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Forum:Der moralische Kompass in der Pandemie

LANZ SENDUNG 1 12.02.2020

Marcel Fratzscher ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

(Foto: Eventpress MP/picture alliance)

An wen wird der knappe Impfstoff verteilt? Sollen Geimpfte wieder mehr Freiheiten bekommen? In der Corona-Krise wird versucht, Ethik gegen Wirtschaft und Grundrechte abzuwägen und auch auszuspielen. Dabei gibt es für die notwendige Debatte bessere Argumente.

Von Marcel Fratzscher

Eine hitzige Debatte ist darüber entbrannt, wie der knappe Impfstoff nicht nur verteilt wird, sondern auch für wen und wie schnell dieser eine Normalisierung des Alltags ermöglicht. Sollen sogenannte Leistungsträger und Leistungsträgerinnen eine höhere Priorität haben? Sollen geimpfte Menschen besondere Rechte oder zumindest gewohnte Freiheiten wie früher wieder genießen können? Und in welchem Maße kann die Beschneidung der Grundrechte gerechtfertigt sein, um Menschenleben zu schützen?

Wie häufig in der Corona-Pandemie wird versucht, Ethik gegen Wirtschaft und Grundrechte abzuwägen und auch auszuspielen. Es wird suggeriert, was moralisch richtig ist, sei wirtschaftlich kostspielig und schädlich. Nicht selten ist dies der Versuch einzelner Interessengruppen, sich im Verteilungskampf um knappe Ressourcen Vorteile zu verschaffen. Es sind jedoch auch wichtige Debatten, die wir als Gesellschaft führen und lösen müssen. Sie sind wegweisend für viele zentrale Fragen der Zukunft: vom Zugang zu knappen Ressourcen, über die Ausgestaltung von Chancengleichheit bis hin zu den Dilemmata der Künstlichen Intelligenz.

Der Auftrag der Aufklärung

Wir brauchen einen zuverlässigen ethischen Rahmen, um diese Debatten zielgerichtet führen zu können, mit nachvollziehbaren und breit akzeptierten Kriterien. Denn nur wenn die Gesellschaft aktiv in diese Debatten eingebunden ist und eine große Mehrheit der Menschen die Entscheidungen der Politik akzeptiert, können solche Maßnahmen erfolgreich sein.

Dies bedeutet: Wir brauchen einen moralischen Kompass, der unseren Debatten in der Demokratie zugrunde liegt. Dieser Kompass sollte sich auf die drei zentralen Elemente der Aufklärung zurückbesinnen: Autonomie, Universalismus und Humanismus, wie sie der französische Sozialwissenschaftler und Schriftsteller Tzvetan Todorov so treffend beschrieben hat.

Autonomie, Universalität und Humanismus

Das Prinzip der Autonomie erfordert, dass Freiheit nicht nur das Privileg einiger weniger sein darf, sondern viel breiter und umfassender geteilt werden muss. Nicht nur zwischen Ländern, sondern auch innerhalb von Gesellschaften - auch in Deutschland - sind die Chancen für Eigenverantwortung und ein selbstbestimmtes Leben sehr ungleich verteilt. Durch das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und Diskriminierung verfestigen sich nicht nur soziale Klassen, sondern werden Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und zahlreichen anderen Gruppen wichtige Chancen verwehrt. Es ist vor allem dieses Prinzip der Autonomie, der Freiheit für den Einzelnen, das unsere soziale Marktwirtschaft auszeichnet und unsere Demokratie von autokratischen Regimen, wie der Chinas, unterscheidet. Es ist die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs, der auf der Innovationskraft und den Risiken der Bürgerinnen und Bürger beruht.

Universalität erfordert, dass Freiheiten und Chancen nicht nur das Privileg einigen wenigen, sondern allen zugänglich ist. Dies verlangt grundlegende Reformen, um dem Gefühl der Ungerechtigkeit und der Entfremdung vieler Menschen zu begegnen, welches viel des Aufstiegs von Populismus und Protektionismus in der westlichen Welt erklärt. Wie auch die Diskussion über systemrelevante Berufe in dieser Pandemie deutlich macht, erfordert dies einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie Leistung honoriert und Bedürfnisse in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft befriedigt werden können.

Gerechtigkeit hat auch eine wichtige gesellschaftsübergreifende Dimension. Wohlhabende Gesellschaften wie die deutsche dürfen nicht die Augen vor den Bedürfnissen anderer schließen. Und Gerechtigkeit hat eine wichtige Dimension über Generationen hinweg. Gerade in der Diskussion um den Schutz von Klima, Umwelt und Biodiversität wird uns bewusst, dass die gegenwärtigen Generationen zu lange auf Kosten künftiger Generationen gelebt haben und noch immer leben.

Humanismus unterstreicht die Rolle des Menschen als soziales Wesen, das durch Vernunft, Empathie und die Suche nach Fortschritt das gemeinschaftliche Leben gestaltet. Die Corona-Pandemie hat ein beeindruckendes Bewusstsein einer Moral offenbart, die einen hohen Wert auf den Schutz der Schwächsten legt. Diese starke Solidarität war vielleicht der entscheidende Grund, weshalb unsere Gesellschaft die Pandemie bisher besser eingedämmt hat als viele andere. Der Humanismus erfordert auch Reformen des Sozialstaats, der nicht mehr nur eine Absicherung gewährleisten, sondern befähigen muss, um Menschen Chancen zu eröffnen und eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Legitimierung in einer Demokratie und Grundlage für Fortschritt

Aus diesen drei Elementen der Aufklärung lassen sich klare Kriterien für viele Fragen im Umgang mit der Pandemie ableiten. Sie zeigen, dass der eingeschlagene Weg, zuerst Risikogruppen und Menschen in systemrelevanten Berufen zu impfen, klug ist. Der Humanismus und Respekt vor dem Leben leitet uns dazu, zuerst diejenigen zu schützen, für die eine Covid-Erkrankung zu oft tödlich endet, und diejenigen zu berücksichtigen, die in ihrer Arbeit etwa als Pflegerin oder Kassierer eher dem Virus ausgesetzt sind. Auch für andere dringende Fragen - beispielsweise welche Prioritäten bei der Lockerung aus dem harten Lockdown gesetzt werden sollen - bieten sie eine wichtige Orientierung für den gesellschaftlichen Diskurs.

Natürlich wird jeder Bürger und jede Bürgerin die drei Elemente unterschiedlich gewichten und zu anderen Ergebnissen kommen. Eine offene und auch kontroverse Debatte ist essenziell für eine Demokratie. Die Prinzipien der Aufklärung helfen uns jedoch, daraus einen produktiven Dialog zu machen, der den gesellschaftlichen Entscheidungen Legitimität verleiht.

Die Pandemie ist eine Chance für ein neues Bewusstsein, das uns die Widersprüche unseres Handelns bewusstmacht, aber auch einen neuen Weg in die Zukunft weist. Die drei Ideale der Aufklärung - Autonomie, Universalismus und Humanismus - werden entscheiden, wie wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen werden. Sie sind die Eckpfeiler unseres Gesellschaftsvertrags, der sozialen Marktwirtschaft. Sie waren und sind moralischer Kompass und Grundlage für den Fortschritt und Wohlstand. Die großen Probleme und Fehler unserer Zeit - von einer wachsenden sozialen Polarisierung und schwindender Gerechtigkeit über ein Erstarken von Populismus und autokratischen Regimen bis hin zu einer drohenden Klimakatastrophe - können nur gelöst werden, wenn wir uns auf diese drei Prinzipien der Aufklärung besinnen und sie neu denken.

© SZ
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