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Flughafen BER:20 000 Komparsen engagiert

Der Testlauf für den neuen Berliner Flughafen BER hat begonnen, auch die nötigen 800 Komparsen wurden ausgewählt. Ende Oktober soll die Eröffnung stattfinden. Klappt das?

Von Jan Heidtmann, Berlin

Manche staatlichen Großbauten entwickeln ihre ganz eigene, bemerkenswerte Dynamik. Die Hamburger Elbphilharmonie war so eines: Jahrelang wurde der Bau heftigst kritisiert, nicht fertig, zu teuer und überhaupt. Als er 2016 dann doch fertig war, verstummten die Kritiker und die Hamburger zeigten sich begeistert, selbst der Klang galt plötzlich als respektabel; heute wird die Elbphilharmonie liebevoll "Elphie" genannt. Vielleicht ergeht es den Berlinern mit ihrer Dauerbaustelle BER auch einmal so. Seit diesem Montag spricht einiges dafür.

Die Flughafengesellschaft will ihren Bau von diesem Sommer an mit 20 000 Komparsen testen, am Montagvormittag begann die Suche nach geeigneten Kandidaten auf der Webseite. Bereits kurz nach 11 Uhr konnte sie wieder eingestellt werden, alle 30 Termine bis zum 15. Oktober waren besetzt. Ende Oktober soll der Flughafen dann eröffnet werden, acht Jahre später als ursprünglich geplant.

Der groß anlegte Testlauf ist Teil des ORAT-Prozesses, einem standardisierten, internationalen Verfahren, um Flughäfen zum Laufen zu bringen. "Während des Probebetriebs werden sämtliche Prozesse aus dem realen Flughafenbetrieb geprobt und getestet", heißt es bei der Flughafengesellschaft. "Das beinhaltet den Alltagsbetrieb mit Check-in von Passagieren und Gepäck über die Sicherheitskontrolle bis zum Boarding." Stück für Stück sollen die Mitarbeiter der Fluggesellschaften, Sicherheitsleute, Bundespolizisten aber auch Ladenbesitzer so mit den Abläufen vertraut gemacht werden. Im zweiten Teil des ORAT-Prozesses, der am 23. Juni beginnen soll, kommen jeweils 800 Komparsen dazu, Notfälle werden geprobt und die Arbeit im Sicherheitsbereich des Flughafens simuliert. Im letzten Teil des Testlaufs, von Ende August an, ist der Flughafen weitestgehend in Betrieb. Statt Flugzeugen werden noch Busse eingesetzt.

Das Problem mit den Dübeln wurde gelöst - es gibt eine Ausnahmegenehmigung

Um einer von 20 000 zu werden, musste man am Montagvormittag vor allem schnell sein. Ansonsten gibt es nur drei zwingende Voraussetzungen: älter als 18 Jahre, der deutschen Sprache mächtig und imstande, einige Kilometer zu laufen. Um den Test so realistisch wie möglich zu gestalten, stellt die Flughafengesellschaft knapp 8000 Koffer und Taschen zur Verfügung. Geld gibt es für den Einsatz nicht, dafür bekommt jeder Komparse zu Beginn eines Testtages ein Lunchpaket, wahlweise auch vegetarisch; rund 55 000 Äpfel und 32 000 Liter Kaffee, so schätzt die Flughafengesellschaft, würden während des Probetriebs benötigt.

Doch der Einsatz der Komparsen muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Flughafen auch eröffnet wird. Bereits 2012 wurde der Betrieb mit gut 10 000 Testpersonen simuliert. Diesmal sprechen jedoch viele Indizien dafür, dass der Flughafen tatsächlich fertig wird. So ist das Problem mit Tausenden Dübeln gelöst. Die waren bereits vor Jahren verbaut worden, doch weil die Baubestimmungen in der Zwischenzeit verschärft wurden, war die Zulassung für diese Bauteile erloschen. Nun hat die Flughafengesellschaft eine Ausnahmegenehmigung für die Dübel bekommen, ein bei Großprojekten häufiger Vorgang. "Wir haben fast alles fertig und zwar richtig fertig", sagt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Offen seien noch die Prüfungen für die Sicherheitsverkabelung und die Notstromversorgung; sie würden bis Ende März abgeschlossen.

Die Billigfluglinie Easyjet scheinen die Fortschritte zu überzeugen. Die Briten sind die größte Fluggesellschaft an den Berliner Flughäfen, kürzlich kündigten sie an, dass sie in Schönefeld eine eigene Basis gründen wollen, um ihre Maschinen zu warten. Die Stellen sind bereits ausgeschrieben. Berlin wäre der erste Wartungsstandort von Easyjet außerhalb Großbritanniens; die Arbeitsverträge folgen jedenfalls deutschem Recht und sind damit auch Brexit-fest.

© SZ vom 28.01.2020
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