Fondsmanager:Wie die Affen

Hätten Sie's gewusst? Profi-Anleger beherrschen oft nur die Hälfte ihres Jobs, das haben Wissenschaftler herausgefunden. Aktien kaufen? Das können sie. Beim Verkauf hapert's, da würden Affen keine schlechteren Ergebnisse erzielen. Wie kann das sein?

Von Victor Gojdka

Neben optimistischen Bullen und pessimistischen Bären tummeln sich an der Börse seit einiger Zeit auch Affen. Sie haben am Parkett immer dann ihren großen Auftritt, wenn Wissenschaftler sich über die Anlageprofis mokieren wollen. Hochbezahlte Fondsmanager, sagen die Forscher dann, kaufen und verkaufen Aktien nicht besser als Affen, die lediglich mit einem Dartpfeil auf den Kurszettel zielen.

Eine neue Studie von US-Forschern relativiert diese These nun überraschend. Denn Fondsmanager sind gar nicht so schlecht darin, die richtigen Aktien zu kaufen. Die Geldverwalter sind jedoch umso mieser, wenn es darum geht, die Aktien wieder loszuschlagen. Mit anderen Worten: Viele Fondsmanager beherrschen nur die Hälfte ihres Jobs.

Für diese Erkenntnis haben die Forscher der Universität von Chicago und des berühmten Technikinstituts MIT einen riesigen Datenberg durchwühlt, ganze 783 Fondsportfolios gesichtet und dabei insgesamt vier Millionen Handelsentscheidungen der Geldprofis unter die Lupe genommen. Das schockierende Resultat: Bis zu ein Prozentpunkt Rendite lassen die Fondsmanager jedes Jahr links liegen, weil sie es nicht auf die Reihe kriegen, die Aktien zur rechten Zeit zu verkaufen. Selbst ein Zufallsgenerator wäre besser darin, sagen die Forscher. Manche sagen also: Würden Fondsgesellschaften zumindest beim Verkaufen nicht Menschen ans Ruder lassen, sondern Affen und deren Zufallsprinzip, würden sie besser fahren.

Dass die Geldverwalter beim Verkaufen versagen, ist erstaunlich. Denn egal ob Kauf oder Verkauf, das Grundprinzip ist eigentlich dasselbe. Die Vermögensverwalter müssen sich über Wert, Preis und Perspektiven eines Aktientitels Gedanken machen. Dass die Ergebnisse bei Kauf und Verkauf jedoch stark auseinanderklaffen, schreiben die Forscher einem simplen Grund zu: Die Fondsmanager widmen dem Verkaufen nicht genug Aufmerksamkeit. "Sie schauen einfach nicht hin", schreiben die Wissenschaftler.

Dass viele Fondsmanager lieber kaufen als verkaufen, hat klare Gründe, bestätigen mehrere Fondsmanager der Süddeutschen Zeitung, sie wollen sich damit freilich nicht zitieren lassen. Denn beim Kaufen können Fondsmanager eher glänzen - da können sie zeigen, dass sie eine gute Nase für Aktien haben, dass sie günstig einkaufen und die richtige Nadel im Heuhaufen finden. Wenn sie verkaufen, müssen sich die Fondsmanager jedoch immer wieder auch der eigenen Fehlbarkeit stellen - weil manche Aktien abgeschmiert sind. Klar, dass das keinen Spaß macht.

Deswegen mogeln sich viele Mitglieder der Geldgilde um fundierte Verkaufsentscheidungen herum. Verkauft wird oft nicht aus Überzeugung oder Berechnung, sondern schlicht aus Not, sagen die Forscher. Dann nämlich, wenn der Fondsmanager flüssiges Geld braucht, um neue Aktien kaufen. In diesem Fall haben die Fondsmanager offenbar eine Daumenregel: Sie verkaufen die Aktien, deren Kurs besonders stark zugelegt hat - und jene, die besonders stark verloren haben. Das Problem: Geldprofis, die nach dieser Logik verkaufen, schneiden dabei deutlich schlechter ab als andere Kollegen.

Erste Unternehmen haben das Problem erkannt. Bei der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment müssen manche Fondsmanager inzwischen einen ganzen Fragenkatalog beantworten, wenn sie Aktien kaufen oder verkaufen. Wie gut sind sie informiert? Sind gerade Bilanzzahlen herausgekommen? Verkaufen sie vormittags oder nachmittags? Das Start-up Essentia Analytics durchkämmt die Daten mithilfe künstlicher Intelligenz. "Jedes Quartal bekommen wir eine detaillierte Auswertung", sagt Fondsmanager Marc Hellingrath. Das Ergebnis: Früher haben sich die Experten der Genossen oft in Aktien verliebt und ihnen zu lange die Treue gehalten - was mitunter Verluste brachte. "Inzwischen bekommen wir ein automatisches Prüfsignal, wenn eine Aktie drei oder vier Tage runtergeht." Das Programm dafür haben sie selbst entwickelt.

Oft fressen hohe Gebühren die Zusatzerträge der Fondsprofis wieder auf

Der britische Hedgefonds GLG Partners wiederum lässt seine Fondsmanager psychologisch durchleuchten: Geduld, Intuition, Stresslevel - Finanzpsychologen sehen sich jeden dunklen Winkel im Kopf der Geldprofis an, um zu sehen, ob sie sich beim Verkaufen von unterbewussten Emotionen leiten lassen statt von rationalen Erwägungen. Für Kunden wiederum wirft die Untersuchung der US-Forscher eine Grundsatzfrage auf: Sollten sie in Sachen Geldanlage auf Fondsmanager aus Fleisch und Blut vertrauen oder auf sogenannte Indexfonds, die den Lauf eines Aktienindex wie des Dax eins zu eins nachzeichnen?

Für Anleger ist es eine verzwickte Frage. Denn Indexfonds auf Aktienindizes wie den Dax oder den breiten MSCI World kosten einerseits wenig, dafür knicken sie ohne Bremse ein, wenn es mit den Börsen nach unten geht. Fondsmanager können gerade in turbulenten Börsenphasen theoretisch mehr aus dem Markt rausholen, weil sie nicht an einen Index gekettet sind. Andererseits verlangen die Fondsprofis oft stattliche Gebühren, die ihre Überrendite schnell wieder auffressen können.

Ob die Fondsmanager ihr Geld wert sind, hat das Analysehaus Morningstar in einer großen Rechnung überprüft. Die Ergebnisse haben es in sich: Über den Zeitraum der vergangenen 15 Jahre hatten Anleger nur mit jedem vierten aktiven Fonds, der in deutsche Aktientitel investiert, mehr Glück als mit vergleichbaren passiven Indexfonds (siehe Tabelle). Das Problem: Viele Fondsgesellschaften machen Fonds dicht, die nicht gut laufen - oft auf Kosten der Anleger. Außerdem fressen hohe Gebühren die Zusatzerträge der Fondsprofis oft wieder auf. Unter dem Strich fahren Anleger auf lange Sicht also mit den günstigen Indexfonds meist besser.

Doch die Analysten von Morningstar räumen zugleich dem Mythos auf, dass das Problem der aktiven Fonds in erster Linie bei den Fondsmanagern liegt. "Die Fondsprofis leiden sicher nicht an mangelnder Intelligenz", sagt Morningstar-Mann Ali Masarwah. Seine Auswertung zeigt, dass vor allem teure gemanagte Fonds schlecht abschneiden, günstige aber besser. Wichtiger als die Kompetenz der Fondsmanager ist oft also ihr Salär, am Ende also die Kosten für die Kunden. Fondsmanager, das zeigt sich, sind also doch keine Affen.

© SZ vom 04.03.2019
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