Forum Für gerechte Bildung

Das beste Mittel gegen Un­gleichheit sind gute Startchancen für alle. Kinder­gärten, kostenfrei und verpflichtend, würden Kindern aus sozial schwachen Familien helfen.

Von Ludger Wößmann

Ungleichheit spaltet in den Augen vieler unsere Gesellschaft. Damit mehr Menschen am Wohlstand teilhaben, nutzt die Politik oft Umverteilungsmaßnahmen. Doch selbst wenn Umverteilung zu größerer Gleichheit der Einkommen beiträgt, geht sie zumeist auf Kosten von Anreizen, den Wohlstand zu mehren. Stattdessen könnte die Politik stärker auf Gleichheit der Chancen abzielen, indem sie die Menschen dazu befähigt, von den Möglichkeiten einer Marktwirtschaft und einer offenen Gesellschaft zu profitieren.

Insofern besteht das beste Mittel gegen Ungleichheit in einer Bildungspolitik, die allen Bürgerinnen und Bürgern gute Startchancen sichert. Wie kürzlich wieder in einer OECD-Studie bestätigt, ist es mit der Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem aber im internationalen Vergleich nicht weit her. Zahlreiche Studien zeigen, dass Bildungserfolg hierzulande stark damit zusammenhängt, aus welchen sozialen Hintergründen und familiären Einkommensverhältnissen die Kinder und Jugendlichen kommen. Ein Beispiel: Die Mathematikleistungen von 15-Jährigen aus schwierigen sozialen Verhältnissen liegen im Durchschnitt etwa vier Schuljahre hinter jenen aus guten sozialen Verhältnissen zurück.

Warum sehen wir also nicht mehr Bildungsreformen, die versuchen, die Chancengleichheit im Bildungssystem zu erhöhen? Oftmals wird argumentiert, dass solche Reformen nicht mehrheitsfähig sind, weil das Bürgertum nur an die eigenen Kinder denkt und wenig Interesse hat, benachteiligte Kinder zu fördern. In einer neuen Studie finden wir hingegen, dass viele Reformen, die auf größere Chancengleichheit abzielen, in der deutschen Bevölkerung deutliche Mehrheiten haben. Dazu haben wir im ifo Bildungsbarometer über 7000 Erwachsene nach ihrer Meinung zu verschiedenen bildungspolitischen Maßnahmen befragt.

Mehr als drei Viertel der Deutschen sprechen sich dafür aus, dass der Staat die Kindergartengebühren für alle Kinder aus einkommensschwachen Familien ab vier Jahren übernimmt. Gleiches gilt dafür, dass der Staat deutlich mehr finanzielle Mittel für Schulen mit vielen Kindern aus benachteiligten Verhältnissen zur Verfügung stellt. Auch für den Ausbau von Stipendienprogrammen, die einkommensschwache Studierende unterstützen, sprechen sich mehr als drei Viertel der Deutschen aus. Zwei Drittel der Deutschen sind dafür, dass die Aufteilung der Schülerinnen und Schüler auf Gymnasium und andere weiterführende Schularten erst nach der sechsten Klasse erfolgt. 65 Prozent sind für einen verpflichtenden Kindergarten für alle Kinder ab vier Jahren. Alle diese Reformvorschläge haben oft das Ziel, die Chancengleichheit zu erhöhen - und sie finden sehr deutliche Mehrheiten in der deutschen Bevölkerung.

Die Mehrzahl der Deutschen ist für kostenfreie und verpflichtende Kindergärten

Für drei weitere Vorschläge finden sich zwar keine absoluten, aber immerhin relative Mehrheiten: dass Lehrkräfte einen Gehaltszuschlag erhalten, wenn sie an Schulen mit vielen Schülerinnen und Schülern aus benachteiligten Verhältnissen unterrichten; dass alle Kinder bis 16 Uhr in die Ganztagsschule gehen; und dass Kinder mit und ohne Lernschwäche zusammen in Regelschulen unterrichtet werden. Wir wollten auch wissen, ob die Deutschen Bildungsungleichheit überhaupt als Problem ansehen und wie gut sie über ihr Ausmaß informiert sind. 55 Prozent sind der Meinung, dass Ungleichheit von Chancen für Kinder aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen im deutschen Bildungssystem ein ernsthaftes oder sogar sehr ernsthaftes Problem ist. Nur 14 Prozent sind der Meinung, dass sie ein kleines oder gar kein Problem ist. Dabei unterschätzt der Großteil das Ausmaß der Bildungsungleichheit deutlich: Nur fünf Prozent der Befragten schätzen die beschriebene Größenordnung des sozialen Unterschieds in Mathematikleistungen richtig, ganze 84 Prozent unterschätzen sie.

Vor diesem Hintergrund haben wir untersucht, ob sich die Ergebnisse ändern, wenn die Befragten Informationen über das tatsächliche Ausmaß der Ungleichheit im Bildungssystem erhalten. Dazu haben wir im Rahmen eines Experiments eine zufällige Teilgruppe der Befragten über die bestehenden Leistungsunterschiede informiert, bevor wir ihnen dieselben Meinungsfragen gestellt haben. In der so informierten Teilgruppe steigt der Anteil, der die Ungleichheit der Chancen für ein ernsthaftes Problem hält, von 55 auf 68 Prozent. Dieser Effekt ist besonders groß unter denjenigen, die die Ungleichheit zunächst deutlich unterschätzt hatten. Auch in einer Nachbefragung rund zwei Wochen später ist das Problembewusstsein unter denjenigen, die in der eigentlichen Befragung über das Ausmaß der Ungleichheit informiert wurden, noch deutlich höher.

Demgegenüber hat die bereitgestellte Information nur wenig Einfluss auf die Zustimmung zu den verschiedenen bildungspolitischen Maßnahmen. Das mag zum Teil daran liegen, dass die Zustimmung ja zumeist bereits sehr groß ist. Lediglich beim verpflichtenden Kindergarten gibt es einen deutlichen Anstieg: Unter den Befragten, die über das tatsächliche Ausmaß der Ungleichheit informiert wurden, steigt die Zustimmung zur Einführung eines verpflichtenden Kindergartenbesuchs von 65 auf 71 Prozent. Dass sich die Information gerade bei der Kindergartenpflicht auswirkt, könnte damit zusammenhängen, dass diese Maßnahme die benachteiligten Familien nicht nur fördert, sondern auch einfordert, dass sie ihre Kinder in den Kindergarten schicken.

Interessanterweise steigt die Zustimmung zum verpflichtenden Kindergarten noch weiter auf 79 Prozent, wenn die Befragten zusätzlich über die Ergebnisse einer aktuellen Studie informiert wurden. Sie hat gezeigt, dass der Besuch eines Kindergartens die späteren Chancen für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen stark verbessert - und dass gerade diese Kinder von ihren Eltern seltener zum Kindergarten angemeldet werden.

Diese Ergebnisse sollten die Politik ermutigen, Reformen für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem anzugehen. Deutliche Mehrheiten der Deutschen sind für kostenfreien und verpflichtenden Kindergarten, zusätzliche Mittel für Schulen in benachteiligten Lagen, eine Aufteilung erst nach der sechsten Klasse und Stipendien für einkommensschwache Studierende. Für den Fall des verpflichtenden Kindergartens zeigt sich, dass sich die Zustimmung durch aufklärerische Maßnahmen noch zusätzlich steigern lässt. Langfristig wäre eine Bildungspolitik, die gerade die benachteiligten Kinder und Jugendlichen fördert, der beste Ansatzpunkt gegen die Ungleichheit in der Gesellschaft.

Der Volkswirt Ludger Wößmann lehrt an der LMU München und leitet das ifo Zentrum für Bildungsökonomik.

(Foto: oh)