Wer dem grauen Alltag entfliehen und von Hamburg aus mit dem Flugzeug verreisen möchte, der muss sich in den nächsten Tagen auf Verspätungen und Flugausfälle einstellen. Zwar laufe der Flugbetrieb gerade noch stabil, teilte der Flughafen auf Anfrage mit. Man gehe jedoch davon aus, dass sich das bald ändern werde. Grund dafür: fehlender Treibstoff, also Kerosin.
Eine Sprecherin der Raffinerie, die den Flughafen mit Kerosin beliefert, sagte auf Anfrage: Aufgrund „unvorhergesehener Umstände“ sei derzeit kein Treibstoff verfügbar. Von Donnerstagnachmittag an sollten jedoch wieder erste Mengen ausgeliefert werden. „Wir arbeiten mit Hochdruck an einer schnellen Lösung“, so die Sprecherin. Warum es jedoch genau zu diesem Engpass gekommen ist und wie lange es dauern wird, bis er komplett behoben ist, dazu äußerte sich die Raffinerie nicht. Genauso wenig zu der Frage, ob die Panne mit Wartungsarbeiten zusammenhängen könnte, die vor wenigen Tagen in der Raffinerie starteten. Es gebe jedoch keine Hinweise darauf, dass Sabotage oder terroristische Aktivitäten im Spiel sein könnten, so der Flughafen.
So eine Panne ist der absolute Ausnahmefall
Dass an Flughäfen der Treibstoff ausgeht, kommt extrem selten vor. Der jüngste Fall betraf den Flughafen Johannesburg in Südafrika, der nach einem Brand einer Raffinerie den Airlines nicht genügend Sprit verkaufen konnte. Betroffen war unter anderem die Lufthansa, die kurzerhand zeitweilig eine Boeing 747 leer zum Tanken nach Windhuk/Namibia flog, um dann die Passagiere in Johannesburg einzuladen und zurück nach Frankfurt zu fliegen. Eine sehr teure Angelegenheit.
Hamburg ist mit 8,1 Millionen Passagieren von Januar und Juli 2025 der fünftgrößte Flughafen in Deutschland nach Frankfurt, München, Berlin und Düsseldorf. Für die Fluglinien, die Hamburg bedienen, ist der Kerosinmangel ein gravierendes logistisches Problem. Einziger Ausweg: Sie tanken anderswo mehr, um dann auch den Flug von Hamburg aus noch bestreiten zu können. Das ist aber teuer und nicht umweltfreundlich, weil die Flugzeuge so schwerer sind, als sie sein müssten, und dadurch mehr Kerosin verbrauchen. Gerade bei längerem Flügen, etwa auf die Kanaren, ist es auch gar nicht praktikabel. Denn die Maschinen können gar nicht so viel Sprit mitnehmen.
Eurowings, mit 18 stationierten Flugzeugen die größte Airline in Hamburg, will aber genau das versuchen. „Die Flugzeuge werden statt in Hamburg temporär an anderen Flughäfen betankt“, so das Unternehmen. Daher habe der „Kerosin-Engpass“ in Hamburg „aktuell keine Auswirkungen auf Flüge von Lufthansa Group Airlines“.
Es könne zu „Anpassungen im Flugplan“ kommen, so die Ferienfluggesellschaft Condor. Sprich: Sie muss womöglich bald Flüge streichen. Man prüfe derzeit die „Möglichkeiten für die Abflüge und Ankünfte am Flughafen Hamburg“. Der Flughafen riet Passagieren, ihren Flugstatus im Blick zu behalten und sich bei Umbuchungen oder Stornierungen an die Hotlines der jeweiligen Fluggesellschaften oder ihren Reiseveranstalter zu wenden.
Der Flughafen sollte nicht von der Versorgung durch eine einzige Raffinerie abhängig sein, wird kritisiert
Die Maschinen würden nach Angaben des Flughafens ausschließlich über die Airlines und ihre jeweiligen Lieferanten betankt, ebenso wie von den Betreibern des Tanklagers am Hamburg Airport. Der Flughafen sei weder in die Beschaffung, die Lagerung, den Verkauf noch in die Lieferung des Kerosins oder die Betankung der Flieger eingebunden. Soll heißen: Man will nichts mit der Panne zu tun haben. Flughafenchef Christian Kunsch sagte auf Anfrage: „Wir sind selbst Betroffener dieser Lage. Das ist wie im Straßenverkehr: Der Betreiber der Autobahn ist nicht in der Verantwortung, wann und ob die Tankstellen an den Rastplätzen beliefert werden.“
Die Situation am Hamburg Airport zeigt nach Ansicht des Hauptgeschäftsführers des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel, vor allem eines: nämlich wie sensibel und gleichzeitig komplex die logistischen Ketten in der Luftfahrt seien. „Flughäfen tragen Verantwortung für einen sicheren und verlässlichen Betrieb – nicht aber für privatwirtschaftlich organisierte Versorgungsstrukturen wie die Kerosinlieferung.“ Der aktuelle Engpass müsse nun dazu führen, die Resilienz solcher Infrastrukturen für die Versorgung der Flughäfen stärker in den Fokus zu rücken.
Auch Michael Hoppe, Generalsekretär des Board of Airline Representatives in Germany (BARIG) kritisierte, dass „der Flughafen Hamburg nicht von der Versorgung durch eine einzige Raffinerie abhängig sein sollte.“ Welche Folgen diese Abhängigkeit haben wird, das wird sich in den nächsten Tagen zeigen.
