Fluggesellschaften Willie Walshs Einkaufsliste

Aer-Lingus-Maschine in London-Heathrow: Die Fluggesellschaft Ryanair verkauft ihre Anteile an IAG.

(Foto: Matthew Lloyd/Bloomberg)

Nach der Zustimmung der Europäischen Kommission kann die British-Airways-Muttergesellschaft die irische Aer Lingus übernehmen.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Kurz nachdem Iberia und British Airways 2011 die gemeinsame Dachgesellschaft International Airlines Group (IAG) gegründet hatten, tauchten Gerüchte über eine angeblich lange Liste von Übernahmezielen auf. Darauf seien die Fluggesellschaften notiert, bei denen sich IAG-Chef Willie Walsh einen Einstieg vorstellen könnte. Spätestens am Dienstagabend konnte er hinter einem weiteren Namen einen Haken machen.

Da hatte die Europäische Kommission bekanntgegeben, unter welchen Auflagen sie die Übernahme der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus durch IAG genehmigt hat. Die Auflagen sind von geringer Relevanz für die beiden: IAG muss fünf tägliche Start- und Landezeiten am zweiten Londoner Flughafen Gatwick abgeben. Und Aer Lingus muss Konkurrenten Sitze für Umsteigeverbindungen auf die eigenen Langstreckenflüge vor allem ab Dublin zur Verfügung stellen. Damit lässt sich wunderbar leben.

Mit dem nun beschlossenen Einstieg setzt sich der Aufstieg von IAG zum größten gesunden Airline-Verbund in Europa weiter fort. Walsh und seine Leute führen den Kollegen bei Air France-KLM und Lufthansa vor, was möglich wäre, wenn sie selbst das Geld und die nötigen Strukturen dafür hätten, weiter zu wachsen. Sie könnten es sich leisten, eine der wenigen profitablen unabhängigen Fluggesellschaften in Europa zu kaufen und damit die eigene Marktposition besser absichern.

IAG setzt auf erfolgreiche Fluggesellschaften - auch wenn das viel Geld kostet

Zu IAG gehören neben Iberia und British Airways bislang schon die hochprofitable spanische Billigfluggesellschaft Vueling BMI, die allerdings mittlerweile vollständig bei BA integriert ist. Aer Lingus ist die fünfte Transaktion innerhalb von vier Jahren. Air France-KLM und Lufthansa hatten mit Übernahmen und Fusionen früher begonnen. Die Lufthansa-Gruppe besteht heute aus Lufthansa, Austrian, Swiss und Brussels Airlines sowie diversen Regional- und Billig-Ablegern. In den vergangenen Jahren war der Konzern allerdings viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um weitere mögliche Zukäufe ernsthaft zu erwägen. Dabei hat Lufthansa-Chef Carsten Spohr gerade erst wieder betont, wie sinnvoll die weitere Konsolidierung der europäischen Luftverkehrsindustrie sei. Dies zeigten die Erfahrungen der amerikanischen Kollegen, die nach vier Mega-Fusionen plötzlich erstaunliche Gewinnmargen erreichen.

IAG ist allerdings derzeit der einzige europäische Anbieter, der den Schwung beibehalten hat. Anders als Etihad Airways aus Abu Dhabi, die mit Air Berlin und Alitalia zwei Sanierungsfälle eingekauft hat, setzt IAG auf erfolgreiche Airlines, auch wenn das viel Geld kostet. Für Aer Lingus gibt IAG etwa 1,4 Milliarden Euro aus, wie gut, dass Qatar Airways im Januar per Kapitalerhöhung einen Anteil von knapp zehn Prozent an IAG gekauft hat. Geld war also vorhanden.

Aer Lingus ist eine gute Ergänzung für das IAG-Angebot. Denn British Airways konzentriert sich im Wesentlichen auf Langstrecken und einige europäische Zubringer auf dem Flughafen London-Heathrow. Den Langstreckenmarkt aus den britischen Regionen und Irland lässt die Fluggesellschaft mehr oder weniger links liegen. Doch hier kann nun Aer Lingus helfen. Noch unter dem deutschen Vorstandschef Christoph Müller, der mittlerweile Malaysia Airlines sanieren hilft, war Dublin wieder zu einem profitablen und stark wachsenden Ausgangs- und Umsteigepunkt für Transatlantikflüge geworden, und zwar nicht nur aus Irland, sondern auch aus Nord- und Mittelengland oder Schottland. Aer Lingus könnte nun auch in das Joint Venture integriert werden, das BA, American Airlines und Finnair auf dem Nordatlantik betreiben. Aer Lingus dürfte bald auch wieder Mitglied der Oneworld-Allianz werden, in der sowohl BA als auch Iberia bereits mitmachen und aus der die irische Airline einst aus Spargründen ausgestiegen war. Doch nun sieht es so aus, als habe sich Aer Lingus in einer profitablen Nische festgesetzt.

Der größte Konkurrent bleibt Ryanair. Die Billigfluggesellschaft hat erst in der vergangenen Woche angekündigt, seinen 29 Prozent-Anteil an Aer Lingus an IAG abtreten zu wollen. Eigentlich wollte Ryanair den lokalen Rivalen vollständig übernehmen, doch das verhinderten die irische Regierung, die Europäische Kommission und die britische Wettbewerbsbehörde.

Angesichts des erstaunlichen Erfolges, den Ryanair mit seiner Initiative für ein bisschen mehr Service hat, und des Verkaufserlöses von gut 400 Millionen Euro wird der Verlust zu verschmerzen sein. Zumal Ryanair-Chef Michael O'Leary angekündigt hat, sich um die fünf Slot-Paare in London-Gatwick zu bewerben, die IAG abgeben muss. Ryanairs größte Basis ist Stansted, von Gatwick aus fliegt die Airline aber drei Ziele in Irland an und will das Programm nun ausbauen.

Wer sonst noch auf Walshs Zettel steht, das hat der IAG-Chef nie verraten. Doch langsam aber sicher dürften ihm in Europa sinnvolle Übernahmeziele ausgehen. Dass sein Konzern die Bezeichnung "International" im Namen trägt, ist aber sicher kein Zufall: Gut möglich, dass der nächste Entwicklungsschritt außerhalb Europas stattfindet.