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Förderung von Fintechs:Frankfurt gegen Berlin

Junge Firmen aus dem Finanzbereich greifen die Bankenbranche mit digitalen Angeboten an. Hessen will sie nun fördern - und der Hauptstadt Konkurrenz machen.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

In Bank- und Finanzdingen ist London stets einen Schritt voraus. Seit bald drei Jahren schon gibt es dort eine Art Brutkasten, in dem junge Internet- und IT-Firmen an neuen Ideen für die Finanzbranche tüfteln können - es geht um das Überweisen per Smartphone oder die Vermögensverwaltung im Internet. Der Inkubator im 39. Stock eines Hochhaus im Stadtteil Canary Wharf ist inzwischen der größte Brutkasten seiner Art in Europa, aber nur eine von unzähligen privaten und staatlichen Initiativen, mit denen London jene weltweit boomende Branche fördert: Fintech heißt sie und bringt derzeit die Finanzwelt durcheinander. Mit Abstand fließt in Europa das meiste Kapital zu den Londoner Fintechs - Deutschland hingegen spielt global betrachtet eine Nebenrolle. Das liegt nicht nur daran, dass hierzulande traditionell das Risikokapital knapp ist, auch die Politik hat sich lange nicht recht um diese Zukunftsbranche geschert.

Beide Städte bemühen sich um die jungen Finanzfirmen

Das soll sich nun ändern. Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir will noch im kommenden Jahr in der Bankenmetropole Frankfurt ein Fintech-Zentrum nach dem Vorbild des Londoner Brutkastens ins Leben rufen. Derzeit holt er dafür Ideen in der Branche ein. "Fintech ist zweifellos eines der wichtigsten Zukunftsthemen im Finanzbereich", heißt es in der Ausschreibung, die der SZ vorliegt. Die Details sind noch offen, denkbar sind aber Büroräume, in denen sich Start-ups ausbreiten können. "Es gab bislang viele private Initiativen, aber trotzdem haben sich viele Fintechs gewünscht, dass wir die Entwicklung der Branche als neutraler Spieler zusammen mit anderen, etwa der Stadt Frankfurt, koordinieren", sagt Al-Wazir.

Wie das Ganze finanziert werde, sei noch offen und hinge von den Plänen des Betreibers ab, also, ob dieser eine betriebswirtschaftliche Finanzierung vorziehe, öffentliche Mittel brauche oder nur die Auslastung in seinen Immobilien brauche.

Wie auch immer die Details aussehen, die Fintech-Branche begrüßt die Pläne schon jetzt. "Das Thema hat in den letzten Monaten auch auf politischer Ebene deutlich an Fahrt gewonnen", sagt Oliver Vins, Gründer von Vamoo, einem Frankfurter Anbieter für digitale Vermögensverwaltung. Vins hofft nun, "dass ein solches Konzept noch im kommenden Jahr umgesetzt wird und Fintechs dabei stark eingebunden werden". In drei Jahren sei es womöglich zu spät, warnt Vins. Drei Jahre nämlich sind im digitalen Geschäft schon eine halbe Ewigkeit, geht es doch für Unternehmen nicht nur darum, die beste Idee zu haben, sondern auch, frühzeitig eine kritische Masse an Kunden an sich zu binden.

Sonniger Februar

Die Touristen mögen es hier: Viele Menschen besuchen jedes Jahr das Brandenburger Tor. Die Hauptstadt lockt auch junge Programmierer.

(Foto: Jens Wolf/dpa)

Auch Fintech-Experte Peter Barkow von der Beratungsgesellschaft Barkow Consulting sagt: "Ich habe den Eindruck, dass hier von offizieller Seite erstmals konkret gehandelt wird". Ein solches Zentrum könne einen Branchenschwerpunkt anschieben, der sich später aber dann aus sich heraus selbst etablieren müsse.

Tatsächlich gab es zuletzt auch hierzulande wachsende Betriebsamkeit. Der Deutsche Bundestag befragte Fintech-Experten erst kürzlich für die Digitale Agenda, und der Lobbyverband der privaten Banken öffnet sich nun auch für Fintechs. Viele etablierten Institute sehen die Start-ups heute eher als wertvolle Kooperationspartner und weniger nur als Bedrohung für ihr angestammtes Geschäftsmodell.

Im besten deutschen Föderalismus verteilt sich die deutsche Fintech-Branche jedoch gleich auf mehrere Zentren und ballt sich nicht wie in London. Als deutsche Start-up-Hauptstadt beheimatet etwa Berlin inzwischen mehr Banken-Start-ups als Frankfurt mit dessen großer Nähe zu den Kreditinstituten. Denn in einem ist Berlin Frankfurt voraus: Programmierer, die eine Banken-App bauen können, sind in der Hauptstadt offenbar leichter zu finden als in Frankfurt. Ausgerechnet die Deutsche Bank hat jüngst in Berlin ein Fintech-Labor eröffnet, über das sie Kontakt zu der Branche halten will, zentral gelegen in den Hackeschen Höfen in Mitte, aber weit weg von den Frankfurter Doppeltürmen.

Von einem Wettrennen um den besten Fintech-Standort will Minister Al-Wazir gleichwohl nicht sprechen. "In Deutschland gibt es mehrere Fintech-Standorte, die können sich durchaus auch gegenseitig befruchten", sagt er. Anders als in Berlin gebe es in Frankfurt viele Fintech-Unternehmen, deren Gründer direkt aus der Finanzbranche kämen und daher die Wertschöpfungskette noch tiefer ausnutzen könnten. Ein Beispiel sei die in Frankfurt gegründete Handelsplattform 360T, die gerade für 720 Millionen Euro von der Deutschen Börse übernommen wurde.

Glatte Straßen

Frankfurt gilt nicht gerade als der trendigste Ort der Welt, aber dort sitzt das Geld - und das brauchen junge Unternehmer, die die Bankenbranche aufmischen wollen.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Start-ups, Investoren, Aufseher: Bislang fehlt ein offizieller Ort der Begegnung

Auch Andre Bajorat, Gründer des Hamburger Start-ups Figo, und als Blogger eine der wichtigsten Stimmen der jungen Szene, hält nichts von einer "künstlichen Rivalität der Standorte". Ein solches Fintech-Zentrum sei sinnvoll, egal, in welcher Stadt er angesiedelt sei. Generell solle es darum gehen, die Rahmenbedingungen für Fintechs zu verbessern. "Es gibt bislang keinen offiziellen Ort, an dem sich Investoren, Start-ups, die Finanzaufseher und Banken treffen können", sagt Bajorat.

In Großbritannien etwa bietet die Finanzaufsicht jetzt eine Art regulatorischen Sandkasten, in dem sich die Firmen ausprobieren können. Oft haben die Unternehmen - anders als die etablierten Banken - keine Rechtsabteilung und scheitern daher an der Regulierung. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin ist zwar zurückhaltender, doch auch sie will die Beratung der Jungfirmen ausbauen. Dass die Beamten dann gleich einen Schreibtisch im Frankfurter Fintech-Zentrum besetzen, ist zwar unwahrscheinlich. Undenkbar ist es nicht.

© SZ vom 22.12.2015
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