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Folgen der Euro-Rettung:Inflation? Na, klar

Die Deutschen sind stets übervorsichtig, wenn es um die Geldwertstabilität geht. Den neuen Co-Chef der Deutschen Bank ficht das nicht an. In einem Interview redet Anshu Jain freimütig über die Folgen der Euro-Rettungsoffensive. Ja, die Politik der Europäischen Zentralbank werde zu Inflation führen - aber das sei eben der Preis für Europa.

Björn Finke

Mario Draghi kennt die Ängste der Deutschen. Dass diese seine Politik skeptisch sehen, habe einen einfachen Grund, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) im SZ-Interview: "Es liegt an der deutschen Geschichte und der Furcht vor Inflation."

Der Italiener verweist hier auf das Trauma der dramatischen Geldentwertung von 1922 und 1923, deretwegen den Deutschen auch drei Generationen später die rechte Lockerheit beim Umgang mit der Notenpresse abgeht. Daher stößt Draghis Vorhaben auf Ablehnung, unbegrenzt Staatsanleihen von überschuldeten Regierungen zu kaufen.

Ein anderer Frankfurter Banker hat sich am Wochenende als weniger einfühlsam erwiesen, was dieses Trauma angeht. Der neue Co-Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain, wurde von der Welt am Sonntag gefragt, ob Draghis Politik nicht zur Geldentwertung führe. Woraufhin der Brite unsensibel klar und eindeutig antwortete: "Die Konsequenz wird schlussendlich Inflation sein, da haben Sie recht. Aber das ist ein Preis, den wir für Europa zahlen werden müssen - und langfristig wird es sich lohnen." Wie schön.

Draghis Herausforderung beginnt, wenn die Wirtschaft wieder anzieht

Wichtig bei der Aussage des früheren Investmentbankers ist allerdings das Wort "schlussendlich". Denn jetzt, am Anfang dieser Rettungsaktion, ist von Inflation nicht viel zu spüren. Zwar betrug die Teuerungsrate in der Euro-Zone im August 2,6 Prozent nach 2,4 Prozent im Juli. Das lag jedoch vor allem an gestiegenen Preisen für Öl und Essen - eine Folge der Dürre in den USA und der Unruhen im Nahen Osten und nicht von Draghis Big Bazooka, wie der brachiale Abwehrplan auch genannt wird. Ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise stiegen die Lebenshaltungskosten nur um 1,5 Prozent. Die EZB spricht von Inflation, wenn die Preise langfristig stärker als zwei Prozent zunehmen.

Ökonomen wie Peter Bofinger sehen im Moment keinerlei Inflationsgefahr. Die Euro-Staaten durchleiden einen Wirtschaftsabschwung, die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordhoch: "Das ist kein Umfeld, in dem Inflation gedeiht", sagt der Fachmann. "Der Haupttreiber für Inflation - steigende Löhne - kommt derzeit gar nicht zur Geltung."

Die Herausforderung für Draghi beginnt daher erst dann, wenn die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt. Dann muss er den Leitzins, der beim Rekordtief von 0,75 Prozent steht, wieder erhöhen, dann muss er das Geld wieder einsammeln, das auf den Markt geschüttet wurde, weil die EZB unbegrenzt Staatsanleihen gekauft hat.

Billiges Geld im Überfluss während eines Aufschwungs - dies ist das perfekte Rezept für Inflation. Anshu Jain glaubt offenbar, dass Draghi an dieser Herausforderung scheitern wird.

© SZ vom 17.09.2012/olkl
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