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Italiens Fleischindustrie:Weniger ist mehr

im norditalienischen Codogno werden Wurst und Schinken unter strengen Hygieneauflagen verkauft.

(Foto: AP)

Während sich in Deutschland Tausende Arbeiter in Fleischfabriken mit Corona infiziert haben, sind diese in Italien überdurchschnittlich sicher. Was läuft besser im Land von Mortadella und Parmaschinken?

Von Ulrike Sauer, Rom

Die Umstände schienen explosiv. Der Hotspot der italienischen Fleischindustrie liegt ausgerechnet dort, wo das Coronavirus in Europa die dramatischsten Auswirkungen hatte: in der Po-Ebene nahe der Alpen. Ende Februar waren die Gegend um Lodi in der Lombardei und bald darauf um Modena in der Emilia-Romagna die ersten Brennpunkte der Infektion, die bis heute in Italien 34 818 Menschen das Leben gekostet hat. Ausgerechnet dort befinden sich auch die Standorte der größten Schlachthöfe des Landes. In Zeiten von Covid-19 eine heikle Angelegenheit.

Doch der Eindruck täuschte: In den langen Wochen der Angst waren die Covid-Fälle unter Fleischarbeitern niedriger als in der Bevölkerung der umliegenden Orte. "Die Infektionszahlen zeigen, dass die Beschäftigten der Schlachthöfe in diesen Gegenden sich seltener angesteckt haben, als die Menschen, die in der Ausgangssperre zu Hause saßen", sagt Luigi Scordamaglia, Chef-Lobbyist der italienischen Fleischwirtschaft. Mitten in der Pandemie konnten sich die italienischen Hersteller brüsten: Schlachtfabriken gehören heute zu den sichersten Orten des Landes.

Die Branche trägt mit 30 Milliarden Euro Umsatz ein Sechstel zum Umsatz der italienischen Nahrungsmittelindustrie bei und setzt im internationalen Wettbewerbskampf vor allem auf Qualitätserzeugnisse. Spitzenprodukte wie das Fiorentina-Steak oder der Prosciutto di Parma sind kulinarische Aushängeschilder des Landes. Über die Geschäftspraktiken der Konkurrenten in den Vereinigten Staaten und in Deutschland hatten sich die italienischen Fleischhersteller schon vor der Seuche geärgert. Das gilt insbesondere für die prekären Arbeitsbedingungen von Werkvertragsarbeitern in den deutschen Fleischfabriken. "Würden wir dieses System einsetzen, hätte das scharfe Sanktionen zufolge und man würde uns schließen", sagt Scordamaglia, ehemaliger Chef des italienischen Marktführers Cremonini. Diese Praktiken seien aber der Grund, warum deutsches Fleisch weniger kostet als italienisches.

Spätestens der Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück hat das Ausbeutungssystem der Fleischfabriken von Tönnies offenbart, der Fall war auch in italienischen Medien. "Das Coronavirus hat eine dunkle Seite Deutschlands aufgespürt", schrieb die römische Zeitung Il Foglio. Bis dahin hatten die Italiener mit Bewunderung beobachtet, wie souverän die Deutschen mit der Seuche fertig wurden.

Die Pandemie stellte die Fleischverarbeiter südlich der Alpen auf eine harte Probe. Als am 21. Februar in Codogno bei Lodi erstmals in Italien ein Patient positiv auf das Coronavirus getestet wird, dauert es nicht lange, bis die ganze Gegend südlich von Mailand abgeriegelt wird. Tage später ist die ganze Lombardei geschlossen. In der angrenzenden Region Emilia Romagna ist im Schlachthof des Fleischfabrikanten Cremonini in Castelvetro die Hölle los.

Von Vorteil war nun, dass auch vor Corona in der Branche rigide Standards galten. "Hygieneregeln wie das Tragen von Gesichtsmasken und Wegwerf-Schutzanzügen gehörten bei uns zum Alltag", sagt Bruno Contani, Chef-Veterinär in der Romagna. Außerdem sind die Italiener, wenn es ums Essen geht, Kontroll-Freaks. In Italien sind, verglichen mit Deutschland, drei Mal so viele staatliche Veterinäre im Einsatz. Nun ist es nicht so, dass alle in der Branche begeistert über die Überwachung gewesen wären. Doch in der Corona-Krise profitierten die Hersteller davon.

Einen wichtigen Unterschied machen die Verbraucher aus. Die Italiener lassen es sich etwas kosten, nicht regelmäßig von Skandalen um Ekel-Fleisch behelligt zu werden. Der Preisdruck sei wegen niedriger Margen in ganz Europa hoch, sagt François Tomei, Generaldirektor des Fleischverbandes Assocarne in Rom. "Der italienische Verbraucher ist aber bereit, für lokale Qualitätserzeugnisse mehr Geld auszugeben", sagt er. Die reicheren Deutschen hätten da andere Prioritäten. Weniger, aber dafür besseres Fleisch, so die Devise in Italien. Bestes Beispiel dafür sei der Absatzerfolg der Carne di Scottona, ein fein marmoriertes Färsenfilet, das zarteste Stück, das der Metzger vom Rind zu bieten hat. Die Vorschriften für das Tierwohl seien bei Färsen sehr hoch. "Auch deutsche Discounter setzen bei uns inzwischen auf Qualität und italienische Herkunft", sagt Tomei. Unter den Angeboten der Woche steht bei Lidl gerade die Scottona an oberster Stelle. Ein Kilo Filet 11,99 Euro statt 14,99 Euro. "Wir kennen den Geschmack und die Konsumgewohnheiten unserer Mitbürger seit 28 Jahren", sagt Lidl-Italia-Chef Massimiliano Silvestri. 80 Prozent seines Ladensortiments sind in Italien hergestellt.

© SZ vom 04.07.2020
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