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Forum:1929 und wir

BEST AGER, Unternehmer mit Weitblick, Veranstaltung 07.11.2013 Dortmund

Erik Händeler, 50, ist Autor ("Die Geschichte der Zukunft") und Vortragsredner. Er beschäftigt sich vor allem mit Kondratieffs Wirtschaftstheorie und dem Zusammenhang von Produktivität und Wohlstand in der Wissensgesellschaft.

(Foto: Günter Lintl/oh)

Die Investitionen in den technischen Fortschritt erzeugen derzeit kaum neue wirtschaftliche Produktivität. Die Zukunft gehört dem Menschen.

Diese Erzählung vom großen Börsencrash ist weit verbreitet: Über gierige Spekulanten, irre Indexsteigerungen und Betrügereien. Die US-Notenbank Fed hatte 1927 dem Drängen der klammen Europäer nachgegeben, den Zins auf 3,5 Prozent zu senken, um auch ihren Markt zu entspannen. Das freie Geld aus aller Welt warf von da an mehr Rendite an der Börse in New York ab. Selbst Industrieunternehmen investieren lieber in Aktien als in das richtige Leben. Dann die Panik am Donnerstag, 24. Oktober 1929, dem der Schwarze Freitag folgte. Der Crash fand erst im Juli 1932 seinen Boden. Da sich auch einfache Menschen mit nur zehn Prozent Eigenkapital Aktien kaufen konnten, war nicht nur ihr Geld weg, sondern oft auch noch das der Banken, die es ihnen geliehen hatten. Das viele überschüssige Geld verschwand einfach dadurch, dass Kredite nie zurückgezahlt wurden. Um überhaupt noch etwas verkaufen zu können, senkten Firmen die Preise, bekamen ihre Fixkosten nicht mehr herein, schlossen Werke. Millionen Menschen in den USA und in Europa hungerten in der Folge.

In dieser Erzählung hat der Börsencrash die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre ausgelöst. Doch das stimmt nicht: Schon längst war die Industrie im Sinkflug. Die Autoproduktion in den USA fiel schon vorher drastisch. Eine Erklärung liefert der Realwirtschaftler Nikolai Kondratieff (1892 - 1938): Der elektrische Strom hatte seit den 1890ern die Chemieindustrie beflügelt. Stahl ließ sich mit Strom 80 Prozent billiger herstellen. Hinterhofhandwerker konnte nun eine Schreinerei betreiben, Strom erst machte die Massenproduktion möglich. Solche grundlegenden neuen Technologien benötigen über einen längeren Zeitraum Unmengen an Kapital - zum Aufbau des Technologienetzes, und sehr viel Zeit, um Menschen an der neuen Technik zu schulen. Deswegen dauert es, bis die hohen Investitionen durch Konsumverzicht bei hohen Zinsen gestemmt sind, dann aber steigt der Wohlstand rapide an.

Anfang der 20er-Jahre waren in den entwickelten Ländern so gut wie alle Unternehmen elektrifiziert. Es gab immer weniger rentable Investitionsmöglichkeiten, die Kosten senkten. Deswegen braucht die Volkswirtschaft dann weniger Geld, die Zinsen fallen, was den Konsum ankurbelt. Oder das freie Geld fließt in Immobilien und vor allem Aktien. Deren Preise steigen nicht deshalb, weil sie mehr wert sind, sondern allein, weil es im realen Leben keine rentablen Verbesserungen mehr gibt.

Auch heute sind nicht die Zentralbanker "schuld" an den Nullzinsen, sondern der Mangel an Investitionsmöglichkeiten, die im realen Leben Ressourcen einsparen. Ohne die Geldschwemme der EZB wäre die Wirtschaft spätestens seit 2008 längst abgestürzt. Sie hat auch keine Inflation ausgelöst, weil die Umlaufgeschwindigkeit sank. Nicht Geld, sondern die reale Produktivitätsentwicklung bestimmt die Konjunktur, und die wirkt derzeit deflationär. Etwas ist zu Ende gegangen, weltweit.

In der Breite haben Computer seit mehr als 40 Jahren strukturierte Wissensarbeit effizienter gemacht. Wer um 1990 seine Schreibmaschine in den Keller stellte und einen 2/86-PC kaufte, der machte einen gigantischen Fortschritt. Wenn sich dagegen heute die Rechenleistung verdoppelt, ist die Arbeit um null Prozent besser geworden, weil sie nicht an der Knappheit ansetzt, über die Kondratieff nachdachte. Produktionsfaktoren wachsen nicht gleichmäßig mit der Volkswirtschaft, also verteuert sich der eine mehr als der andere, bis er physisch nicht zu vermehren ist und unerschwinglich wird. Kondratieff schreibt von der "Realkostengrenze". Wenn in den 1830ern Transport der knappste Faktor war, der die Wirtschaft stagnieren ließ, dann musste die Eisenbahn gebaut werden. Wenn es um 1980 zu teuer wurde, Wissen in Karteikästen zu organisieren, musste der Computer vorangebracht werden.

Was uns heute an Zukunftstechnologie verheißen wird, ist zwar nicht falsch, setzt aber nicht an der nächsten Knappheit an: Je mehr Technik wir haben, desto mehr geht es um die Menschen hinter der Technik, die um die bessere Lösung ringen und eine Situation analysieren und wirklichkeitsnah entscheiden müssen. Fliesen zu verlegen ist eine strukturierte Tätigkeit; ein schwieriges Ehepaar zu beraten aber ist eine unstrukturierte, unscharfe Arbeit. Ökonomen wundern sich über das "Produktivitätsparadoxon": Die Produktivität steigt insgesamt kaum noch, obwohl wir ständig viel in Technik investieren? Die Antwort ist, dass der Anteil von Technik an der Produktivität sinkt, während die unstrukturierte Gedankenarbeit zwischen Menschen zunimmt. Weder KI noch Nanotechnik helfen, wenn zwei Abteilungsleiter nicht miteinander reden oder ein Team Probleme von der Beziehungsebene her angeht anstatt von der Sachebene. Drei Mittelmäßige, die gut zusammenarbeiten, sind bedeutend produktiver als der Supercrack, der von Kindheit an nur gelernt hat, sein Eigeninteresse zu verfolgen.

Die Folgen einer solchen Stagnation sind desaströs: Die Länder schließen ihre Handelsgrenzen, suchen Sündenböcke, wählen "starke" Führer, schieben den Verstand bei Seite und lassen sich über niedere Instinkte manipulieren. Das war nach dem Gründerkrach 1873 für 20 Jahre so, als die Eisenbahnen zwischen den damaligen Zentren fertig gebaut waren. Das war in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 so, als die meisten Länder in Diktaturen versanken. Und so wird es auch jetzt sein: Nicht Trump erzeugt eine Wirtschaftskrise. Menschen wählen Populisten, weil der Grenznutzen von Technologie erschöpft ist, Gewinne wegkonkurriert werden und Wohlstand wie Selbstwert mancher Leute sinken. Populisten sind das Symptom, nicht die Ursache. Nicht der weltweite Handelskrieg ist Ursache einer schwächeren Wirtschaft. Selbst Staaten wie China igeln sich ein, weil Schluss ist mit noch mehr Stahlgießen und Plastikteile-Spritzen. Brexiteers machen die EU zum Sündenbock für ihre Stagnation. Weil das Alte nicht mehr funktioniert, aber über das Neue keine Einigkeit besteht, flüchten sich alle in vermeintlich gute alte Zeiten und werden nationalistisch oder zumindest konservativ, was eine Erholung verhindert.

Was tun, um ein weltweites 1929 abzuwenden? Weder noch mehr Geld noch Technik werden uns grundlegend helfen. Der beste Weg, Politik und Wirtschaft zu stabilisieren, ist, gesamtgesellschaftlich produktiver zu werden. In den vergangenen 200 Jahren haben wir die materiellen und energetischen Prozesse durchrationalisiert. Jetzt gilt es, den Anteil unserer Arbeit zu verbessern, der aus unstrukturierter Gedankenarbeit zwischen Menschen besteht, in der gedachten Welt, in der es keine Grenzen des Wirtschaftswachstums gibt.

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