Forum Forschungslücke

Deutschland hat es versäumt, aus früheren Flüchtlingsströmen zu lernen. In den USA gab es dagegen Feldexperimente, wie Kinder integriert werden können.

Von Rema Hanna, Rajshri Jayaraman,  Alexandra Spitz-Oener

Deutschland hat sich für Menschen geöffnet, die vor Krieg oder Unruhen in ihren Heimatländern geflohen sind; das Land hat Menschlichkeit und Mut bewiesen. Nun gilt es, die daraus entstehenden Herausforderungen anzugehen: Wie können wir die Flüchtlinge erfolgreich in die Gesellschaft integrieren und ihnen schnell und unbürokratisch Zugang zu Erwerbsmöglichkeiten bieten? Und wie kann Deutschland - ein Land, das sich mit den immer dringender werdenden Problemen des demografischen Wandels auseinandersetzen muss - vom Zuwachs junger, motivierter Arbeitskräfte profitieren?

Das sollten wir eigentlich bereits wissen. Schließlich handelt es sich nicht um den ersten Flüchtlingsstrom, mit dem Deutschland konfrontiert wird. Systematische Untersuchungen darüber, welche Maßnahmen optimal für eine gelungene Integration sind, hätten schon lange durchgeführt werden können. Sie könnten nun als Basis dienen, um Integrationsstrategien zu diskutieren und Lösungskonzepte zur aktuellen Krise zu erarbeiten. Kurz: Sie würden eine evidenzbasierte Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik ermöglichen. Eine Fokussierung auf wirksame Maßnahmen ist geboten - dies nicht nur vor dem Hintergrund knapper Ressourcen, sondern auch, weil es um die Lebenssituation und Zukunftschancen von Menschen geht.

Wie wird etwa den etwa 300 000 Kindern im schulpflichtigen Alter, die 2015 in Deutschland eingetroffen sind, für eine Integration in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt notwendige Bildung garantiert? Es gibt viele Schulen, die für Flüchtlingskinder sogenannte "Willkommensklassen" eingerichtet haben, mit dem Ziel, diese Kinder in die regulären Klassen zu überführen, sobald sie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen.

Angesichts der hohen Zahl der Flüchtlinge und der beschränkten Aufnahmekapazitäten öffentlicher Schulen im Umkreis der Flüchtlingsunterkünfte stehen zunehmend aber auch Überlegungen zur Debatte, für Flüchtlingskinder gesonderte Schulen einzurichten. Der politische Diskurs wird dabei von Fragen der Finanzierung und der Kohärenz der zeitlichen Umsetzungspläne bestimmt. Bildungspolitische oder integrationspolitische Überlegungen hingegen stehen eher im Hintergrund.

Mittel- bis langfristig ist jedoch die entscheidende Frage, welches Umfeld und welche schulischen Erfahrungen die Integration der Kinder am ehesten fördern: segregierte Beschulung oder Beschulung integriert mit den Kindern der einheimischen Bevölkerung. Allerdings kennen wir die Antwort darauf nicht beziehungsweise können nur auf vereinzelte retrospektive Untersuchungen zurückgreifen, deren Aussagekraft begrenzt ist. Es gilt, bei der Beantwortung der Frage eine Reihe von Aspekten zu beachten. So würde Flüchtlingskindern die Integration in das bestehende, laufende Schulsystem die Aufnahme in den Kreis von einheimischen Kindern und damit die soziale Integration erleichtern; Freundschaften und gegenseitiges Verständnis würden so gefördert. Möglich ist aber auch, dass Kinder aus geflüchteten Familien sich in einem solchen Umfeld als Außenseiter und somit unsicher oder sogar überfordert fühlen. Ebenso könnte es sein, dass ihre besonderen Bedürfnisse, beispielsweise in Bezug auf Sprachkenntnisse oder psychologische Betreuung, in segregierten Schulen gezielter aufgearbeitet werden können als in integrierten. Mit anderen Worten: Es fehlt uns in Deutschland für Antworten auf diese Fragen eine Evaluation der in der Vergangenheit getroffenen Maßnahmen im Hinblick auf die heutigen Herausforderungen.

In den USA gab es ein Feldexperiment zur Integration von Kindern in die Gesellschaft

Andere Länder sind weiter. In den USA wurde Mitte der 1990er-Jahre ein Experiment zur Integration von Kindern ethnischer Minderheiten durchgeführt. In Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus fünf amerikanischer Städte konnten die Bewohner an Lotterien teilnehmen und Gutscheine für Wohnungen in besseren Wohngegenden gewinnen. Das Experiment hieß "Moving to Opportunity", kurz MTO.

Raj Chetty, Nathaniel Hendren und Lawrence Katz von der Harvard University haben die Lebensläufe der am MTO-Experiment beteiligten Kinder rund fünfzehn Jahre nach der Lotterie untersucht und festgestellt, dass der Umzug in die bessere Umgebung die Situation der Kinder hinsichtlich College-Ausbildung und Arbeitseinkommen stark verbessert hat. Ihr Jahresgehalt lag etwa dreißig Prozent über dem der Vergleichspersonen, die weiterhin in den Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus wohnten. Der über die Lebenszeit aufsummierte geschätzte Effekt beträgt mehr als 300 000 Dollar pro Person. Dabei übersteigen die Steuerzahlungen der "Lotterie-Gewinner" die Kosten der Maßnahme, das heißt, die Maßnahme war mit einem gesellschaftlichen Gewinn verbunden. Doch die MTO-Umsiedelungen verbesserten nicht nur die ökonomischen, sondern auch die sozialen Bedingungen der betroffenen Kinder. Jeffrey Kling (National Bureau of Economic Research), Jens Ludwig (University of Chicago) und Lawrence Katz führten eine weitere Studie durch und wiesen nach, dass insbesondere die MTO-Mädchen weniger zu Gewaltverbrechen neigen als die Mädchen der Vergleichsgruppe.

Natürlich sind die Rahmenbedingungen in Deutschland anders als in den USA, und auch die konkrete Situation ist eine andere. Die Studie soll als Beispiel dafür dienen, wie man mit sogenannten Feldexperimenten in den Sozialwissenschaften die Wirksamkeit von politischen Maßnahmen untersuchen kann, um damit sozialpolitische Probleme besser angehen zu können.

In den kommenden Monaten und Jahren werden zahlreiche politische Entscheidungen getroffen werden müssen mit dem Ziel, die Flüchtlinge erfolgreich zu integrieren. Diese Entscheidungen müssen gewährleisten, dass ihnen eine möglichst gute Perspektive gewährt wird, und dass Deutschland letztlich von ihrer Zuwanderung wirtschaftlich profitiert.

Wo also sollen Flüchtlinge wohnen? Wie kann man sie in puncto Ausbildung und Arbeit unterstützen? Wo sollen die Kinder zur Schule gehen? Für die Mehrzahl der Fragen kennen wir nicht die optimale Antwort und die Erfolg versprechende Vorgehensweise. Gute Absichten allein genügen aber nicht, um sie zu beantworten; um politische Strategien zu entwickeln, brauchen wir Evidenz. Das setzt voraus, Datengewinnungsstrategien zu erproben und Maßnahmen so zu konzipieren, dass sie schnell und rigoros evaluiert werden können.

Die so gewonnenen Erkenntnisse können dann von Anfang an bindend in die politischen Strategien und in die Förderung von Integration einbezogen werden. Nur auf diese Weise können wir lernen, wie sich die derzeit ankommenden und künftigen Flüchtlinge erfolgreich in die deutsche Wirtschaft und schließlich in die deutsche Gesellschaft integrieren lassen.