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Forum:Arbeiten mit und nach der Krise

Pressebild Internet Fabian Kienbaum

Fabian Kienbaum steht seit vier Jahren an der Spitze der Personalberatung Kienbaum Consultants. Er studierte BWL, wechselte an die European Business School in Paris, arbeitete dann in einer Londoner Unternehmensberatung.

(Foto: oh)

Wie uns Corona zu New Work zwingt - und was das für Führungskräfte bedeutet.

Von Fabian Kienbaum

Seit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 steht unsere Arbeitswelt Kopf. Diese Krisenzeit zwingt Unternehmen dazu, erstmals "New Work" nicht nur anzupreisen, sondern wirklich mit Leben zu füllen. Ein Richtungswechsel, der viel Mut und Kraft erfordert. Die Präsenzkultur des Arbeitens im Büro weicht dem Arbeiten im Homeoffice mit Video- und Telefonkonferenzen. Wir sind gerade Zeugen eines fulminanten Kulturwandels! Daher ist es besonders jetzt die Aufgabe von Führungskräften, das Ruder in die Hand zu nehmen und sich mutig den neuen Herausforderungen zu stellen.

Mit dem Kulturwandel, der sich in der Arbeitswelt vollzieht, müssen wir zwangsläufig über ein neues Bewusstsein unserer Führungsarbeit nachdenken. Vertrauenskultur ist die neue Währung, denn Führungskräfte sehen sich plötzlich mit noch intensiverer Führungsarbeit konfrontiert, in der sie Mitarbeitenden, die ihre Arbeit im Homeoffice tätigen, vertrauen und sie individueller führen müssen.

Wir müssen jetzt die Bereitschaft aufbringen, die Komfortzone der Konformität zu verlassen und mutig in Vielfalt zu investieren. Die Zeiten von streng hierarchischen, häufig maskulin dominierten Command-and-Control-Prinzipien haben größtenteils ausgedient; Führungskräfte haben mehr denn je die Aufgabe "Ermöglicher" und "Kümmerer" zu sein.

Mut als Triebfeder

Mit einer Neu-Interpretation von Führung und Mitarbeitenden, die aufgerufen sind, eigenverantwortlicher zu agieren, geht für viele Führungskräfte ein Kontrollverlust einher, auf den es sich erst einmal neu einzustellen gilt. Daher ist es wichtig, Rahmenbedingungen im Arbeitsumfeld so zu schaffen, dass sich Mitarbeitende entfalten und einbringen können.

Es ist die Zeit der "Mutgeberinnen" und "Mutgeber". Wir müssen uns unseren Ängsten, Sorgen und etwaigen Kontrollverlusten stellen und der Krise mit neuen Konzepten entwachsen. Wenn es uns jetzt gelingt, die aktuelle Phase als eine nachhaltige Chance zu begreifen und in Anlehnung an Otto Scharmers Theorie U Modell "von der Zukunft her zu führen", dann werden wir das Thema Arbeit in einen neuen Diskurs bringen und weiterentwickeln.

In unserem aktuell erschienenen "Manifest für die Arbeitswelt von morgen" ist Mut als der zentrale Muskel beschrieben, durch dessen Training es gelingen kann, über den Tellerrand von Effizienz und Profit zu schielen. Wer es schafft, sich einer bewussten Auseinandersetzung im Sinne des Stakeholder Value zu stellen und diese mit klaren Bekenntnissen zu verbinden, stellt die richtigen Weichen für nachhaltigen Erfolg.

Es geht also nicht mehr nur darum, was man den Märkten bieten kann, sondern der Gesellschaft. Was banal klingen mag, ist eine immense Herausforderung, die häufig mit Zielkonflikten einhergeht. Die Unternehmerin Antje von Dewitz vom klimaneutralen Vorzeigeunternehmen und Outdoor-Textilausstatter Vaude beschreibt dieses Phänomen treffend, indem sie festhält: Einerseits bedeute eine nachhaltige Ausrichtung für sie einen Wettbewerbsnachteil im ökonomischen Sinne, weil Vaude schlichtweg profitabler agieren könnte, wenn das Unternehmen weniger Rücksicht auf sorgsame Produktion und so weiter nähme. Andererseits lieben ihre Kunden eben nicht nur die Produkte, sondern Vaudes Haltung. Ohne Sinn und Nachhaltigkeit laufen Unternehmen akute Gefahr, ihre Zukunftsfähigkeit einzubüßen; es gilt jetzt, die Antennen neu auszurichten.

Arbeit neu gedacht

Mit Covid-19 erleben wir, wie in kürzester Zeit vieles aus dem Fugen geraten ist. Wir sind nunmehr aufgerufen, das Heute zu gestalten, damit das Morgen bleiben kann. Über Strategie, Struktur, Prozesse, Systeme und Kultur unterliegen alle relevanten Dimensionen der Unternehmensführung einer kritisch-konstruktiven Betrachtung, die an vielen Stellen zur richtigen Folge hat, die Seele des Unternehmens von innen nach außen umzukrempeln. Mit geschärftem Blick kommen auf einmal neue Möglichkeiten zum Vorschein, die vorher möglicherweise undenkbar waren. Plötzlich können wir produktiv unseren Berufen nachgehen, ohne dass wir Wochen oder Monate einen Fuß in unsere Organisationen gesetzt haben.

Hybride Arbeitsformen bekommen einen völlig neuen Stellenwert und helfen uns, Privat- und Berufsleben besser in Einklang zu bringen. Es ist gut möglich, dass das Arbeiten im Homeoffice durch die Corona Krise einen dauerhaften Schub bekommen hat. Viele Unternehmen mussten zwangsläufig an ihrer technischen Infrastruktur arbeiten, um erst einmal den Weg für die digitalen Kommunikationswege öffnen zu können. Allein das hat vieles in Bewegung gesetzt. Dennoch ist zu nicht zu erwarten, dass sich allein das "Arbeitsmodell Homeoffice" durchsetzen wird. Menschen brauchen Gemeinschaft, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, gemeinsame Erlebnisse und ungeplanten Austausch, der sich nachweislich positiv auf Innovationskraft und Kreativität auswirken kann. Daher ist eine Mischform aus Präsenzarbeit und Homeoffice ein Konstrukt, das Zukunft hat.

Grundsätzlich gilt: Wenn wir den Großteil unserer Lebenszeit mit Arbeit verbringen dürfen, dann sollte diese Zeit so erfüllend wie möglich sein. Und das gelingt am besten, wenn wir uns Unternehmen anschließen, die sich einerseits einem Purpose verschrieben haben und dabei andererseits die Individualitäten ihrer Mitarbeitenden so wertschätzt, dass New Work für das New Normal steht.

© SZ
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