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Fintech:Besorgte Revoluzzer

Londons Technologiefirmen mischen den Bankenmarkt kräftig auf. Nun erwägen Gründer umzuziehen - auch nach Berlin.

Tock, tock, tock. Zwei junge Männer spielen Tischtennis; die Platte steht mitten im Raum. Eine junge Frau balanciert auf einem Barhocker, ihr Laptop auf dem erhöhten Tisch, und erklärt etwas in osteuropäisch eingefärbtem Englisch. An einem Tisch in der Ecke sitzt ein Mann mit kurzer Hose und Flipflops, vor sich eine Tasse Tee mit sehr viel Milch, und weist nacheinander auf seine Angestellten: "Aus der Slowakei. Aus Polen. Aus den Niederlanden", sagt Michael Kent, Gründer und Chef der Londoner Internetfirma Azimo. "Wenn es nach dem Brexit Einschränkungen gibt, Arbeitnehmer aus der EU zu beschäftigen, verlassen wir Großbritannien."

Azimo hat 90 Mitarbeiter, 40 in der Londoner Zentrale, 50 im polnischen Krakau. Das Unternehmen macht seit 2012 Banken bei Überweisungen ins Ausland Konkurrenz. Kunden können über Azimos Webseite oder Handyprogramm einfach und billig Geld ins Ausland schicken - aus 22 europäischen Ländern in 190 Staaten. Deutschland ist der zweitwichtigste Markt.

Kents Unternehmen gehört zu den boomenden Fintechs: So werden junge Technologiefirmen genannt, die übers Internet Geldgeschäfte anbieten, bequemer und oft günstiger als Banken. Während die Geldinstitute Filialen dichtmachen und Stellen streichen, wächst die Fintech-Szene rasant; Investoren pumpen Milliarden in die Zukunftsbranche. London ist Europas Fintech-Hauptstadt, und die britische Regierung hat das Ziel ausgegeben, die Metropole zur Nummer eins der Welt zu machen, noch vor dem Silicon Valley.

Doch der Sieg des Brexit-Lagers im Referendum bedroht die hehren Pläne - und ist eine Chance für Frankfurt und Berlin.

Denn genau wie Londons Banken und Versicherer profitieren die Fintech-Firmen von EU-Regeln. Sie dürfen in allen Mitgliedsstaaten tätig sein, ohne dass sie bei jeder nationalen Finanzaufsicht eine Lizenz beantragen müssen. Die Genehmigung der britischen Kontrollbehörde, der Financial Conduct Authority (FCA), reicht. Fachleute sprechen davon, dass die Unternehmen einen "EU-Pass" haben. Nach dem Austritt könnte dieses Privileg wegfallen, je nach Ergebnis der Verhandlungen mit Brüssel. In dem Fall müssten die Londoner Finanzfirmen eine Genehmigung in einem EU-Staat einholen - und dorthin Abteilungen oder gar die Europazentrale verlagern. Das wäre es dann gewesen mit Londons Ambitionen auf die Fintech-Weltherrschaft.

Blick auf die Hochhäuser des Londoner Finanzviertels Canary Wharf: Die Gründer junger Internetfirmen befürchten Nachteile nach einem Austritt aus der EU.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Azimo ist gewappnet: "Natürlich haben wir einen Notfallplan. Wir sind schließlich nicht die britische Regierung", sagt Kent. Die habe sich ja offenbar gar nicht auf einen Sieg der Brexit-Fans vorbereitet. Verlieren britische Finanzdienstleister ihren EU-Pass, werde Azimo vermutlich weiter in London bleiben und weiter von der FCA überwacht werden, sagt er. Zusätzlich werde das Unternehmen aber in einem EU-Staat eine Lizenz beantragen, die dann für die ganze Union gilt. An diesem Standort wird Azimo auch Jobs schaffen.

"Ob wir deswegen Stellen von London verlagern müssen oder einfach nur den Schwerpunkt bei Neueinstellungen auf den anderen Standort legen, ist offen", sagt der Manager. "Zum Glück wachsen wir rasant." Bisher hätten ihn keine Wirtschaftsförderer europäischer Städte auf Umzugspläne angesprochen. "Das ist allerdings nur eine Frage der Zeit", sagt er. Es sei klar, dass Dublin, Frankfurt oder Berlin den Fintech-Sektor stärken wollten. Müsste er zwischen Berlin und Frankfurt wählen, würde er sich für Berlin entscheiden, sagt Kent. Da sei die Internet-Gründerszene größer.

Kent sagt, bislang sei London "der beste Platz auf der Welt für Fintech-Gründer". In der Finanzmetropole gebe es talentierte Arbeitskräfte von allen Kontinenten und große Investoren aus Europa, Asien und den USA, die Geld in Start-ups stecken. Außerdem biete die Stadt Zugang zum Riesenmarkt der EU. "Doch ein Austritt bedroht alle drei Vorzüge", sagt der 41-Jährige. Die Unsicherheit nach dem Referendum schrecke Investoren ab. Außerdem versprach die Brexit-Kampagne den Wählern, Einwanderung zu erschweren.

Insgesamt beschäftigen Fintech-Firmen 61 000 Menschen in Großbritannien, das sind fünf Prozent aller Angestellten der britischen Finanzbranche. Lediglich in Kalifornien, im Silicon Valley, hat der Fintech-Sektor noch mehr Mitarbeiter, heißt es in einer Studie der Berater von EY.

Die allermeisten der britischen Technologiefirmen sitzen in London. Die Stadt ist nicht nur Europas größter Finanzplatz, sondern auch Heimat vieler Internet-Start-ups. Deswegen können Fintech-Gründer dort Mitarbeiter, Anwälte und Berater finden, die sich mit beiden Welten auskennen, der des Geldes und der des Netzes. Viele Fintechs entwickeln zudem Produkte für und nicht gegen die Banken. Sie wollen den Geldinstituten nicht wie Azimo Kunden abjagen, sondern ihnen Software verkaufen. In London sind die wichtigsten Finanzkonzerne des Planeten höchstens ein paar U-Bahn-Stationen entfernt - praktisch für die Akquise.

Außerdem gelten die Finanzaufseher von der FCA als sehr gründerfreundlich. "Wenn ich eine Frage habe, kann ich bei der FCA anrufen und bekomme eine Antwort", sagt Kent. In anderen Ländern müssten Manager Briefe schreiben und Monate auf eine Reaktion warten.

Daniel Klein ist ebenfalls voll des Lobes für die Kontrolleure: "Ich bin 2002 extra nach London gezogen, um hier mein Start-up aufzubauen", sagt der Deutsche. Die Aufseher in Frankfurt seien zu konservativ gewesen, die Briten seien viel offener. Kleins Firma hieß Skrill, sie bietet Überweisungen über das Internet an. Später verkaufte er Skrill und gründete zusammen mit drei Bekannten Sum-up, wieder mit Sitz in London. Sum-up hat inzwischen 300 Beschäftigte und Büros in Berlin, Amsterdam, Warschau und São Paulo. Dank Sum-ups Technik können kleine Geschäfte Kartenzahlungen akzeptieren, ohne ein teures Terminal kaufen zu müssen.

Auch Sum-up nutzt den EU-Pass für Finanzdienstleister. Wie Azimo-Chef Kent denkt Klein über eine Lizenz in einem EU-Staat nach. "Aber bisher ist mir nicht klar, wo", sagt er. In Deutschland eher nicht - seine Skepsis gegenüber der Frankfurter Aufsicht Bafin hat sich nicht gelegt: "Die Behörden in skandinavischen Ländern oder in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg sind fortschrittlicher."

Klein sagt, viele in der Londoner Fintech-Gemeinde machten sich gerade Sorgen. "Es herrscht große Unsicherheit, und die wird anhalten, weil die Gespräche der Regierung mit der EU ewig dauern werden." Für Deutschland sei das "eine einmalige Chance", junge Unternehmen abzuwerben. Doch dafür müsste die Bafin auf die Technologiefirmen zugehen. Der 38-Jährige ist pessimistisch: "Deutschland wird diese Chance verpassen, befürchte ich."

© SZ vom 04.07.2016

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