Fintech-Hauptstadt Goodbye, London

Londoner laufen morgens über eine Themsebrücke ins Bankenviertel, im Hintergrund die Kathedrale St. Paul’s. Der Brexit belastet die Finanzbranche.

(Foto: Stefan Wermuth/Reuters)

Die britische Hauptstadt zieht viele Gründer an, doch der Brexit bereitet nun große Probleme.

Von Björn Finke, London

Daniel Klein wird wohl bald Abschied nehmen müssen: von seiner Heimatstadt und von einigen Kollegen im Management-Team. Der 39-jährige Deutsche ist Gründer und Chef von Sum-Up, einer Finanzfirma mit Sitz in London. Das Unternehmen mit gut 500 Beschäftigten ermöglicht kleinen Händlern und Selbständigen, ohne viel Aufwand Bank- und Kreditkarten zu akzeptieren. Als Lesegerät dient ein von Sum-Up entwickeltes Kästchen, das mit dem Smartphone oder Tablet des Händlers verbunden wird. Dort läuft ein Programm der Firma. Sum-Up bietet das in 31 Ländern an, darunter vielen in der EU.

Dafür nutzt das 2011 gegründete Unternehmen seine Lizenz von der britischen Finanzaufsicht FCA. Dank des Binnenmarktes kann Sum-Up mit der Erlaubnis auch in anderen EU-Staaten tätig sein. Doch nach dem Brexit im Jahr 2019 wird das Königreich vermutlich nicht mehr am Binnenmarkt teilnehmen. Deswegen wird Sum-Up die Firmenzentrale aus London ins Ausland verlagern. Wohin es geht, ist noch unklar. Klar aber ist, dass nicht alle Mitglieder des Managements den Umzug mitmachen werden - "allein schon wegen deren Familien", sagt Klein. "Das ist schade."

Unternehmen wie Sum-Up, die mit cleverer Technik und Software die Finanzbranche aufmischen, werden Fintechs genannt. Und London ist bislang Europas Fintech-Hauptstadt. Im Königreich - und hier vor allem in der Hauptstadt - beschäftigen 1600 solcher Betriebe rund 60 000 Menschen. Investoren steckten im ersten Halbjahr 2017 fast eine Milliarde Dollar in britische Fintechs, haben die Berater von Accenture ermittelt. Nach Deutschland floss nur ein gutes Drittel dieser Summe. Doch viele der Londoner Technologiefirmen bedienen Kunden auf dem Festland. Der Brexit könnte das erschweren: Diese Sorge teilen Fintechs mit den etablierten Banken und Versicherern an der Themse.

Sum-Up hat bereits mit Aufsichtsbehörden in verschiedenen EU-Staaten gesprochen und Anträge auf eine Lizenz eingereicht. Schließlich könnte die britische bald nicht mehr gelten auf dem Festland. "Wir müssen vorausschauend planen", sagt Vorstandschef Klein. Um eine Genehmigung in einem anderen Land zu erhalten, müsse die Firma auch Teile des Managements dorthin verlagern - plus die Teams, die sich um interne Kontrollen und den Kampf gegen Geldwäsche kümmern. "Dann kann unsere Zentrale nicht mehr in London bleiben", sagt er bedauernd. Das Büro an der Themse werde in Zukunft nur für den britischen Markt zuständig sein.

Ein weiteres Problem sei, dass die Unsicherheit wegen des Brexit Fachkräfte abschrecke, sagt Klein. "Unsere Zentrale erhält bereits weniger Bewerbungen von EU-Ausländern", berichtet er. "Es kommen zudem weniger Gründer nach London."

Im Vergleich zu Sum-Up-Chef Klein hat Manuela Rabener deutlich weniger Brexit-Sorgen. Die 39-jährige Deutsche sitzt im Vorstand des Start-ups Scalable Capital. Das 2014 gegründete Unternehmen gehört zu den Robo-Advisorn. Das sind Fintechs, die vollautomatisch Kundendepots verwalten. Die Firma mit gut 50 Beschäftigten hat Büros in München und London - und Zulassungen von der britischen und der deutschen Finanzaufsicht. Daher zwingt der Brexit sie nicht dazu, eine neue Lizenz in einem EU-Staat zu beantragen. Rabener hat die Londoner Zweigstelle mitaufgebaut und ist fürs Marketing verantwortlich.

"Business ist hier einfacher als in Deutschland", sagt die Unternehmerin

Sie glaubt wie Klein, dass der Brexit Londons Reiz für Fachkräfte aus EU-Staaten schmälere. "Und aus diesen Staaten kommen bisher viele der Fachkräfte", sagt sie. Im Londoner Büro von Scalable Capital seien mehr EU-Ausländer als Briten tätig. Trotzdem schätzt die frühere McKinsey-Beraterin, dass die Metropole Europas Fintech-Hauptstadt bleiben wird: "Das Umfeld ist super für unsere Branche." Am wichtigsten Bankenplatz des Kontinents gebe es viele Menschen mit Ahnung vom Finanzgeschäft, sagt sie. Zugleich ziehe die Weltstadt Technologie-Start-ups an - diese Mischung aus Technologie- und Finanzexpertise an einem Ort sei enorm hilfreich.

Außerdem seien die Finanzaufsicht FCA und die Steuerpolitik der Regierung gründerfreundlich, sagt Rabener. "Business ist hier einfacher als in Deutschland." In der alten Heimat habe sie einmal eine GmbH gegründet: "Das war ein unfassbarer Aufwand. Und als ich später bei der GmbH einen Eintrag ändern musste, hatte der Notar Dollar-Zeichen in den Augen."

Richard Lumb ist ebenfalls zuversichtlich für Londons Zukunft. Lumb leitet bei der Beratung Accenture das Geschäft mit der Finanzbranche. Der Brite verweist darauf, wie viel Investorengeld britische Fintechs trotz des Brexit anziehen. Und darauf, dass der EU-Austritt zahlreiche Stärken und Vorteile Londons nicht berühre: "Berlin zum Beispiel ist cool und attraktiv für Technologie-Gründer", sagt er. "Frankfurt dagegen ist das ruhige Finanzzentrum Deutschlands. Doch London vereint das Beste beider Welten in einer internationalen Metropole."