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Foodwatch stellt neue Studie vor:Profit auf Kosten der Kinder

Die Lebensmittelindustrie dreht den Kindern gerade jene Produkte an, die sie dick machen, zeigt ein neuer Report von Foodwatch. Die Werbebudgets dafür sind millionenschwer. Doch statt dagegen vorzugehen, belässt es Ernährungsministerin Aigner bei Appellen an die Eltern.

Thorsten Denkler, Berlin

Die Müsli-Abteilung in einem Berliner Supermarkt. Hier stehen sie, die Dickmacher der Nation. Frühstücksflocken, die mehr Zucker als Hafer enthalten. Mit Farbstoffen vollgepumpte, klebrig-süße Maisringe. Ein Regal weiter: die Softdrinks, Zuckerwasser mit Farbstoffen und Aromen. Und dann die Süßwarenabteilung - umfangreicher meist als das komplette Obst- und Gemüse-Angebot. Die Packungen alle schreiend bunt. Schon auf den ersten Blick ist klar, wer hier die wichtigste Zielgruppe ist: Kinder und Jugendliche.

Foodwatch: Fast alle Kinder-Lebensmittel ungesund

Kinder-Lebensmittel unter der Lupe.

(Foto: dapd)

Wer Augen hat, kann dies sehen. Für alle anderen haben die Ernährungsaktivisten von Foodwatch jetzt in einer umfassenden Studie über Kinderlebensmittel mal klargestellt, wie die Ernährungsindustrie "unsere Kinder kauft", wie Martin Rücker von Foodwatch sagt.

Die Erkenntnis ist alarmierend. Die Lebensmittelindustrie stellt die Ernährungspyramide schlicht auf den Kopf. Wer das Bild von der Pyramide kennt, der weiß: Ganz unten im grünen Bereich sind die Lebensmittel, die hauptsächlich gegessen und getrunken werden sollten. Wasser, ungesüßter Tee, Brot, Kartoffeln, Gemüse, Obst. Ganz oben, im roten Bereich die Lebensmittel, die Kinder nur selten zu sich nehmen sollten: Süßigkeiten vor allem, wozu auch Frühstücksflocken zählen.

Der Foodwatch-Report zeigt jetzt, wie es tatsächlich auf dem Lebensmittelmarkt aussieht. Mehr als 1500 Lebensmittel haben die Autoren der Studie (PDF-Datei) in den vergangenen Monaten identifiziert, die sich speziell oder indirekt über die Eltern an Kinder als Zielgruppe richten.

Das niederschmetternde Ergebnis: Fast drei Viertel der untersuchten Lebensmittel gehören in den roten Bereich der Lebensmittelpyramide. Kinder, das scheint das zentrale Anliegen der Lebensmittelindustrie zu sein, sollen früh an genau die Produkte gewöhnt werden, die sie dick machen. So viel können sich Kinder den ganzen Tag gar nicht bewegen, wie die Industrie Fett und Zucker in den Produkten verarbeitet.

Der industrienahe Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) reagiert empört: Die Auswahl der Kinderlebensmittel "durch eine eher unmethodische Recherche" sei "willkürlich" und folge "offenbar nur dem Ziel", möglichst viele Produkte in eine negative Kategorie einsortieren zu können. Es existiere keine Definition von Kinderlebensmitteln. Zudem würden zahlreiche der von Foodwatch genannten Produkte wie etwa Frühstücksflocken zu mehr als 80 Prozent von Erwachsenen verzehrt.

Gigantische Werbebudgets der Zucker-Industrie

Das Perfide: Mit den Lebensmitteln, die Kinder auf Dauer dick und dann krank machen, ist eine Umsatzrendite von 15 bis 18 Prozent und mehr drin. Die Analysten von JP Morgan haben 2006 berechnet, dass dies deutlich über den Renditemöglichkeiten etwa bei Obst liegt.

Foodwatch

So profitabel sind die Sektionen der Lebensmittelbranche - zum Vergrößern der Grafik klicken.

(Foto: Foodwatch)

Das schlägt sich direkt in den Ausgaben für Werbung nieder. In Anzeigen für Obst und Gemüse wurden 2011 deutschlandweit 7,3 Millionen Euro investiert. In die Werbung für stark zucker- und fetthaltige Lebensmittel mehr als 780 Millionen Euro, davon 700 Millionen Euro für Süßwaren und Schokolade.

Die Industrie führt eine Werbeschlacht, bei der vor allem die Kinder die Verlierer sind. Wenn Spieler der Fußball-Nationalmannschaft Nutella essen, will es der Kicker-Nachwuchs auch. Wenn der Spongebob-Schwammkopf von der Frühstücksflocken-Packung grinst, wird eben gejammert, bis der entnervte Papa die Packung in den Einkaufswagen fliegen lässt.

Die coole Capri-Sonne: Zucker und Aromen statt Saft

Foodwatch präsentierte in Berlin ein besonderes Negativ-Beispiel dafür, wie die Industrie ihre Werbeköder auslegt: Capri-Sonne. Das ist ein Getränk, das mit Fruchtsaft kaum noch etwas zu tun hat. Enthalten sind vor allem Wasser, Zucker und Aromen, die mit Früchten so viel zu tun haben wie die Sonnenbank mit einem Südseestrand.

In ihrer Werbebotschaft vermittelt der Hersteller der Capri-Sonne, die Sisi-Werke GmbH in Heidelberg, es gebe einen Zusammenhang zwischen Abenteuer und dem Zuckerwasser. Skateboarden, Reiten, das neueste Smartphone: Alles, was irgendwie cool ist, wird mit der Marke in Verbindung gebracht. Auf dass es cool sei, Capri-Sonne zu trinken.

Ergänzend werden an Lehrer und Schüler Broschüren über gesunde Ernährung verteilt und sogenannte Capri-Camps zum gleichen Thema angeboten. So wird leicht überspielt, dass Capri-Sonne alles andere als ein gesundes, ausgewogenes Lebensmittel ist. Jede selbstgemixte Apfelschorle ist besser und obendrein wesentlich günstiger. Die Sisi-Werke gehören zum Unternehmen Wild. Dessen Kerngeschäft: die Herstellung von Aromen.

Andere Unternehmen wie Coca-Cola oder Kellogg's beteiligen sich an Bewegungskampagnen, etwa der sogenannten "Plattform Ernährung und Bewegung" für Kinder. Scheinverantwortung nennt Foodwatch das. Alle Produkte von Kellogg's, die Foodwatch getestet hat, finden sich im roten Bereich der Lebensmittelpyramide wieder. Dass Cola Kinder nicht schlank macht ist, sollte auch klar sein. Nähmen die Hersteller ihre Verantwortung ernst, sie könnten auf ihre Produkte Warnhinweise drucken: "Nicht verzehren! Lebensgefahr!"

Die Regierung setzt lieber auf die Verantwortung der Eltern

Foodwatch

Werbebudgets der Lebensmittelindustrie - zum Vergrößern auf das Bild klicken.

(Foto: Foodwatch)

Bundesernährungsministerin Ilse Aigner (CSU) scheint das alles nicht zu stören. Sie folgt ganz der Linie der Lebensmittelindustrie: Verantwortlich für die Ernährung der Kinder sind die Eltern. Und nur die Eltern.

Foodwatch sagt zwar ebenfalls, dass Eltern besser aufgeklärt werden müssen. "Aber nur weil die Eltern Verantwortung haben, heißt das nicht, dass die Industrie keine Verantwortung hat", sagt Anne Markwardt, die den Report koordiniert hat.

Stattdessen macht die Industrie alles, damit sie nicht reguliert wird. Und die Bundesregierung nimmt Rücksicht. Nicht auf die Kinder - auf die Hersteller. Kinder durch Werbeverbote vor stark fett- und zuckerhaltigen Lebensmittel zu schützen, kommt Verbraucherschutzministerin Aigner nicht in den Sinn. "Ich setze hier auf die Aufklärung", sagt sie auf Nachfrage.

Was Aufklärung kosten darf, zeigt sie umgehend. Aigner stellte an diesem Dienstag eine Kampagne gegen das Wegwerfen von Lebensmitten vor. Ein großes Problem. Laut einer aktuellen Studie aus ihrem Haus werden in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel ungenutzt weggeworfen. Aigner ist bereit, eine Million Euro zu investieren, um die Menschen aufzuklären, wie sie helfen können, diese Zahl zu vermindern.

Eine Million Euro. Kurz noch mal zum Vergleich: Allein die Werbung für Schokolade und Süßwaren lässt sich die Industrie 700 Millionen Euro kosten. Diese Relation dürfte klarmachen: Mit Appellen an die Verbraucher ist es längst nicht mehr getan.

© Süddeutsche.de/bbr/gba
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