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Verkehr:Wie Flixbus und Co. durch die Corona-Krise kommen

Cornavirus - Flixbus München

Stille am Zentralen Omnibusbahnhof in München: Viele Busunternehmen stehen mitten in der Corona-Pandemie vor einer unsicheren Zukunft.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Busunternehmen kämpfen um ihre Existenz - vor allem jene, die auf Tourismus spezialisiert sind. Trotzdem äußern sich einige aus der Branche zuversichtlich.

Von Francesca Polistina, München

Die Homepage des Busbetreibers Flixbus sieht desolat aus. Zumindest, wenn man nach Verbindungen sucht. Von München nach Berlin am 1. März? An dem Tag "keine Fahrten". Zwei Wochen später vielleicht? Nichts. Erst von April an kann man einen Sitzplatz reservieren - ob zu dem Zeitpunkt die Busse tatsächlich wieder fahren werden, ist noch ungewiss, wie vieles in der Pandemie. Trotzdem sieht sich das Unternehmen "gut aufgestellt", wie André Schwämmlein, Vorstandschef und Gründer von Flixbus, schriftlich mitteilt.

Fragt man beim Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer nach, ergibt sich ein anderes Bild: "Viele Unternehmen kämpfen um ihre Existenz", sagt Geschäftsführerin Christiane Leonard. Gerade macht sie sich vor allem um die kleineren Firmen Sorgen. Insgesamt gibt es in Deutschland knapp 4200 private Busunternehmen, die 42 000 Busse besitzen. Allein im Fahrdienst beschäftigen sie etwa 52 000 Menschen, viele davon stehen nun vor einer unsicheren Zukunft.

Dabei machte die private Busbranche bis vor der Pandemie ein solides Geschäft: Zwar waren die Zahlen in den Jahren 2018 und 2019 nicht mehr so positiv und die Stimmung schlechter, doch der wachsende Tourismus und die Liberalisierung des Fernlinienbusmarktes hatten im Jahrzehnt vor dem Coronavirus Millionen Fahrgäste angelockt. Davon profitierten nicht nur das Start-up Flixbus, das zum Monopolisten auf dem Fernbusmarkt wurde, sondern auch viele der privaten Busunternehmen, die nur in Deutschland tätig sind. Dabei handelt es sich oftmals um traditionelle Familienbetriebe in dritter oder vierter Generation, die wenige Dutzende Mitarbeiter beschäftigen.

Flixbus ist kein klassisches Busunternehmen, es besitzt selbst nur einen einzigen Bus, weil es das Gesetz so will, und vermittelt die Buchungen an seine 500 mittelständischen Buspartner weltweit; wie viele davon in Deutschland sitzen, das will der Konzern nicht preisgeben. Das Unternehmen organisiert also das Netz, den Betrieb und die Plattform für die Ticketbuchungen, während andere Busfirmen im Auftrag von Flixbus die Strecken fahren. Durch die Krise ist Flixbus bisher gut hindurchgekommen: "Im Sommer 2019 haben wir eine große Finanzierungsrunde abgeschlossen. Dieses Geld war ursprünglich für Expansionen vorgesehen, hilft uns nun jedoch, die aktuelle Lage zu managen", sagt Chef Schwämmlein. Abgesehen von der Kurzarbeit bekommt Flixbus keine Staatshilfen - anders als viele kleinere Unternehmen, die auf öffentliche Gelder angewiesen sind.

Seit dem ersten Lockdown im März stehen die Busse in der Garage

Denn besonders hart hat die Pandemie jene Busfirmen getroffen, die auf den Tourismus spezialisiert sind. Firmen, die laut dem Statistischen Bundesamt insgesamt 238 000 Arbeitsplätze schaffen. Seit dem ersten Lockdown im März 2020 stehen die Busse in der Garage: Zwar konnte man im Sommer wieder verreisen, doch die typischen Kunden und Kundinnen, die durchschnittlich über 50 Jahre alt sind, waren verunsichert. Die meisten verzichteten auf Busreisen und entschieden sich für Alternativen. Auch Klassenfahrten wurden abgesagt. Karl Reinhard Wissmüller, Vorsitzender des Landesverbandes hessischer Omnibusunternehmer, sagt, von seinen 17 Reisebussen habe er im Sommer lediglich drei angemeldet. "Wenn man im Mai nicht wieder startet, werden viele Unternehmen pleitegehen", sagt er. Der Winterspeck, den viele Betriebe in der letzten Jahren erwirtschaftet haben, werde immer dünner, so Wissmüller.

Den sogenannten Mischbetrieben geht es nur ein bisschen besser. Rund 80 Prozent der Busunternehmen in Deutschland gehören zu dieser Kategorie. Sie sind sowohl in der Touristik als auch im öffentlichen Nahverkehr tätig. Das ist Segen und Fluch zugleich. Segen, weil sie dadurch nicht komplett schließen mussten: Während das Reisen nicht mehr möglich ist, läuft der öffentliche Verkehr immerhin weiter, wenn auch teilweise reduziert. Fluch, weil die Finanzhilfen, die vor Kurzem verabschiedet wurden, die Strukturen der Mischbetriebe nicht berücksichtigen, wie es aus dem Verband heißt.

Konkret heißt das: Weil viele von ihnen den öffentlichen Verkehr aufrechterhalten müssen, kommen sie mit ihren Unternehmen nicht auf die notwendigen 30 Prozent Umsatzeinbrüche, die für die Überbrückungshilfen III notwendig sind. Doch gleichzeitig müssen sie die öffentliche von der privaten Sparte rechnerisch strikt trennen. Ihnen ist also untersagt, Erlöse aus einer Sparte in die andere zu übertragen. Der Bundesverband fürchtet deshalb, dass viele Unternehmen sich von der Touristik-Sparte trennen könnten. "Das würde das Aus der Mischbetriebe bedeuten", heißt es.

Laut einer Umfrage des Verbands haben circa 80 Prozent der Busunternehmen große finanzielle Schwierigkeiten

Wie viele Busunternehmen tatsächlich dieses zweite Standbein aufgeben könnten, weiß der Bundesverband nicht genau. Leonard sagt, dass laut einer internen Umfrage insgesamt circa 80 Prozent der Busunternehmen große finanzielle Schwierigkeiten haben. Die Zahl der Insolvenzen ist zwar im einstelligen Bereich, das habe aber damit zu tun, dass die Insolvenzantragspflicht verlängert wurde. Anders formuliert: Unternehmen melden keine Insolvenz an, weil sie es noch nicht müssen.

Gemessen an den Treibhausgas-Emissionen pro Personenkilometer gilt der Fernlinienbus neben der Bahn als das ökologischste Verkehrsmittel. Wer allerdings schon mal damit gefahren ist, der weiß: Der Platz kann eng sein. Deshalb versuchen viele Unternehmen, sich so gut es geht auf die Zeit nach den Lockerungen vorzubereiten. "Wir arbeiten auf den Sommer und die zweite Jahreshälfte 2021 hin", meint Flixbus-Chef Schwämmlein. Das bedeutet nicht nur, dass die Angebote vorbereitet werden, sondern auch, dass Hygienekonzepte erstellt werden müssen. Wissmüller sagt: "Die Arbeit ist genug, nur die Einnahmen fehlen."

Das sieht auch Bettina Sieckendiek so. Sie ist Inhaberin der gleichnamigen Firma in Versmold aus dem Kreis Gütersloh mit ungefähr 90 Mitarbeitern und 45 Bussen und Kleinbussen. Im März vergangenen Jahres hat sie mit anderen Busunternehmen aus Westfalen einen Hilferuf an die Politik verfasst. "In tiefster Verzweiflung wenden wir uns an Sie mit der dringenden Bitte um schnelle Hilfe", hieß es darin. Seitdem ist beinahe ein Jahr vergangen, im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit hat ihr Unternehmen fast die Hälfte an Umsatz verloren, viele Mitarbeiter seien in Kurzarbeit.

Trotzdem bleibt sie positiv und schaut nach vorne. Sobald es möglich ist, will das Unternehmen mit einem bereits im Herbst als sicher erprobten Hygienekonzept wieder starten. Es umfasst unter anderem eine reduzierte Anzahl an Fahrgästen, regelmäßige Desinfektionen und Ozongeräte. Auch an Antigen-Schnelltests und flexible Stornomöglichkeiten denkt sie. "Die Nachfrage ist da", meint Sieckendiek, die Gäste würden sich schon darauf freuen. Es bleibt nur die Frage, wann die Räder wieder rollen können.

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Quelle: Stepstone

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