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Flugzeugbauer:Heftige Turbulenzen

Boeing-Werk in Renton im US-Bundesstaat Washington: Die Corona-Krise trifft nicht nur den US-Flugzeugbauer, sondern auch seine Kunden.

(Foto: Ted S. Warren/AP)

Boeing meldet viele stornierte Bestellungen - und die Probleme haben nichts mit der Technik zu tun.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Der Mittwoch war für Airbus zur Abwechslung eigentlich mal ein Tag ohne neue schlechte Nachrichten. Keine weiteren Stornierungen, keine weiter sinkende Produktion. Und dennoch gab die Airbus-Aktie bis zum Nachmittag 7,6 Prozent nach, anderen Firmen in der Luftfahrtbranche ging es ganz ähnlich. Schuld war Konkurrent Boeing, der schon am Vorabend die Industrie schockte mit den Auslieferungszahlen und ersten Angaben zu stornierten Aufträgen. Die Boeing-Aktie verlor zu Beginn des US-Handels am Mittwoch 2,5 Prozent.

Die Boeing-Zahlen geben einen ersten Hinweis darauf, wie schlimm die nächsten Monate für die Flugzeughersteller und ihre Lieferanten werden dürften. Eine Studie geht davon aus, dass die Nachfrage für Passagierflugzeuge in den kommenden zehn Jahren im schlimmsten Fall um fast die Hälfte auf rund 11 000 Maschinen einbrechen könnte. Auch bei einer schnelleren Erholung würden die Hersteller immer noch Aufträge für 6000 Jets verlieren und im Schnitt auf das Produktionsniveau von 2017 zurückfallen.

Boeing konnte in den ersten drei Monaten gerade einmal 50 Flugzeuge ausliefern, ein Drittel des Vorjahresniveaus und sogar nur gut ein Viertel des Volumens von Anfang 2018. Schlimmer aber sind wohl die Stornierungen: Im März strichen Fluggesellschaften und Leasingunternehmen Aufträge für 150 Maschinen des Typs 737 Max - insgesamt hat Boeing netto in den ersten drei Monaten Bestellungen für 307 Maschinen verloren. Die 737 Max wird nach zwei Unfällen seit März 2019 nicht mehr ausgeliefert und seit Anfang des Jahres bis auf Weiteres nicht mehr produziert. Die Sicherheitsprobleme sind aber nicht der Grund für die Stornierungen, sondern die Marktlage: Der Leasingkonzern Avolon etwa strich 75 Maschinen, weil er befürchtet, diese bei den Airlines nicht oder nur zu schlechten Konditionen unterzubringen. Die brasilianische Airline Gol will 34 fest bestellte Jets nicht mehr abnehmen.

Airbus hatte bereits in der vergangenen Woche angekündigt, die Produktion in den nächsten Wochen um rund ein Drittel herunterzufahren, um nicht noch mehr Flugzeuge zu bauen, für die es keine Abnehmer mehr gibt. Allein im März hatten Kunden 60 fertige Maschinen nicht abgeholt. Damit würde Airbus jährlich noch rund 570 Passagierflugzeuge bauen, weniger waren es zuletzt nur im Jahr 2011. Zwar hat Konzernchef Guillaume Faury angedeutet, dass die Rate 2021 wieder steigen könnte, doch die Unsicherheit ist groß.

Boeing arbeitet derweil daran, die 737 Max wieder ausliefern zu können. Doch während die Airlines bis vor wenigen Wochen die Jets nicht schnell genug haben konnten, brauchen sie nun nichts weniger als neue Flugzeuge.

© SZ vom 16.04.2020

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