Werbeverbot:Stadt in den Niederlanden verbietet Werbung für Billigfleisch

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Werbeverbot: Bilder von Fleisch und Wurst dürften in Haarlem von 2024 an deutlich seltener zu sehen sein als heute.

Bilder von Fleisch und Wurst dürften in Haarlem von 2024 an deutlich seltener zu sehen sein als heute.

(Foto: imago)

Die niederländische Stadt Haarlem will die Werbung für Klimaschädlinge in der Öffentlichkeit verbieten. Dazu zählt auch Fleisch. Konsequent geht die Stadt dabei allerdings nicht vor.

Von Marie Vandenhirtz, München

Nur ein paar Cent für den Fleischaufschnitt, einen Euro für die Bratwürste und nicht ganz vier Euro für frische Hähnchenschenkel: Discountern ist es wichtig, auch im öffentlichen Raum möglichst bunt und möglichst großflächig, auf die eigenen "Knallerpreise" hinzuweisen. Zum Beispiel durch Plakate an der Bushaltestelle. Besonders günstig soll es sein, vor allem günstiger als bei der Konkurrenz. Ein verlockendes Angebot für Kunden, die viel Fleisch essen und dafür wenig zahlen wollen. Doch im niederländischen Haarlem können Discounter in Zukunft nicht mehr so einfach mit ihren günstigen Preisen für sich werben. Denn ab 2024 ist Schluss mit der Werbung für Fleisch-Schnäppchen.

"Wir können den Menschen nicht sagen, dass es eine Klimakrise gibt, und sie dann ermutigen, Produkte zu kaufen, die Teil der Ursache sind", sagte die niederländischen Politikerin Ziggy Klazes dem Radiosender Haarlem105. Genau aus diesem Grund will die Hauptstadt der Provinz Nordholland Werbung dieser Art in der Öffentlichkeit verbieten. Damit verschwindet sie von Bussen, Plakaten oder Bildschirmen, die sonst für die nötige Aufmerksamkeit sorgten. Eine Weltpremiere, initiiert durch Klazes Partei Groenlinks, auf deutsch grün-links. Von der Einzigartigkeit ihres Antrags habe sie gar nicht gewusst, sagte die Politikerin dem Radiosender. Ende 2021 nahm der Stadtrat der Kommune ihren Antrag an, jetzt ist das Werbeverbot beschlossene Sache. Auch die Christdemokraten in Haarlems Gemeinderat stimmten zu.

Doch nicht allein der Werbung für Billigfleisch soll damit ein Ende gesetzt werden. Auch andere Klimaschädlinge verschwinden 2024 aus der öffentlichen Werbung. Etwa jene für Flüge, fossile Brennstoffe und Autos mit Verbrennermotor. Aber gerade das Werbeverbot für Fleisch sorgt bei den Niederländern für Aufregung. 2021 lag der Anteil der Fleischesser in den Niederlanden laut einer Umfrage des smartproteinprojects.eu bei 90 Prozent. Im Durchschnitte isst jeder Niederländer 67,1 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Die Liebe zum Fleisch geht in den Niederlanden sogar so weit, dass die Fleischindustrie vor Kurzem erst eine Kampagne mit dem Namen "Nederland Vleesland", Niederlande - Land des Fleisches, startete. Kern der Kritik gegen das Werbeverbot: der Beschluss sei juristisch heikel und greife in die Meinungsfreiheit ein. Manch einer versteht ihn sogar als Zensur oder befürchtet, Fleischesser würden durch das Werbeverbot stigmatisiert. Zwar darf immerhin Bio-Fleisch weiter beworben werden, Fleischproduzenten, Bauern und Fleischliebhaber protestieren aber trotzdem.

Die Rindfleischproduktion sorgt für mehr als zehn Mal so viele Emissionen wie die von Soja

Haarlem will mit dem Schritt nachhaltiger werden. Schließlich ist schon seit Längerem bekannt, dass mit einer fleischlosen oder sogar komplett pflanzlichen Ernährung eine Menge Emissionen eingespart werden können. Durch Tierhaltung, Gülleabfällen oder die Erzeugung von Futtermitteln kommt nämlich einiges zusammen: Fleisch, Wurst und auch Milchprodukte tragen etwa zu zwei Drittel der Treibhausgasemissionen der Ernährung in Deutschland bei.

Gerade Fleisch hat einen hohen CO-Fußabdruck. Für ein Kilogramm Rindfleisch werden im Durchschnitt etwa 13,6 Kilogramm Kohlendioxid (CO) ausgestoßen, für Schweinefleisch sind es 4,6 Kilogramm CO und für Hähnchen 5,5 Kilogramm CO. Zum Vergleich: Für ein Kilogramm eines Bratlings auf Sojabasis werden nur 1,1 Kilogramm CO ausgestoßen - eine Menge Einsparpotenzial. In Deutschland liegt der Anteil der Fleischesser bei 88 Prozent. Sollte das Werbeverbot tatsächlich Wirkung zeigen, ließen sich also auch hierzulande eine Menge Treibhausgasemissionen einsparen.

Bis das Werbeverbot in Haarlem in Kraft tritt, dauert es noch. Früher als 2024 konnte die Stadt den Beschluss nicht durchsetzen. Erst da laufen die Verträge mit den Werbetreibern aus, die für die öffentliche Reklame zuständig sind - und unter denen es offensichtlich noch einige Fleischfans gibt.

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