Süddeutsche Zeitung

Klimaschutz:Flughafenverband ist bereit, Inlandsflüge abzuschaffen

  • Die Bundesregierung will bald eine neue Klima-Strategie vorlegen. Als sicher gilt, dass dabei auch auf den Flugverkehr neue Belastungen zukommen.
  • Der Flughafenverband zeigt sich im Vorfeld bereit, kurze Inlandsflüge abzuschaffen - allerdings nur unter Bedingungen.
  • Sollten Kurzstrecken künftig von der Deutschen Bahn übernommen werden, sollte diese etwa auch Aufgaben der Flughäfen übernehmen, zum Beispiel beim Gepäck.

Kerosinsteuer, teurere Tickets für Kunden, Verbote oder Auflagen für Politiker, weniger zu fliegen: Parteien in Deutschland überbieten sich gerade mit Ideen, wie sich der Flugverkehr zum Schutz des Klimas reduzieren lässt. Die CSU fordert einem Bericht vom Freitag zufolge sogar eine Strafsteuer auf Billigflüge in Europa. Der öffentliche Druck auf die Branche wächst. Jüngstes Symbol: die 16-jährige Umweltaktivistin Greta Thunberg, die gerade nicht im Flieger, sondern im Segelboot den Atlantik überquerte, um am UN-Klimagipfel in New York teilzunehmen.

Auch in Berlin geht es für die Branche um viel. Die Bundesregierung will noch im September eine Strategie vorlegen, mit der sie die Klimaschutzziele bis 2030 vollständig erreichen möchte. Als sicher gilt, dass dabei auch auf den Flugverkehr neue Belastungen zukommen. Im Vorfeld geht die Branche selbst in die Offensive. Man sei bereit, auf Inlandsflüge zu verzichten, sagte der Präsident des Flughafenverbands ADV und des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport AG, Stefan Schulte, der Süddeutschen Zeitung. "Es gibt Routen, die muss man nicht fliegen."

Im vergangenen Jahr flogen laut Statistischem Bundesamt 23,5 Millionen Passagiere im Inland. Anfang August signalisierte auch der Luftfahrtverband BDL Gesprächsbereitschaft bei Inlandsflügen, machte zugleich aber auch noch größere Skepsis bei der Machbarkeit deutlich. Der Flughafenverband geht nun noch weiter. "Klar ist, dass bei Langstrecken das Flugzeug nicht zu ersetzen ist. Und sicher auch nicht im Europaverkehr." Bei Inlandsflügen sehe das anders aus, sagte Schulte. Bei Kurzstrecken unter 400 Kilometern, dazu zählen etwa Verbindung wie Frankfurt - Düsseldorf könnten demnach Flüge wegfallen.

Oft sind Inlandsflüge Zubringerflüge. Häufig treten Passagiere im Anschluss internationale Reisen an. Während das Flugzeug bei den Langstrecken nicht ersetzbar sei, sehe das bei den Zubringerflügen anders aus, so der Flughafenverband. Allerdings stellt er für die Verlagerung auf die Schiene Bedingungen: "Wer Inlandsflüge begrenzen möchte, der muss sicherstellen, dass die Reisenden ein wettbewerbsfähiges Angebot der Bahn vorfinden", sagte Schulte. Die Bahn müsse ihre Angebote verbessern - vor allem beim Gepäck.

In Bahnkreisen hat man Zweifel daran, wie ernst das Angebot gemeint ist

Sollten Flüge auf die Schiene verlagert werden, sollte die Bahn nach Ansicht der Branche aber auch Aufgaben der Flughäfen übernehmen. "Gepäck muss vom Bahnhof bis zum Zielflughafen durchgecheckt werden. Das Gepäck muss durchleuchtet und frei vom Zugriff Unbefugter im Zug transportiert werden", sagt der Verbandschef. Auch bei der Qualität fordern die Flughäfen von der Bahn, aber auch der Bundesregierung, mehr Engagement. "Dazu muss die Bahn pünktlicher werden, Kapazitäten ausbauen und häufiger auf den Haupttrassen fahren." In Deutschland seien nur vier von 22 Flughäfen an das ICE-Netz angeschlossen. Der Flughafenverband mahne seit Jahren einen besseren Anschluss an.

Für die bessere Vernetzung von Flug und Bahn hat es bereits Anläufe gegeben. Doch das wirklich vernetzte Reisen blieb bislang eine Vision. Eine Kooperation von Bahn und Lufthansa, bei der Koffer in Köln und Stuttgart am Startbahnhof abgegeben werden konnten, blieb ein Versuch und wurde schon 2007 wieder eingestellt - nach Angaben der Bahn auf Wunsch der Lufthansa. Der Check-in am Bahnhof ist so seit Jahren nicht mehr möglich. Wer etwa mit der Lufthansa fliegt, kann zwar nach wie vor ein Zugticket zum Flughafen lösen. Das Gepäck müssen Passagiere aber selbst zum Flughafen bringen.

Die Bahn reagiert entsprechend distanziert auf den Vorschlag. Man sei für Gespräche offen, sagt ein Sprecher zwar. Das Gepäck für die Fluggesellschaften in Empfang nehmen, will der Konzern jedoch nicht. "Wir halten es für unsinnig, eine Doppelstruktur bei der Gepäckkontrolle aufzubauen", sagt der Sprecher weiter. In Bahnkreisen hat man Zweifel daran, wie ernst das Angebot gemeint ist. Schon jetzt könnten Kunden etwa in Frankfurt in Bahnhofsnähe das Gepäck aufgeben. Die Flugbranche suche da wohl eher einen Schwarzen Peter, um letztlich an den Inlandsflügen fest zu halten, heißt es weiter.

Der Konflikt wird sich wohl so schnell nicht entschärfen lassen, dabei würden weniger Inlandsflüge dem Klima helfen. Wenigstens etwas. "Fliegen ist die klimaschädlichste Art, sich fortzubewegen", urteilt das Umweltbundesamt. Der Treibhausgasausstoß sei je Person und Kilometer 50 Prozent größer als beim Auto und mehr als fünf mal so groß wie bei einem Zug. Der Behörde zufolge verursacht eine Mallorca-Reise im Jahr mit dem Flugzeug etwa so viele Emissionen wie 4000 Kilometer Fahrt mit dem Privatwagen. Der Flugverkehr steht für rund drei Prozent der weltweiten Treibhausemissionen.

Die Flugbranche fürchtet andere Ideen, die Flüge verteuern und das Klima schützen sollen

Für Flughäfen und Fluggesellschaften wäre der Verzicht auf kurze Inlandsflüge wohl verkraftbar. Sie machen letztlich nur einen kleinen Teil des Geschäfts aus - und das wächst weiter. Prognosen des Flughafenverbands sagen für 2030 pro Jahr mehr als 300 Millionen Passagiere voraus - 50 Millionen mehr als heute. Doch schon jetzt ist es ziemlich voll am Himmel. So liegt der Frankfurter Flughafen unter zwei großen - den meistgenutzten - Flugrouten Europas. Piloten hätten zu bestimmten Zeiten große Probleme, von Frankfurt aus in den Luftraum zu kommen.

Mehr als das Aus für kurze Inlandsflüge fürchtet die Flugbranche andere Ideen der Politik, die Flüge verteuern und so das Klima schützen sollen. Die CSU-Landesgruppe im Bundestag fordert der Bild-Zeitung zufolge etwa eine "Kampfpreis-Steuer" auf Billigflüge innerhalb von Europa. Flüge, die weniger als 50 Euro kosteten, sollten mit einer Strafsteuer belegt werden, heißt es demnach in einem Papier für die Herbst-Klausur der CSU-Landesgruppe im Bundestag am kommenden Dienstag. Die CSU-Spitze lehnt die von ihrer eigenen Landesgruppe vorgeschlagene Strafsteuer hingegen ab. "Dies ist kein abgestimmter Vorschlag der CSU. Generell gilt: Die CSU ist eine Steuersenkungs- und keine Steuererhöhungspartei", sagte Generalsekretär Markus Blume.

Eine höhere Luftverkehrsabgabe, wie sie etwa auch Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) fordert, bezeichnet der ADV-Chef als "gefährlich". Deutsche Fluggesellschaften könnten sich international kaum noch behaupten. Auch eine Kerosinsteuer helfe dem Klima nicht. Sie "würde dazu führen, dass Fluggesellschaften im Ausland tanken - und die Besteuerung in Deutschland umgehen", warnt Schulte. Wie mehr Klimaschutz gelingen soll? Ziel der Branche sei der Einstieg in Flüge mit synthetischen Kraftstoffen, hergestellt etwa aus grünem Strom, so Schulte. Der Aufbau von Produktionsanlagen koste aber Milliarden. Ohne Hilfe des Staates werde das nicht klappen.

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SZ vom 30.08.2019/jsa
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