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Forum:Chimerika im Handelskrieg

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Moritz Schularick, 43, ist Professor für Makroökonomie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind Globalisierung, Verschuldungszyklen sowie die Ursachen von Finanzkrisen.

(Foto: privat)

Trumps Politik zeigt die Verunsicherung eines Landes, das Zweifel am eigenen Erfolgsmodell hat.

Als wir vor gut zehn Jahren den Begriff "Chimerika" prägten, lenkten Niall Ferguson und ich die Aufmerksamkeit auf die ökonomische Abhängigkeit, in der sich China und Amerika befanden. Die beiden geopolitischen Rivalen des 21. Jahrhunderts wuchsen wirtschaftlich in atemberaubendem Tempo zusammen. Der Konsumhunger Amerikas befeuerte das chinesische Exportwachstum. Chinas Sparwut finanzierte die amerikanische Kauflust und hielt die Zinsen niedrig, was Kredite billig und Häuser in Amerika teuer machte. Die Weltwirtschaft brummte, und Chinas Anteil am Welthandel explodierte: "Made in China" war plötzlich überall.

Aber unsere Wortschöpfung Chimerika sollte auch an die Chimäre erinnern, jenes hässliche Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, das Löwe, Ziege und Schlange in einem war. Chimerika war keine ökonomische Gleichgewichtsschönheit, sondern eine unansehnliche Kombination aus chinesischer Exportförderung durch Wechselkurspolitik und amerikanischer Verschuldungsfreude. Offen blieb, wer aus der abzusehenden Scheidung als Gewinner hervorgehen würde: die Chinesen, die vom US-Markt abhängig waren, oder die Amerikaner, die chinesisches Geld brauchten.

Heute ist Chimerika im Handelskrieg. Trump hat die Axt an das regelbasierte internationale Handelssystem gelegt, das Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen und über Jahrzehnte aufgebaut hat. Kurzfristig richtet Trumps Politik nicht nur handelspolitischen Flurschaden an, sondern bringt auch die Weltwirtschaft der nächsten Rezession einen Schritt näher. Die amerikanische Wirtschaft befindet sich im zehnten Jahr der Expansion seit der großen Rezession. Der niedrige Stand der Arbeitslosenquote, die Bewertungen an der Börse, der Risikoappetit bei Fusionen und Übernahmen, der Boom im Kunstmarkt - vieles deutet darauf hin, dass die nächste Rezession nicht mehr weit weg ist.

Langfristig bedeutend ist aber vor allem der Wandel in der amerikanischen China-Politik, der jetzt eingeleitet ist. Washington hat in den letzten zwanzig Jahren darauf gesetzt, dass marktwirtschaftliche Öffnung und Demokratisierung Hand in Hand gehen könnten. Chinas ökonomischer Aufstieg sollte mittelfristig das Land auch demokratischer machen und damit den geopolitischen Wettlauf entschärfen. Dies war die zentrale Annahme amerikanischer Chinapolitik seit Präsident Clinton. Zwar gab es immer wieder warnende Stimmen, die fragten, ob es sinnvoll sei, den einzigen ernst zu nehmenden Rivalen auf der Weltbühne mit ungewissem Ausgang so schnell ökonomisch stark zu machen. Aber sie blieben in der Minderheit. Es war ein selbstbewusstes Amerika, das eine solche China-Politik formulierte.

Die Globalisierung nachhaltig zu machen, ist die Herausforderung für die Weltwirtschaft

Aus Trumps Handelskrieg spricht nun die Verunsicherung eines Landes, das Zweifel am eigenen Erfolgsmodell hat und sich von China bedroht fühlt. Denn auch politisch ist die Rechnung bisher nicht aufgegangen. In Peking dachte man anders über den Zusammenhang zwischen ökonomischer Entwicklung und politischem Wandel nach als in Washington. Für die chinesische Führung war der ökonomische Erfolg gerade eine Rückversicherung gegen die politischen Risiken, die sich aus der Öffnung zum Weltmarkt ergaben. Ökonomischer Erfolg sollte die politische Ordnung stabilisieren und es dadurch der Partei erlauben, alle Fäden in der Hand behalten. Bisher ist diese Strategie aufgegangen.

In der Tat sieht es so aus, dass China und nicht Amerika als großer Gewinner aus dem letzten Jahrzehnt hervorgeht. Viele Amerikaner denken, dass ihr Land - in Trumps Sprache - den schlechteren "Deal" bekommen hat. Wenn Trump heute lautstark twittert, dass der Wettbewerb mit China schon vor langer Zeit verloren gegangen ist, dann stimmt ihm ein großer Teil der amerikanischen Öffentlichkeit zu. Ohne diese verbreitete Meinung wäre Trump vermutlich gar nicht erst zum Präsidenten gewählt worden.

Die USA sind heute ein ökonomisch und politisch polarisiertes Land, in dem nahezu die Hälfte der Haushalte über weniger Vermögen verfügt als noch im Jahr 1970. Die Verteilung der viel zitierten Früchte des Wachstums ist in den letzten Jahrzehnten immer ungleicher geworden. Seit den 80er-Jahren gingen rund 70 Cent von jedem Dollar, um den die amerikanische Wirtschaft gewachsen ist, an die reichsten zehn Prozent der amerikanischen Haushalte. Der Rest musste sich teilen, was übrig blieb. Insbesondere die amerikanische Mittelschicht hat unter dem Platzen der Häuserblase stark gelitten.

In letzter Zeit wird unter Ökonomen die Tatsache wieder stark diskutiert, dass Handel und Marktintegration uns zwar reicher machen, aber immer Gewinner und Verlierer produzieren. Diese Verteilungseffekte wurden lange Zeit mit dem Argument vom Tisch gewischt, dass die Gewinner ja die Verlierer entschädigen können. Aber in der Praxis geschieht das sehr selten. Denn es sind die Gewinner, die Geld und politischen Einfluss haben. Und es findet sich immer ein Ökonom, der den Gewinnern bescheinigt, dass höhere Steuern, mehr Umverteilung oder mehr Staatsausgaben Gift für Wachstum und Innovation sind.

Wenn die Gewinner der Globalisierung wenige, die Verlierer aber viele sind, dann dauert es in einer Demokratie nicht lange, bis sich ein politischer Unternehmer findet, der mit nationalem Pathos dem Ausland die Schuld an den eigenen Problemen gibt. Die Ursachen für steigende Ungleichheit sind komplex, aber unfairen Handelspraktiken die Schuld zu geben, ist eine ebenso einfache wie in der Regel erfolgreiche Strategie, die von eigenen Versäumnissen ablenkt. Die erste Globalisierung brach in der Zwischenkriegszeit zusammen, weil die demokratischen Mehrheiten für ein offenes Handelssystem in vielen Ländern verloren gingen. Die Vorteile waren für die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr greifbar. Heute liegt zweifelsohne wieder ein Hauch der Zwanzigerjahre in der Luft.

Die wichtigste Lehre aus der Geschichte der Globalisierung ist, dass - in Abwandlung von Wolfgang Böckenfördes berühmtem Diktum über die Demokratie - auch eine offene Weltwirtschaft von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht garantieren kann und teilweise sogar selbst untergräbt. Entgegen der Intuition vieler Ökonomen ist die Globalisierung kein stabiler Prozess. Die ungleiche Verteilung der Wachstumseffekte droht ihr immer wieder das politische Fundament zu entziehen. Die Globalisierung politökonomisch nachhaltig zu machen, ist die zentrale Herausforderung für die Weltwirtschaft und die wichtigste Einsicht aus dem Handelskrieg im Hause Chimerika.

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