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Foodsharing:Nirgendwo ist das Problem so groß wie in Berlin

Hinzu kommt, dass die Initiative mit ihrem Konzept in keiner anderen Stadt so große Probleme habe wie in Berlin, erzählt ihr Bundesvorsitzender Frank Bowinkelmann. Fast überall sehen die Behörden die "Fairteiler"-Kühlschränke als "private Übergabeorte". Man sei froh, dass Foodsharing diesen Ansatz zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung verfolge, heißt es zum Beispiel aus dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Die Probleme der Berliner Behörden wirken vor diesem Hintergrund umso unverständlicher.

Sowieso gelten schon jetzt strenge Regeln für die Kühlschränke. So dürfen zum Beispiel kein Hackfleisch oder ähnliche schnell verderbliche Lebensmittel abgegeben werden. "Man darf nur das bringen, was man selbst noch essen würde", sagt Gerard Roscoe. Sauber sehen die Kühlschränke auch aus: Jeden Tag putzen Nachbarn sie mit Essigreiniger, sagt Roscoe.

Grafik Lebensmittelabfälle

SZ-Grafik; Quelle: Universität Stuttgart

Während Roscoe Brot in einen Schrank schichtet, kommt eine Nachbarin vorbei. Sie packt eine Handvoll Maracujas ein, einen Rotkohl und nimmt ein Netz Topinambur in die Hand. "Was ist das denn?", fragt sie. "Das ist eine Art Kartoffeln aus Mittelamerika", erklärt Roscoe. Schließlich verlässt die Nachbarin mit einem ganzen Sack Bio-Gemüse den Hinterhof. "Uns wird oft der Vorwurf gemacht, durch unsere Arbeit entstünde eine Zwei-Klassen-Versorgung", sagt Roscoe. "Dabei haben manche Leute nur durch unsere Kühlschränke überhaupt die Möglichkeit, an hochwertige Lebensmittel zu kommen." Viele Rentner nutzten die Kühlschränke, auch Hartz-IV-Empfänger oder Studenten mit wenig Geld. "Manche von ihnen müssten die Lebensmittel selbst aus dem Müll holen, wenn es die Kühlschränke nicht gäbe", sagt er. Andere kommen einfach, weil sie den Gedanken unerträglich finden, dass einwandfreie Lebensmittel weggeschmissen werden. "Bei uns muss niemand nachweisen, dass er bedürftig ist, wie das zum Beispiel bei den Tafeln der Fall ist", sagt er.

Auf einen Kompromiss will sich das Veterinäramt nicht einlassen

Um weiterarbeiten zu können, haben die Foodsharer den Berliner Behörden einen Kompromiss angeboten: Man könne Zahlenschlösser an die "Fairteiler" anbringen, deren Code lediglich an registrierte Spender und Konsumenten weitergegeben werde. Doch darauf will sich das Veterinäramt Pankow nicht einlassen. Niemand brauche einen 24-Stunden-Zugang zu einem solchen Angebot, so ihr Standpunkt.

Gerard Roscoe ist davon enttäuscht. Für ihn sind Auflagen wie eine permanente Überwachung der Kühlschränke reine Schikane: "Wir als ehrenamtliche Initiative können das nicht leisten." Die Behörden hätten sich auf Strafandrohungen und Maximalforderungen verlegt. "Dabei sollte der Staat engagierte Bürger unterstützen und ihnen keine Steine in den Weg legen", sagt er. Denn nur mit der Verleihung klangvoller Preise ändere sich nichts.

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