Flugbegleiter-Streik bei Lufthansa Die da oben

Tausende Deutsche können wegen des Flugbegleiterstreiks nicht dahin fliegen, wo sie wollen. Was maßt sich eine Gewerkschaft von 10.000 Mitgliedern da an? Im Prinzip nichts Ungebührliches. Die Gewerkschaft der Flugbegleiter trägt ihren Konflikt bloß mit derselben Verbissenheit wie Berufsgewerkschaften aus - was diese unter Druck setzt.

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Stewardess, das ist ein Beruf, in den schon immer alles Denkbare hineininterpretiert wurde. Als die Boeing Air Transport im Jahr 1930 zum ersten Mal eine Frau für die Flugzeugkabine einstellte, soll es viel Protest gegeben haben - von den Gattinnen der Piloten, die sogleich mit dem Äußersten rechneten.

Streik der Lufthansa-Flugbegleiter: Auch am Münchner Flughafen legten Stewards ihre Arbeit nieder.

(Foto: dpa)

Auch heute noch ist "Flugbegleiter" (wie Stewardessen und Stewards nun genannt werden möchten) eine Tätigkeit, die das Image des irgendwie Exquisiten hat. Morgens München, mittags London, abends Nizza; auf den ersten Blick ist es ein Job, über den man sagen kann: Es gibt Schlimmeres.

Was streiken die Flugbegleiter der Lufthansa also? Schon wieder ist es eine kleine Berufsgruppe, die ihre Macht entdeckt. Im Frühjahr waren es ein paar Dutzend Vorfeldlotsen, die den Frankfurter Flughafen weitgehend lahmlegten, nun sind es ein paar tausend Flugbegleiter, die einem Konzern Schäden in Millionenhöhe zufügen. Von den Lokführern sind die Menschen solche Aktionen bereits gewöhnt, und demnächst wollen sogar die Ärzte erkunden, was sich mit Arbeitsniederlegungen erreichen lässt.

Zwar ist Deutschland nach wie vor ein Land, in dem relativ wenig gestreikt wird: In den Niederlanden fallen doppelt so viele Arbeitstage aus wie hier, in Großbritannien sechsmal und in Frankreich 23-mal so viele. Und doch ändert sich gerade der Charakter der Auseinandersetzungen. Wie, das verrät eine Äußerung von Nicoley Baublies, des Chefs der "Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation" (Ufo), vom Dienstag. Er kündigte an, es nicht länger bei begrenzten Ausständen zu belassen: "Dann werden wir in den nächsten Tagen irgendwann sagen, Deutschland steht still von null bis vierundzwanzig Uhr." Am Freitag soll es soweit sein.

Ziemlich heftig, was sich eine Gewerkschaft von 10 000 Mitgliedern da anmaßt. Nur weil die Flugbegleiter der Lufthansa sich mit ihrem Arbeitgeber nicht darüber einig werden, wie viel Geld sie noch bekommen und wie lange sie dafür arbeiten müssen, soll ein jeder büßen, der zufällig für Anfang September ein Ticket gebucht hat? Ein Herr Baublies in Frankfurt entscheidet, ob eine Familie aus München ihren seit Monaten gebuchten Türkei-Urlaub antreten respektive rechtzeitig aus demselben zurückkehren darf?

Es sind dies Fragen, die ebenso naheliegen, wie sie jedoch vom Kern der Auseinandersetzung wegführen. Erstens ist es das Wesen eines Streiks, dass er Unbeteiligte trifft; weshalb Arbeitsgerichte die Gewerkschaften meistens gewähren lassen. Zweitens verfliegt öffentliche Empörung in der Regel genauso schnell, wie sie kommt. Wer heute als Urlauber unter einem Streik leidet, nimmt morgen als Arbeitnehmer vielleicht selber an einem teil. Drittens, so vermessen das Gerede vom Stillstand des Landes auch sein mag: Im Prinzip führt "Ufo" den Konflikt bloß mit derselben Verbissenheit wie andere Berufsgewerkschaften auch.

Diese kleinen Organisationen sind vor allem in Dienstleistungsbranchen zu Bedeutung gekommen - dort, wo große Branchengewerkschaften oft aus Mangel an Mitgliedern wenig Macht haben, wo sie zudem die speziellen Bedürfnisse kleiner, aber zentraler Gruppen leicht aus dem Blick verloren, und es zudem keine Flächen-, sondern nur Haustarifverträge gibt. Nun plustern die sich auf, mal bei der Deutschen Bahn, mal bei Fraport, mal bei der Lufthansa. Flugbegleiter sind das ganze Jahr über da oben an einem Arbeitsplatz, an dem es laut und wo die Luft trocken ist; sie kennen Schlafstörungen wie der Bergmann die Staublunge. Sie wollen zumindest ordentlich bezahlt werden.

Die interessante Frage ist, wozu solche Auseinandersetzungen führen werden. Sicher nicht zu einer Verschärfung des Streikrechts; keine Bundesregierung wird sich ein verfassungsrechtlich derart heikles Projekt aufhalsen - zumal die Flugbegleiter ja keine exorbitanten Lohnsteigerungen durchboxen, sondern Kürzungen abwehren wollen. Je erfolgreicher aber die Berufsgewerkschaften abschneiden, umso mehr werden die großen Gewerkschaften unter Druck geraten. Wenn Verdi oder die IG Metall in Tarifrunden ziehen, war das bisher ein recht ritualisierter Prozess. Ihre Chefs mögen Forderungen immer wieder ziemlich rabiat vortragen. Aber was sie ansteuern, ist ein Ausgleich von Interessen.

Berufsgewerkschafter hingegen denken auch in anderen Kategorien, in jenen von Siegen und Besiegen - wer nicht für 3,6 Millionen Beschäftigte streitet, sondern bloß für ein paar Tausend, der gibt eher seinem Hang zur Eskalation nach. Die Herausforderung der großen Gewerkschaften besteht darin, so viele Berufsgruppen wie nur möglich zusammenzuhalten. Oder es bilden sich immer mehr kleine und verändern das Land.