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Flüchtlingskrise:"Jeder Tag zählt"

Familienunternehmer Eberhard Sasse appelliert an seine Kollegen, ihre Betriebe für Flüchtlinge zu öffnen. Von der Politik fordert er ein unbürokratisches Handeln: "Wir wollen helfen, aber häufig dürfen wir das nicht."

Deutsche Unternehmer und Manager seien konservativ, heißt es gern, und häufig stimmt das ja auch. Sie sind dann meist gesetzteren Alters, fahren große Autos, wählen CDU oder, schlimmer noch, FDP, und halten am traditionellen Familienbild fest. Der Staat gibt für ihren Geschmack zu viel Geld aus, und die Euro-Schuldenpolitik ist ihnen ein Graus. Ausgerechnet beim Thema Flüchtlinge allerdings sind die deutschen Wirtschaftsführer eher fortschrittlich: Immer mehr von ihnen betonen die moralische Verpflichtung Deutschlands, den Flüchtlingen zu helfen.

Die Wirtschaftsvertreter begreifen die Zuwanderer eher als Chance denn als Risiko und halten deren Integration für eine Investition in die Zukunft des Standortes Deutschland. Das sei reichlich weltfremd und womöglich von dem Wunsch nach politischer Korrektheit getrieben, urteilen wiederum manche Kritiker. Das Facharbeiterproblem etwa würden die Zuwanderer garantiert nicht lösen und viele seien auch nicht in Betriebe integrierbar. Der Münchner Unternehmer Eberhard Sasse schüttelt über diese Sichtweise nur den Kopf.

Nicht jeder könne sofort eingesetzt werden, das sei schon klar, sagt Sasse im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, aber viele eben doch und die anderen müssten so schnell und so intensiv wie möglich weitergebildet und eingearbeitet werden. Der promovierte Politikwissenschaftler hat in München vor 40 Jahren eine Reinigungsfirma gegründet, die heute Gebäudemanagement im großen Stil betreibt, Unternehmen in 13 Staaten betreut und mit 5000 Mitarbeitern knapp 150 Millionen Euro umsetzt. Zum Vergleich: Beim VW-Konzern, dem derzeit so viel Aufmerksamkeit widerfährt, erwirtschaften 600 000 Mitarbeiter 200 Milliarden Euro Umsatz.

Unternehmen gibt Flüchtlingen eine Chance

Der Asylbewerber Hamza Ahmed hat es trotz vieler bürokratischer Hindernisse geschafft: Er arbeitet für eine Brandenburger Firma.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Dass die Chefs der großen Konzerne sich derzeit verstärkt pro Integration äußern, begrüßt auch Sasse, weist aber darauf hin, dass die Hauptarbeit von den vielen Mittelständlern im Land geleistet werden muss, von denen er selbst schon wieder einer der Größeren sei. Seine Firmengruppe habe allein in den vergangenen Monaten 45 Zuwanderer eingestellt, darunter drei mit akademischem Abschluss und 20 Facharbeiter oder Techniker.

Insbesondere die eigentümergeführten Familienunternehmen seien nun gefordert, appelliert der Familienunternehmer. "Ein ehrbarer Kaufmann beweist sich nicht beim Sonntagnachmittagsspaziergang im Sonnenschein. Rauer Alltag mit Wolken, Regen und Gegenwind - erst da zeigt sich, ob einer es ernst meint mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung." Sasse will das nicht als Kritik an Kollegen verstanden wissen. "Was unsere Unternehmen hier in den vergangenen Wochen und Monaten schon geleistet haben, verdient hohen Respekt. Zumal sie sich - wie das ganze Land - mit einer Lage konfrontiert sahen, die kreatives Denken, maximale Flexibilität und situatives Handeln forderten. Es hat sich gezeigt: Wir können das."

Aber die aktuelle Situation verlange nicht nur die Entschlossenheit des Einzelnen, sondern eine Zusammenführung aller Kräfte. "Es sind nun Fähigkeiten gefragt, von denen wir wissen, dass sie in der deutschen Wirtschaft und Verwaltung reichlich vorhanden sind: Mit Präzision und strukturiertem Vorgehen gilt es jetzt, zügig Ordnung und Stabilität ins Chaos zu bringen. Ohne klare Außengrenzen, zügige Verfahren und zuverlässige innere Sicherheit werden wir keines der Probleme wirklich lösen können. Es braucht Regeln und Verfahren, auf die sich alle Beteiligten und Betroffenen verlassen können. Wir dürfen nicht in einen Hilfe-Taumel verfallen und die Augen vor dem Konfliktpotenzial eines unkontrollierten Zustroms verschließen", sekundiert Sasse dem Bundespräsidenten Joachim Gauck, der am Sonntagabend eine nachdenkliche Rede zum Thema gehalten hatte.

Dass die Politik sich bemüht, stellt Sasse nicht in Abrede. Die bayerische CSU-Staatsregierung, die sich gegen den offenen Kurs der Bundeskanzlerin Angela Merkel positioniert hat, ist nach Sasses Beobachtung in der Sache überaus engagiert. Ministerpräsident Horst Seehofer und Wirtschaftsministerin Ilse Aigner seien in engem, raschem Gespräch mit der Wirtschaft, berichtet Sasse, der auch Präsident der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern ist, aus eigener Erfahrung. Vor Ort aber hapere es.

Immer wieder klagten Kollegen, dass sie aus dem Stand Menschen einstellen könnten, dass sie diese sogar qualifizieren und einarbeiten würden - dass aber die gesetzlichen Bestimmungen dies nicht zuließen. Verwaltung sei gewachsen und viele Regeln hätten ihren Sinn - in der aktuellen Situation aber müsse man schnell und unbürokratisch handeln, sagt er. Sasse fordert deshalb eine sofortige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für diejenigen, die wohl bleiben dürfen. Sehr schnell müsse die Qualifikation ermittelt werden, das sei ein Job für die Industrie- und Handelskammern.

Aber es sei auch klar, dass die Rahmenbedingungen klar definiert sein müssten, für politischen Streit fehle jetzt die Zeit. "Wer weiter hilfsbereit sein will, muss wissen, wie er es sein darf: Wie steht es um das Thema Aufenthaltserlaubnis? Wie gehen wir mit dem Bleiberecht heute noch minderjähriger Flüchtlinge nach einer erfolgreichen Ausbildung um? Wie viele Lehrer und Schulen braucht es, um die nötigen Sprach- und Sachkenntnisse zu vermitteln oder zu erweitern? Wie lässt sich der weitere Zustrom von Zuwanderern dauerhaft regeln?" Der Flüchtlingsgipfel zwischen Bund und Ländern am Donnerstag unter Merkels Leitung habe einiges angeschoben, aber erst die Umsetzung entscheide.

Am Ende geht es wie so oft ums Geld. Die Maßnahmen, weiß Sasse, werden viele Milliarden kosten. "Wir dürfen jetzt nicht aufs Geld gucken und um Haushaltsposten feilschen", sagt Sasse. "Andere Ausgaben müssen zurückstehen - und darunter auch solche, die aus einem parteipolitischen Konzept in die Betriebe hineinwirken sollen." Jeder Tag, der diskutiert statt entschieden werde, lähme die Hilfsbereitschaft in der Wirtschaft - ohne die Merkels "Wir schaffen das!" nicht einzulösen sei.

© SZ vom 29.09.2015
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