Industrieversicherung:Nach der Flut könnten Policen teurer werden

Unwetter in Rheinland-Pfalz

Das Hochwasser hat Bahngleise in Altenahr unterspült.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Von dem Juli-Hochwasser wurden auch Firmen hart getroffen. Für sie wird es künftig noch schwerer, bezahlbaren Versicherungsschutz zu finden.

Von Christian Bellmann, Köln

In vielen Firmen liegen die Nerven blank. Sie spüren immer noch die Folgen der Corona-Pandemie, und im Juli kam dann noch die Flutkatastrophe hinzu, die Gebäude, Anlagen und Maschinen beschädigte oder gar ganz zerstörte. Vom Hochwasser sind nicht nur Betriebe betroffen, die an den Flüssen liegen, aus denen durch Sturmtief "Bernd" in kurzer Zeit reißende Ströme wurden. Auch viele große Unternehmen, die Standorte in den betroffenen Gebieten haben, spüren die Folgen, weil sie nicht beliefert werden, weil die Produktion beeinträchtigt oder der Güterverkehr unterbrochen wurde.

"Wir haben inzwischen mehr als 200 Großschadenmeldungen im Bereich zwischen 50 000 Euro und 65 Millionen Euro vorliegen", berichtet Hartmuth Kremer-Jensen, Geschäftsführer beim Industrieversicherungsmakler Aon. Zu seinen Kunden zählen überwiegend größere Industrieunternehmen, die Policen gegen Naturgefahren, Feuer, Betriebsunterbrechungen, Hackerangriffe und andere Risiken benötigen. Nach Schadenereignissen sind die Makler für sie auch Ansprechpartner, wenn es um die Schadenregulierung geht.

Für eine Reihe von Unternehmen hat die Flutkatastrophe noch weitere, unerfreuliche Folgen. "Das Ereignis wird die Preise für Versicherungsschutz für Unternehmen, die an Flüssen liegen, weiter nach oben treiben", sagt Kremer-Jensen. Doch teuer werden könnte es selbst für Firmen in Gegenden, die bisher als sicher galten. Die jüngsten Hochwasser könnten jetzt dazu führen, dass die Versicherer die Risikobeurteilung komplett umkrempeln, glaubt Kai-Frank Büchter, Deutschlandchef für die Industrieversicherung bei Aon. Wie gefährlich punktueller Starkregen in Tal-Lagen werden kann, habe bisher kaum einer auf dem Schirm gehabt. "Es wird für Industrieunternehmen schwer werden, Elementarversicherungen zu bekommen."

Für die Industrie sind das weitere schlechte Nachrichten. Schon in den vergangenen zwei Jahren haben die Versicherer die Preise erhöht. Gleichzeitig haben sie ihr Angebot in etlichen Sparten zurückgefahren, Klauseln verschärft und Selbstbehalte erhöht. Dass das ausgerechnet im Corona-Jahr 2020 passiert ist, hat der Branche Kritik eingebracht. Viele Unternehmen fühlen sich zur Unzeit im Stich gelassen. Die Anbieter sollen wieder einen eher partnerschaftlichen Kurs einschlagen, fordert Aon in seinem aktuellen Marktreport zur Lage in der deutschen Industrieversicherung. Die Wirtschaft erhalte im Moment weniger Versicherungsschutz als zuvor, bekomme ihn schwerer und müsse auch noch deutlich mehr dafür zahlen.

Mehr Hackerangriffe und Naturkatastrophen

"Wir haben in der Tat viele harte oder langwierige Verhandlungen im vergangenen Jahr erlebt", sagt Hans-Jörg Mauthe, der das Geschäft des Allianz-Industrieversicherers AGCS in Zentral- und Osteuropa verantwortet. "Aber wir konnten mit Kunden und Maklern in aller Regel einvernehmliche Lösung finden, die unsere Geschäftsbeziehung langfristig auf ein tragfähiges Fundament stellt." Die Unternehmen haben kritisiert, dass sie von den Entscheidungen ihrer Versicherer überrascht wurden. Das scheint angekommen zu sein. "Wichtig ist, dass wir unsere Kunden künftig frühzeitig über Änderungen informieren, damit jede Partei genügend Vorlaufzeit hat", sagt Mauthe.

Edgar Puls, Chef des Industrieversicherers und schärfsten Allianz-Konkurrenten HDI Global, fordert Verständnis für Preiserhöhungen. "Wir erleben in der Industrieversicherung eine zunehmende Verdichtung von Großschäden", sagt er. Durch die steigenden versicherten Werte werden Schäden immer teurer, zudem häuften sich Hackerangriffe und Naturkatastrophen. "Wir legen sehr viel Wert auf einen partnerschaftlichen Kurs mit unseren Kunden und mit Maklern", betont der HDI Global-Chef. Die Versicherer müssten aber auch die Chance bekommen, nach verlustreichen Jahren wieder Gewinne zu erzielen.

Den Versicherern fehle der Mut, Lösungen für schwere oder komplexe Risiken zu finden, und die Bereitschaft, Deckungen in größerem Umfang anzubieten, kritisiert Aon. Vor allem in der Cyber- und der Managerhaftpflichtversicherung werde die Schere zwischen Angebot und Nachfrage immer größer. Um die Nachfrage eines Unternehmens zu decken, müssen die Makler oft deutlich mehr Versicherer ins Boot holen als früher. Das macht alles komplizierter, vor allem im Schadenfall.

Jochen Körner, Chef des Versicherungsmaklers Ecclesia, macht den Unternehmen aber Hoffnung, wenn es um das Volumen der angebotenen Versicherungsdeckungen geht. "Es ist herausfordernd, aber nicht unmöglich, die nötigen Kapazitäten am Markt zu bekommen, auch wenn die Preise gestiegen sind", sagt er. "Es war für Firmen nie so wichtig, den richtigen Makler an der Seite zu haben."

© SZ
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