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Forum:Familie in Zeiten von Corona

Professor Nicola Fuchs-Schündeln, Ph.D.
Pressebild Universität
(Foto: oh)

Eine Einmalzahlung an Eltern bringt wenig. Die Öffnung von Schule und Kita wäre wichtiger.

Von Nicola Fuchs-Schündeln

Familien mit Kindern sind von der Corona-Krise hart getroffen. Bereits in den Zeiten vor Corona war es nicht einfach, Kinder und Beruf zu vereinbaren. Nun aber brechen die mit viel Organisationstalent zusammengestellten Betreuungsmöglichkeiten seit mehr als zwei Monaten weg. Ob Kitas, Kindergärten, Tagesmütter, Horte oder einfach nur die Schule: Wenn es nun auch vereinzelt zu Öffnungen kommt, so sind wir von einem Normalbetrieb weit entfernt. Gleichzeitig erleiden viele Eltern einen Einkommensrückgang durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, oder es drückt sie zumindest die Sorge vor dem Arbeitsplatzverlust. Da scheint der Vorschlag aus dem Familienministerium willkommen: 300 Euro pro Kind sollen als Einmalzahlung an Eltern fließen.

Dies kann man als Anerkennung für ihre besonderen Leistungen sehen, ähnlich dem Pflegebonus, es ist aber als konjunkturpolitische Maßnahme gedacht. Als solche ist diese Maßnahme jedoch wenig zielgenau: Die Konjunktur wird nur angekurbelt, wenn das Geld auch ausgegeben wird. Dies ist der Fall, wenn staatliche Mittel an Haushalte fließen, die wenig Ersparnisse haben. Das dürfte durchaus für viele Familien der Fall sein, denn im Durchschnitt sind sie recht jung, haben vielleicht Schulden aufgenommen beim Auto- oder Hauskauf und sind ebenso wie andere von Kurzarbeit betroffen, haben aber höhere Ausgaben. Allerdings gibt es auch viele einkommensstarke Familien mit Kindern, und dort wird das Geld auf dem Konto landen. Daher wäre zumindest eine Verknüpfung mit einer Einkommensgrenze sinnvoll.

Was ist wichtiger: Fitnessstudio oder Kinder?

Will man Familien mit Kindern wirklich helfen, so sollten die Schulen und Kitas wieder möglichst rasch und vollumfänglich geöffnet werden. In einer gemeinsamen Stellungnahme haben dies vergangene Woche vier medizinische Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, gefordert. Als wichtigste Maßnahmen, dies zu ermöglichen, sehen sie die Einhaltung von Hygieneregeln und die Bildung fester Gruppen. Sie bemängeln, dass Kinder und Jugendliche sowie ihre Fürsprecher bei den sie betreffenden Entscheidungen nicht gehört wurden. In der Tat wird in Politik und Medien über viele Gruppen und ihre Probleme gesprochen, von den Restaurant- über die Reisebürobesitzer bis hin zu Schaustellern, während die langfristigen Folgen der Kita- und Schulschließungen kaum eine Rolle spielen. Sind uns der Sommerurlaub und das Fitnessstudio wichtiger als die Kinder?

Dabei gibt es alleine aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht mindestens drei Gründe, warum die Kita- und Schulschließungen alles andere als unbedenklich sind. Erstens zeigt die bildungsökonomische Forschung, dass Schule und auch frühkindliche Betreuungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle spielen, um intergenerationale Mobilität zu ermöglichen. Gerade für Kinder aus prekären Verhältnissen sind sie nicht nur eine sehr wichtige Bildungsquelle, sondern schaffen manchmal überhaupt erst eine geregelte Tagesstruktur. Kinder mit Migrationshintergrund lernen in Kitas und Schulen nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch die deutsche Kultur kennen. Die Pisa-Studie hat gezeigt, dass in Deutschland der schulische Erfolg stärker als in anderen OECD-Ländern vom familiären Hintergrund abhängt. Durch die Schließungen wird dieses bedenkliche Ergebnis noch verstärkt. Eine nicht unbeträchtliche Gruppe von Kindern kann sich nicht gemäß ihrer Talente entfalten, und diese Talente werden Deutschland später im Arbeitsmarkt fehlen.

Eltern haben keine Lobby

Zweitens: Noch eine weitere Gruppe wird durch die Schließungen in ihrer Talententfaltung behindert, nämlich die Mütter. Die Daten auch aus Deutschland zeigen, dass Mütter in der Krise die Kinderbetreuungszeiten stärker erhöhen als Väter, und gleichzeitig ihre Arbeitszeit stärker zurückfahren. Da für eine berufliche Karriere gerade die Anfangsjahre wichtig sind, ist zu erwarten, dass auch dies langfristige Folgen gerade für junge Mütter haben wird. Zudem erfahren die Unternehmen nun, dass Mütter nicht nur länger in Elternzeit bleiben als Väter und eher in Teilzeit zurückkehren, sondern auch in Krisenzeiten eher zurückstecken und die Betreuungsrolle übernehmen. Dies senkt die Anreize, junge Frauen in ihrer Karriere zu fördern. Wiederum ist hier also die Chancengleichheit betroffen. Und Chancengleichheit ist nicht nur ein erstrebenswertes Ziel in sich, sondern ist auch wichtig für das langfristige wirtschaftliche Wachstum: Wenn sich jeder Mensch gemäß seiner Potentiale entfalten kann, so wächst auch die Wirtschaft am meisten.

Drittens fallen auch ganz kurzfristig wirtschaftliche Kapazitäten weg durch die Schließungen: in Deutschland haben 26 Prozent der Arbeitnehmer Kinder unter 15 Jahren im Haushalt, elf Prozent der Arbeitnehmer haben keine weitere erwachsene Person im Haushalt, die nicht berufstätig ist und sich um die Kinder kümmern könnte. Bleibt in jedem dieser Haushalte die Person mit den geringsten Arbeitsstunden zu Hause bei den Kindern, so fallen acht Prozent der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsstunden weg. Sollte ein rascher Wirtschaftsaufschwung in der zweiten Jahreshälfte möglich sein, so wird nach den Sommerferien auch wieder die volle institutionelle Betreuung der Kinder benötigt. Vielleicht haben die nordischen Länder die Kita- und Schulschließungen gerade für die jungen Kinder schnell wieder aufgehoben oder sogar ganz vermieden, weil ihre Volkswirtschaften bereits auf egalitären Arbeitsstrukturen aufbauen, die Mütter im Arbeitsmarkt also eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die Väter?

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Im Gegensatz zu den USA ist das komplette Homeschooling von Kindern nicht erlaubt. Familien, die es dennoch tun, werden strafrechtlich verfolgt, auch wenn sie dem staatlichen Curriculum folgen. In Landtagswahlen spielt Schulpolitik immer eine wichtige Rolle, und der Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten war in den vergangenen 15 Jahren ein zentrales familienpolitisches Anliegen aller Parteien. Warum also werden die Kita- und Schulschließungen nun so wenig diskutiert? Es drängt sich der Verdacht auf, dass Kindern, Müttern und engagierten Vätern in der Krise einfach die Lobby fehlt.

© SZ vom 30.05.2020

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