Süddeutsche Zeitung

Niedergang von Schlecker:Der Laden-Hüter

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Schlecker taumelte erst - und ist jetzt pleite: Es war der schleichende Niedergang eines Imperiums, das Firmenpatriarch Anton Schlecker mit schwäbischer Knausrigkeit und ein wenig Größenwahn aufgebaut hatte. Die Geschichte einer Kette, die als "erweiterte Metzgerei" begann und zum Großdrogisten mit Baumarkt und Autos im Angebot wurde.

Max Hägler

Zum Jahresende versuchten sie, gute Laune zu demonstrieren. Familie Schlecker zeigte sich. Vater Anton und seine schöne blonde Frau Christa strahlen da vom Titelbild des Mitarbeitermagazins Mittendrin. An der Seite, aber doch im Bildhintergrund: die Kinder Lars und Meike. Und die einzige Schlagzeile unter dem freundlichen Familienfoto stimmte ganz auf ein Superjahr ein: "Fit for Future 2012".

Doch vorerst ist das damals im Geiste absoluter Fitness verkündete "große Zukunfts- und Investitionsprogramm" beendet: Es gibt kein Geld mehr in der Firmenkasse, die jahrelange Expansion ist gekappt, der Marktführer taumelt. Am Freitagnachmittag gab das bekannte Unternehmen das bis dato Undenkbare bekannt: Man wolle eine "geplante Insolvenz" einleiten.

Schlecker steht vor der Pleite. Damit ist Tatsache, was Kunden und die etwa 30.000 Mitarbeiter in Deutschland schon seit Monaten beobachteten - den Niedergang. Zuletzt wurden nicht nur immer mehr Geschäfte geschlossen, auch waren Regale leer. Das Unternehmen rechtfertigte sich mit logistischen Schwierigkeiten, bestätigte aber Lieferstopps der Hersteller Beiersdorf und Henkel - wegen schwieriger Verhandlungen.

Seit Mitte 2010 befindet sich Schlecker in der Restrukturierung, wie das Unternehmen jetzt mitteilt. Und nach Informationen der Süddeutschen Zeitung war seit Herbst klar, dass es ums Überleben geht. Wobei dem Vernehmen nach selbst hohe Führungsgremien des Unternehmens von der aktuellen Zuspitzung überrascht wurden.

Der Umsatz in den Filialen: seit zwei Jahren deutlich rückläufig. Jahresergebnis 2010: ein Verlust, der im dreistelligen Millionenbetrag liegen soll. Die Eigenkapitalquote: von über 35 Prozent auf unter zehn Prozent dezimiert. In dieser Lage gab das Unternehmen die Devise aus: Liquidität maximieren, also Konten füllen. Und im Zweifel den Gewinn minimieren. Rabatte und Sonderaktionen sollten es richten. Doch das klappte nicht.

Auf dem Titelbild der Firmenpostille Mittendrin ist Anton Schlecker als Patron zu bewundern, mit leicht verkniffenem Gesichtsausdruck. Der Gründer wusste am besten, wie es um sein riesiges Werk steht. "Schreibtisch an Schreibtisch" mit seiner Frau hat er seit den 1970er Jahren die Drogeriekette aufgebaut. Christa kümmerte sich, zumindest früher, um die Auswahl der Kosmetikprodukte. Er um alles. Der Metzgerssohn aus dem schwäbischen Ehingen an der Donau begann mit 20 Jahren im väterlichen Betrieb; die Familie versuchte sich mit einer "erweiterten Metzgerei" und dann mit einem Selbstbedienungs-Warenhaus. Als Filius Anton merkte, dass Drogerieartikel begehrt waren, wurde der Bereich erweitert und Kerngeschäft.

Stets versuchte er Neues, wollte größer werden, aber nie viel Geld ausgeben. In den 1980er Jahren gab es testweise sogar einen Schlecker-Baumarkt. Und vor einigen Jahren bot der Gründer gar Autos an. "Wir diskutieren halt immer mal über irgendetwas Neues und dann legen wir los", erklärte er. Als 1988 der 2000. Laden eröffnet werden sollte, hieß es: "Pläne werden bei uns immer realisiert."

Es war die Zeit, in der er jeden Freitag und Samstag durchs Land reiste, um neue Märkte zu eröffnen. Schon damals staunte der Verband Deutscher Drogisten: "Keiner weiß so richtig, wie er das macht." Ein Schlüssel: Sparen um jeden Preis. So wurden Lieferanten an den Kosten der Euro-Umstellung beteiligt.

Oder da war die Sache mit den Telefonen - es gab keine. Damit die Filialen erreichbar blieben, notierten die Bezirksleiter und Verkaufsleiter mitunter die Telefonnummern benachbarter Geschäfte. Die Diskussion um diese Zustände wurde befeuert, nachdem ein ertappter Ladendieb eine Verkäuferin ermordet hatte: Wäre das durch einen schnellen Ruf von 110 zu verhindern gewesen? Immerhin, Telefonanschlüsse ließ Schlecker dann in den 1990er Jahren in alle Filialen legen - aber Anrufe entgegennehmen konnten die Mitarbeiter immer noch nicht. Erst das Bundesarbeitsgericht verpflichtete Schlecker 1999 dazu.

Wir wollen der billigste Anbieter sein", erklärte Anton Schlecker einmal. Das gehe nur, "wenn wir die Kosten so gering wie möglich halten". Die Konsequenz: Ein Dauerkampf mit den Gewerkschaften. Die urteilten damals: "Im Vergleich zu Schlecker ist Aldi eine soziale Oase." Bis vor wenigen Jahren sei es ein harter Kampf geblieben, heißt es in der Gewerkschaft Verdi. Immer noch würden unliebsame Mitarbeiter bedroht oder genötigt - mit dem Ziel, dass sie das Unternehmen verlassen.

Aber es habe sich viel gebessert, sagen sie in der Gewerkschaftszentrale in diesen Tagen auch. Wichtigste Errungenschaft: Der Tarifvertrag, der selbst für völlig ungelernte Kräfte einen Mindeststundenlohn von 9,07 Euro vorsieht. Und meist würden auch die Überstunden wie vorgeschrieben bezahlt, lobte die Arbeitnehmervertreter in den vergangenen Wochen.

Verdi wusste, dass es nicht gut mit Schlecker steht. Erst Ende Dezember hatte die Drogeriekette um den Abschluss eines Sanierungstarifvertrages gebeten. Die Not war groß: Das Unternehmen erlaubte einem Wirtschaftsprüfer von Verdi einen Blick in die Geschäftsbücher. Von den Mitarbeitern heißt es: Vielleicht habe er sich kaputtgespart, den Überblick verloren. "Anton Schlecker trägt als Eigentümer persönlich die Verantwortung für seine Beschäftigten. Besonders in einem solchen Falle gilt: Eigentum verpflichtet", erklärt Stefanie Nutzenberger, Verdi-Vorstandsmitglied für den Handel.

Nach SZ-Informationen hat der Einzeleigentümer Anton Schlecker in den vergangenen Jahren auch privates Vermögen in das Unternehmen gesteckt. Und zuletzt suchte er auch Investoren - doch vergebens. Vielleicht, weil der Patron zu eigensinnig war, vielleicht, weil die Gesprächspartner keine Zukunft sahen in der Drogeriekette. Zwar herrschte Schlecker über rund 7200 Filialen, mehr als Rossmann (1600) und dm (knapp 1300) haben - doch der monatliche Umsatz pro Filiale erreicht mit rund 45 000 Euro einen eher mikroskopischen Wert. Rossmann und dm kommen auf das Vierfache beziehungsweise das Sechsfache.

Der andauernde Druck der Gewerkschaften und wohl auch der Mitbewerber führte von 2010 an zum Strategiewechsel. Seitdem gibt es ein neues Logo und einen neuen Spruch: "For You. For Ort." Die beiden Kinder mussten ran. Lächelnd gaben sie Interviews, im aktuellen Mitarbeiterheft steht ihr Name unter dem Editorial. Wobei einer, der zuletzt viel mit Schlecker zu tun hatte, sagt: "Operativ sind die beiden Kinder nicht eingebunden." Und auch die Gewerkschaft glaubt, dass das Geschäft weiter von den Eltern und den Geschäftsführern gesteuert wurde. Fest steht jedenfalls: Die Grußformel im Mitarbeiterblatt - "Auf ein erfolgreiches Jahr 2012" - war nicht korrekt.

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Quelle:
SZ vom 21.01.2012
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