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Flugkonzern:Lufthansa droht mit Kündigungen

Die Fluggesellschaft gerät tiefer in die Krise und legt sich mit den Gewerkschaften an.

Von Caspar Busse

Deutsche Lufthansa AG Showcases Latest Virus Safety Measures

Trübe Aussichten: Lufthansa-Mitarbeiter mit Maske.

(Foto: Alex Kraus/Bloomberg)

Europas größte Fluggesellschaft Lufthansa kommt nicht aus der Krise. "Wir erleben eine Zäsur des globalen Luftverkehrs", sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Donnerstag. "Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau", fügte er an. Insbesondere bei Langstreckenverbindungen werde es keine schnelle Erholung geben. Genau damit hatte Lufthansa zuletzt immer besonders viel Geld verdient. Bislang wurde mit einer schnelleren Erholung gerechnet.

Im abgelaufenen Quartal war der Umsatz um 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro zurückgegangen. Gut liefen nur das Cargo-Geschäft mit einem Rekordergebnis und die Technikabteilung, die sich auch um stillgelegte Flugzeuge kümmert. Im ersten Halbjahr ergibt sich insgesamt ein Rekordverlust von drei Milliarden Euro. Lufthansa teilte mit, auch im zweiten Halbjahr sei trotz des wieder zunehmenden Luftverkehrs mit einem deutlichen Verlust zu rechnen. Der Konzern will den Umbau und den Sparkurs nun noch verstärken, die Kosten sollen bis 2023 um 15 Prozent sinken, die Flotte um mindestens 100 Flugzeuge verkleinern werden. Insgesamt 22 000 Vollzeitstellen, davon die Hälfte in Deutschland, werden abgebaut. Zum 30. Juni 2020 war im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt die Mitarbeiterzahl bereits um knapp 8300 auf aktuell 129 400 Mitarbeiter gesunken, hieß es.

Bisher sollten betriebsbedingte Kündigungen nach Möglichkeit vermieden werden. Doch das hat sich nun geändert. Jetzt seien auch Kündigungen möglich, drohte Lufthansa. Hintergrund sind offenbar die stockenden Verhandlungen mit den Gewerkschaften über den Personalabbau. In einem Brief an die Mitarbeiter hatte der Unternehmensvorstand bereits die "fehlenden Krisenvereinbarungen mit den Gewerkschaften" kritisiert. "Es geht mir viel zu langsam", kritisierte Spohr. "Selbst mit der Bundesregierung waren wir schneller als mit den Gewerkschaften am Boden und im Cockpit." Die Gewerkschaften wiesen Spohrs Kritik zurück. Ein Krisenpaket müsse die mittelfristige Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sichern und Schutz vor Ausgründungen bieten, verlangte Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle. "Die Verhandlungen laufen noch. Sich jetzt festzulegen darauf, auf betriebsbedingte Kündigungen nicht zu verzichten, ist konträr", sagte der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), Janis Schmitt. Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo warnte vor "Torschlusspanik".

Lufthansa erhält angesichts der Krise bereits massive Staatshilfe, der Bund beteiligt sich direkt mit etwa 20 Prozent an dem Unternehmen und gibt parallel auch Staatskredite. Seit Anfang Juli seien dem Konzern bereits 2,3 Milliarden Euro aus dem Stabilitätspaket zugeflossen, teilte die Fluggesellschaft mit. Die Liquidität sei ausreichend und liege inklusive aller Hilfen bei mehr als elf Milliarden Euro. Einige Konkurrenten hatten angesichts der Krise bereits Insolvenz anmelden müssen, anderen Airlines wie KLM-Air France half ebenfalls der Staat. Einen Teil des Hilfsgeldes nutzt Lufthansa aber, um Kunden die Kosten für ausgefallene Flüge zu erstatten. Im Juli zahlte der Konzern knapp eine Milliarde Euro aus.

Lufthansa will das Flugangebot in den kommenden Monaten langsam wieder hochfahren. Wichtige Langstreckenverbindungen könnten aufgrund anhaltender Reiserestriktionen aber nicht mehr wie zuvor angeboten werden, hieß es. Das betrifft vor allem Flüge in die USA und nach Asien, wo Lufthansa vor der Krise besonders stark war. 2021 werde wohl insgesamt nur zwei Drittel des Geschäfts von 2019 erreicht. Lufthansa ist damit pessimistischer als KLM-Air France oder IAG, zu dem Konzern gehört Iberia und British Airways. Spohr sagt, die Luftfahrt müsse sich an "eine neue Normalität" anpassen und sich "neu kalibrieren". Das bedeute laut Spohr: "Das Gewohnte infrage zu stellen und statt nach Wachstum um jeden Preis zu streben, nachhaltig und verantwortungsvoll Werte zu schaffen." Auch das sind sehr neue Töne.

© SZ vom 07.08.2020
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