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Firmenwohnungen:Job plus Apartment

Neubaugebiet Drömlingshöhe in Wolfsburg: Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren hat Volkswagen hier neue Mietwohnungen gebaut.

(Foto: oh)

Immer mehr Unternehmen bauen wieder Wohnungen für ihre Beschäftigten. Das lohnt sich in Zeiten des Fachkräftemangels und ermöglicht günstige Mieten.

Als Silvo Engelmann seine Ausbildung abschloss, da war es eine enorme Erleichterung für den Industriekaufmann, dass ihm die Stadtwerke München (SWM) nicht nur einen Job, sondern auch eine Wohnung anboten. Die hatte zwar nur zwei kleine Zimmer; das Parkett war unter einem Linoleumboden versteckt. Doch als Mitarbeiter musste Engelmann keine Kaution zahlen; die Miete blieb jahrelang günstig. Für den Anfang war es nicht schlecht.

Seitdem sind 20 Jahre vergangen, in denen sich vieles verändert hat. Die meisten Konzerne haben ihre Werkswohnungen verkauft; Städte privatisierten ihre Wohnungsgesellschaften angesichts hohen Leerstands und knapper Kassen. Erst seit ein paar Jahren wendet sich das Blatt. Wohnungen in den Großstädten sind gefragt; die Mieten steigen. Und die wenigen Firmen, die ihre Wohnungen nicht verkauft haben, sind heute froh darüber. Denn die Apartments gewinnen nicht nur an Wert, sie helfen auch auf der Suche nach Fachkräften: Je länger die Warteschlangen für Wohnungsbesichtigungen werden, desto attraktiver ist ein Arbeitgeber, der einen Job plus Wohnung anbieten kann.

Wohnungsbau war für Konzerne jahrzehntelang selbstverständlich - dann kam das große Umdenken

Das Forschungsinstitut Regio-Kontext beobachtet, dass immer mehr Firmen auf den Wohnungsmangel reagieren. "Die Wirtschaft setzt auf mehr Unternehmensattraktivität durch Wohnungsbau", sagt Institutsleiter Arnt von Bodelschwingh. Sei es ein Familienunternehmen wie Meiller aus München-Moosach, das ein Firmengrundstück selbst bebaut, anstatt es zu verkaufen. Sei es ein Dax-Konzern wie Volkswagen, der zurzeit ganze Quartiere in Wolfsburg errichtet.

Vom Comeback der Werkswohnungen profitiert Silvo Engelmann abermals. Der 39-Jährige ist inzwischen Vater zweier Kinder und Führungskraft im Vertrieb der Stadtwerke. Das Apartment mit dem Linoleumboden war irgendwann zu klein; die Familie zog aus. Doch dann, vor ein paar Monaten, boten die Stadtwerke nagelneue Werkswohnungen an. In Schwabing, neben einem kleinen Heizwerk, haben die SWM ein altes Werkshaus umgebaut, das lange leer stand. Acht Wohnungen sind entstanden, mit neuen Balkonen, Kochinseln und Parkettböden. Ohne Linoleum darauf. Hier sind die Engelmanns nun zu Hause.

Doch Schwabing ist erst der Anfang. Gut 500 neue Mietwohnungen bauen die SWM in den nächsten Jahren. Die Neubauten entstehen auf eigenen Grundstücken, etwa auf einer Freifläche zwischen einem Freibad und einer Straße. Die SWM setzen auf einen Mix aus kleinen und großen Wohnungen, die zunächst den Beschäftigten angeboten werden sollen. Ein Teil entsteht als Sozialwohnungen; den Großteil vermieten die SWM getreu dem Mietspiegel. So zahlen die Engelmanns deutlich mehr als zehn Euro Miete pro Quadratmeter.

"Unsere Angebote richten sich nicht nur an einkommensschwächere Mitarbeiter", erläutert Werner Albrecht, Personalgeschäftsführer der SWM. Gerade auf der Suche nach Ingenieuren oder IT-Experten stehe der kommunale Arbeitgeber in einer riesigen Konkurrenz mit Konzernen, die deutlich höhere Gehälter zahlen können. "Da ist es schon ein Wert an sich, wenn wir Bewerbern eine Wohnung zu einem vernünftigen Preis anbieten können", sagt Albrecht. Außerdem gehe es darum, Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden.

Zwar sind die Stadtwerke förmlich zum Neubau gezwungen worden; ursprünglich wollten sie Bauland an Investoren verkaufen, bis die Stadt als Eigentümerin eingeschritten ist. Doch genau darin sieht Regio-Kontext den Reiz des Werkswohnungsbaus: Wenn die Firmen eigene Flächen nutzen, anstatt teures Bauland zu kaufen, seien bezahlbare Neubau-Mieten machbar, sagt Bodelschwingh. Der Staat könnte den Trend fördern, indem er die Vorschriften für den Bau auf bestehenden Grundstücken lockern oder steuerliche Anreize gewähren würde, regt der Forscher an. "Kommt es zu einer Wiederbelebung des Engagements, das Unternehmen früher einmal hatten, dann kann dies ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung der Wohnungskrise werden."

Jahrzehntelang war es nicht nur für kommunale Arbeitgeber, sondern auch für Industriekonzerne Ausdruck ihres Selbstverständnisses, Wohnungen für die Beschäftigten zu bauen. Doch in den Achtziger- und Neunzigerjahren setzte sich der Gedanke durch, Konzerne sollten sich besser auf ihr Kerngeschäft beschränken. Aus den Ausgliederungen sind große, private Wohnungskonzerne entstanden. So verwaltet etwa Vonovia ehemalige Werkswohnungen von RWE oder der Bundesbahn. Die früheren Ruhrkohle-Siedlungen sind im Konzern Vivawest aufgegangen.

Eine Ausnahme unter den Konzernen bildet VW. Dort haben der Betriebsrat und das Land ihren traditionell großen Einfluss genutzt, um mehr als 9000 Werkswohnungen im Konzern zu erhalten. Es sind ganze Häuserblöcke; die Miete beträgt im Durchschnitt sechs Euro pro Quadratmeter. Zwar vermietet Volkswagen Immobilien (VWI) inzwischen frei am Markt. "Wir versuchen aber, unsere Wohnungen bevorzugt an Konzern-Mitarbeiter zu vergeben", sagt Ulrich Sörgel, Leiter des Wohnimmobilien-Geschäfts.

Seit 2011 baut VWI wieder; gut 130 neue Wohnungen sind bereits bezogen. Weitere 400 Wohnungen werden in den nächsten Jahren fertig, mit bodentiefen Fenstern, Fußbodenheizung, Dachterrassen. "Die Wohnungen, die jetzt neu entstehen, sind vor allem für hochqualifizierte Fachkräfte geeignet", sagt Sörgel. Schließlich ist der Wettbewerb um sie am größten.

Die Werkswohnungen von morgen sind also nicht mehr die von gestern. Nur ihre Mieter sind zum Teil dieselben, wie das Beispiel Silvo Engelmann zeigt. "Ich finde, es ist eine Form der Wertschätzung, wenn ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter bei sich wohnen lässt", sagt der Münchner. Den Stadtwerken ist er bis heute treu geblieben.