Formel 1 John Malone macht das Rennen

Die Formel 1 bekommt einen neuen Eigentümer - endlich. Der amerikanische Medienunternehmer steigt ein und muss das Unternehmen auf Kurs bringen. Wie lange bleibt Gründer Bernie Ecclestone noch?

Von Von Caspar Busse und Björn Finke, München/London

Es liegen nur noch zwei Punkte zwischen den beiden. Am vergangenen Wochenende hat Nico Rosberg den Großen Preis von Italien in Monza gewonnen und liegt nun knapp hinter seinem Teamkollegen Lewis Hamilton. Noch sieben Rennen stehen aus, die beiden Mercedes-Piloten werden die Weltmeisterschaft in dieser Saison wohl unter sich ausmachen. Für Spannung ist also gesorgt.

Ein anderes Rennen in der Formel 1 ist dagegen jetzt entschieden - mit einem Überraschungssieger. Der amerikanische Medienunternehmer John Malone, 75, wird künftig das Sagen in dem weltweit präsenten Rennzirkus haben. In der Nacht zum Donnerstag wurde bekannt, dass Malones Liberty-Konzern schrittweise die Kontrolle übernehmen wird und dafür die Anteile des derzeitigen Großaktionärs, des Finanzinvestors CVC, kauft. In bar werden insgesamt 4,4 Milliarden Dollar gezahlt, dazu kommt die Übernahme von Schulden. Insgesamt hat das Geschäft ein Volumen von acht Milliarden Dollar. Möglicherweise soll die Formel 1 später an die Börse.

Es ist ein bemerkenswerter Deal. Die Formel 1 ist nicht nur eines der bekanntesten, lukrativsten und globalsten Sportereignisse. Schon seit Jahren gibt es auch Spekulationen über einen Verkauf der Rennserie. Immer wieder tauchten Interessenten auf, immer wieder stand ein Abschluss angeblich bevor, auch Börsengänge scheiterten. Das Ganze war manchmal fast so unterhaltsam wie die Rennen. Doch die Sache drehte sich wie die Formel 1 im Kreis. Es blieb alles so wie es war.

Bis jetzt. Nun kommt also Malone. Sein Konzern Liberty erwirbt zunächst ein Paket von 18,7 Prozent. Die restlichen Anteile sollen im ersten Quartal 2017 folgen. Helfen soll dabei Chase Carey, den Malone bei 21st Century Fox seines Widersachers Rupert Murdoch abgeworben hat. Carey hat einen knallharten Ruf und soll den Verwaltungsrat der Formel-1-Betreibergesellschaft leiten. Er wird damit künftig der Chef von Bernie Ecclestone, 85, sein. Der umstrittene Manager soll die Formel 1 übergangsweise für längstens drei Jahre weiterführen. "Ich sehe die große Chance, die Formel 1 zum Nutzen der Fans, der Teams und der Investoren weiterzuentwickeln", sagte Carey am Donnerstag.

Liberty wird eine Rennserie übernehmen, die sehr profitabel ist, aber schon länger mit Problemen zu kämpfen hat. So ist die Zahl der Fernsehzuschauer - in Deutschland ist sie bei RTL und bei Sky zu sehen - in den vergangenen Jahren weltweit gesunken. Ecclestone versäumte es, stärker in die Vermarktung über Internet und soziale Medien zu investieren, um junge Fans besser zu erreichen. In den USA hat die Rennserie kaum Anhänger. Liberty will sie nun auch dort in der Heimat des Konzerns populär machen. "Das wird aber dauern", so Vorstandschef Greg Maffei. "Das werden wir nicht in zwei Jahren schaffen." Auch die TV-Einnahmen sollen steigen.

Vom Milliardengeschäft Formel 1 profitieren zudem nicht alle Beteiligten. So fällt es den Rennstrecken in Europa schwer, die hohen Antrittsgelder zu zahlen, die Ecclestone verlangt. Im vergangenen Jahr gab es darum kein Rennen in Deutschland. Dafür drehen die Teams nun in Ländern wie Aserbaidschan, Bahrain und Russland ihre Runden. Keine klassischen Rennsport-Nationen, doch die autokratischen Regierungen sind gerne bereit, Ecclestone die geforderten Millionen zu überweisen, um die prestigeträchtigen Rennen auszurichten.

Zudem machen viele Rennställe, die die Fahrzeuge und ihre Fahrer stellen, Verluste. Die Kosten, um konkurrenzfähige Autos zu entwickeln, sind gestiegen, zugleich schüttet Ecclestone den Großteil der Einnahmen vor allem an erfolgreiche und traditionsreiche Rennställe wie Mercedes, Ferrari oder Red Bull aus. Die kleineren Rivalen Force India und Sauber legten darum im vergangenen Jahr Beschwerde bei EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ein. Sie halten die Verteilung der Gelder für ungerecht.

"Wir sind nicht so etwas wie die Mafia, wir sind die Mafia."

"In der Summe sehe ich sehr viel mehr Chancen als Risiken", hatte am vergangenen Wochenende Daimler-Chef Dieter Zetsche zu dem bevorstehenden Verkauf gesagt. Ein Mercedes-Sprecher gab aktuell keinen weiteren Kommentar. Gerade die Autoindustrie und die meisten der elf Rennställe drängen seit Jahren auf neue, transparente Strukturen. Doch Ecclestone widersetzte sich dem bislang.

Ecclestone selbst besitzt 5,3 Prozent der Anteile an der Rennserie, seiner Familien-Stiftung Bambino gehören weitere 8,5 Prozent. Auch er wird Pakete schrittweise verkaufen, aber er bleibt Chef des Unternehmens. Zuletzt hatte er gesagt, er denke nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Der Brite führt die Formel 1 seit mehr als drei Jahrzehnten; 1978 wurde er Chef der Rennstall-Vereinigung. Er verwandelte den wenig professionell gemanagten Nischensport für reiche Enthusiasten in ein Milliardengeschäft. Der Brite, der seine Karriere mit 16 Jahren als Gebrauchtwagenhändler begann, erkannte schnell, wie viel Geld die Rennserie mit Fernsehübertragungen, VIP-Logen und Bandenwerbung machen kann. Er handelte für die Rennställe lukrative Verträge aus, immer darauf bedacht, dass für ihn genug übrig blieb und er das Sagen behielt.

"Mr. E" - so nennt ihn seine Entourage - konnte sich auf seinem Posten trotz diverser Skandale und Gerichtsverfahren halten. Zuletzt musste er sich sowohl in London als auch in München gegen Vorwürfe verteidigen, er habe einen früheren Vorstand der Bayern-LB, die früher Formel-1-Anteilseignerin war, bestochen. Als Gegenleistung sollte der Manager sicherstellen, dass die Bank ihre Anteile an der Formel 1 an einen Ecclestone genehmen Bieter verkauft, eben an CVC im Jahr 2006. Das Verfahren gegen Ecclestone in München wurde eingestellt gegen eine Geldauflage von 100 Millionen Dollar. In London urteilte der Richter ebenfalls in seinem Sinne, bezeichnete ihn aber zugleich als "nicht verlässlich oder vertrauenswürdig". Die Prozesse torpedierten die CVC-Pläne, die Formel 1 an die Börse zu bringen.

Der nur 1,59 Meter große Ecclestone, seit 2012 zum dritten Mal verheiratet, macht außerdem immer wieder mit fragwürdigen Ansichten und Zitaten Schlagzeilen. So sagte der überzeugte Nichtwähler, dass Demokratie Zeitverschwendung sei; er lobte Adolf Hitler, weil der "fähig war, Dinge zu erledigen". Zur Zusammenarbeit mit seinem Freund Max Mosley, dem Ex- Chef des Rennsportverbands Fia, sagte er: "Wir sind nicht so etwas wie die Mafia, wir sind die Mafia."

Ferrari beim Boxenstopp in Monza: Das italienische Team fährt bislang in diesem Jahr Mercedes hinterher.

(Foto: Rainer Schlegelmilch/Getty)