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Fleischkonsum:Geflügel heiß begehrt

Wiesenhof-Geflügel GmbH in Möckern

Mitarbeiterinnen bei Wiesenhof packen Beutel mit Innereien in Brathähnchen.

(Foto: Jens Wolf/dpa)

Um die heimische Nachfrage zu decken, muss Hühner­fleisch importiert werden. Doch die Deutschen essen immer noch gerne Schwein.

Von Simon Gross

Der deutsche Geflügelmarkt ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Anders als beim Schweinefleisch sind sowohl Produktion als auch Verbrauch gestiegen. Während 1998 jährlich noch rund 700 000 Tonnen Geflügel geschlachtet wurden, waren es 2018 gut 1,6 Millionen Tonnen. 2018 haben die Deutschen 1,8 Millionen Tonnen Geflügelfleisch gegessen, was einen jährlichen Verbrauch pro Kopf von mehr als 22 Kilogramm bedeutet. Um die heimische Nachfrage decken zu können, muss Deutschland also importieren. Im Vergleich zu anderen Industrienationen sei das allerdings ein unterdurchschnittlicher Verbrauch, sagt Geflügelmarktexperte Josef Efken. Deutschland gehöre immer noch zur Ländergruppe der Schweinefleischesser.

So wie auch in Dänemark, Polen und China viel Schweinefleisch gegessen werde.

Hierzulande bedient die PHW-Gruppe, zu der auch Wiesenhof gehört, rund die Hälfte des Geflügelmarktes. Schon der zweite Produzent Rothkötter kommt nur auf 15 Prozent des Gesamtumsatzes. Es folgen Sprehe mit 10, Heidemark mit 9 und Plukon mit 7 Prozent Umsatzanteil. Für die Aufzucht der Tiere sei die Lohnmast das gängigste Modell in Deutschland, sagt Efken. Die Lohnmäster haben Lieferverträge mit Unternehmen wie der PHW-Gruppe, die das Geflügel schlachten und vermarkten. Häufig beziehen die Mäster Küken und Futtermittel von ihren Vertragspartnern, die oft auch eine tierärztliche Betreuung der Hühner gewährleisten.

Masthühner sind anfälliger für Krankheiten

Deutsche Geflügelproduzenten bedienten hauptsächlich den Frischfleischmarkt für Deutschland und Nachbarländer, sagt Efken. Die größten ausländischen Lieferanten für den deutschen Markt seien die Niederlande, Polen und Frankreich, die wichtigsten Länder außerhalb der EU Thailand und Brasilien. Heimische Geflügelhersteller stünden zunehmend durch polnische Mäster unter Druck, die zu günstigeren Kosten produzieren könnten, sagt der Geflügelmarktexperte. Masthähnchen sind zum Zeitpunkt ihrer Schlachtung zwischen einem und anderthalb Monaten alt. Bei der Kurzmast wiegen sie nach 28 bis 30 Tagen zwischen 1500 und 1600 Gramm, bei der Mittellangmast nach 32 bis 35 Tagen zwischen 2000 und 2200 Gramm und bei der Langmast nach 38 bis 42 Tagen zwischen 2500 und 2700 Gramm. In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil der beiden längeren Haltungsformen erhöht, weil die Nachfrage nach einzelnen Hähnchenteilen gestiegen ist.

Das jeweilige Schlachtgewicht könne nur durch rasantes Wachstum erreicht werden, sagt Michael Marahrens vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit: Ein frisch geschlüpftes Küken wiege im Durchschnitt 40 bis 45 Gramm. Die Masthühner seien auf extremen Fleischansatz, besonders am Brustmuskel gezüchtet. In den letzten Phasen der Mast bewegten sich die Tiere so gut wie gar nicht mehr. So sei es überhaupt erst möglich, die Tiere per Hand zu greifen und zu verladen. Legehennen ließen sich in der entsprechenden Alters- oder Gewichtsklasse nicht auf diese Weise einfangen. Masthühner seien deshalb auch verletzungs- und krankheitsanfälliger, sagt Marahrens. Doch die "Bewegungslosigkeit" mache die Hühnermast gerade so effektiv: 1,6 Kilogramm Futter für ein Kilogramm Hähnchen - dies ist ein in der Tiermast sonst unerreichter Wert.

© SZ vom 15.09.2020

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