reale Bruttoinlandsprodukt wird um 20 Milliarden Euro oder rund 0,6 Prozent niedriger liegen. Der größte Beschäftigungsverlust ist mit minus 83 000 Jobs im Fahrzeugbau zu erwarten. Andere Branchen bauen im Saldo mehr als 30 000 Stellen ab. Die Zahl der insgesamt verschwindenden Arbeitsplätze wird noch höher liegen, aber ihr stehen auch neue Jobs gegenüber. So werden 16 000 neue Stellen beispielsweise im Bauwesen, bei den Stromversorgern oder in Teilen des Dienstleistungsbereiches und des verarbeitenden Gewerbes geschaffen. Der Gesamtumschlag an Arbeitsplätzen, also die Summe der infolge der E-Mobilität verlorenen und neu entstandenen Jobs, beträgt im Jahr 2035 bis zu 170 000.

Von der Elektrifizierung des Antriebsstrangs werden vor allem Fachkräfte, aber auch niedriger und höher Qualifizierte negativ betroffen sein. Die negativen langfristigen Beschäftigungseffekte gehen insbesondere zu Lasten der Berufe in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Metallverarbeitung, aber auch Unternehmensführung und -organisation.

Angesichts der negativen Szenario-Ergebnisse stellt sich die Frage, wie die Effekte in Deutschland verbessert werden könnten. Dies ließe sich insbesondere dann erreichen, wenn Deutschland in der Lage wäre, den Markt stärker mit inländisch produzierten E-Autos zu versorgen. Gleiches gilt für eine inländische Produktion von Traktionsbatterien, wenn diese wettbewerbsfähig zu gestalten ist.

Darüber hinaus gibt es eine dynamische Perspektive: Gelingt es, im Inland technologische Innovationen im Zuge der E-Mobilität zu erreichen, die in einer Projektion mit dem heutigen Wissensstand noch gar nicht absehbar sind, können sich entsprechende volkswirtschaftliche Gewinne ergeben.

Es gibt aber nicht nur Aufwärtspotenzial. Wird bedacht, dass das E-Mobilitäts-Szenario nur von einem Elektro-Anteil von 23 Prozent bis 2035 ausgeht, könnten die negativen Wirkungen bei einer stärkeren Marktdurchdringung unter sonst gleichen Bedingungen auch noch größer ausfallen. Bei aller Unsicherheit zeigt jedenfalls eine realistische, vom Status quo ausgehende umfassende Szenario-Analyse, dass man im deutschen Arbeitsmarkt auf negative Effekte der E-Mobilität gefasst sein muss.

Zumindest gibt es aber Chancen, einen Aufbau von Arbeitslosigkeit zu vermeiden: Für die Abkehr von der Verbrenner-Produktion dürfte eine längere Übergangszeit zu erwarten sein, und die Zahl der Arbeitnehmer mit beruflicher Ausbildung wird im Zuge des demografischen Wandels ohnehin sinken. In vielen technischen Bereichen sind sie jetzt schon knapp.